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08.06.2009

Der Glaube, die Vernunft und das Gebet

Der alte Jude betet seit fünfzig Jahren an der Klagemauer um ein Ende der Gewalt und des Hasses im Heiligen Land. "Ich fühle mich, als ob ich gegen eine Wand redete", sagt er resigniert der Reporterin. Ein Argument gegen den Glauben an Gott, gegen religiöse Praxis? Joachim Negel, Theologe aus Paderborn und fünf Jahre Studiendekan in Jerusalem, verneint. Gerade das treue Beten "setzt Kräfte Gottes und des Menschen in ein glückliches Verhältnis", sagt er.

Ein Symposium der Katholisch-Theologischen Fakultät lotet Dimensionen einer Theologie des geistlichen Lebens aus. Es sind die Probevorlesungen der sechs jüngeren Bewerber um die erstmals zu besetzende Augsburger Stiftungsprofessur. Das Thema ist heiß, seit Peter Sloterdijk den Menschen spirituelle Übungen diesseits von Religion zur Verbesserung ihres Lebens empfiehlt. Und seit Atheisten in England mit Plakaten propagieren, dass es "wahrscheinlich" keinen Gott gibt und deshalb niemand sich sorgen solle, sondern sich seines Lebens erfreuen möge.

"Das genaue Gegenteil strebt die Theologie des geistlichen Lebens an", betont dagegen Thomas Möllenbeck aus Paderborn. Sie folgt der Verheißung, dass in Christus Leben in Fülle zu gewinnen ist. Die größere, göttliche Perspektive erweitere vernünftig die menschlichen Möglichkeiten.

Allerdings müsse die Theologie zuerst ein "Denkverbot" der Gegenwart überwinden, dass gesunder Menschenverstand einen von außen eingreifenden Gott und allmächtigen Schöpfer akzeptiert. Amerikaner treffen die subtile Unterscheidung: "I am spiritual, not religious." Sie pflegen eine geistliche Ausrichtung, ohne aber an den göttlichen Geist zu glauben.

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"Die Vernunft entwickelt sich durch die religiöse Erfahrung weiter", schließt Wolfgang Vogl aus Konnersreuth (Oberpfalz) an. Zu Recht beanspruche die spirituelle Theologie allgemein Deutungskompetenz gegen die Gefahr von mythisch-esoterischer Banalisierung und religiösem Fundamentalismus, sagt der in Rom geschulte Theologe. Christliche Spiritualität sei immer die Haltung des sich rational kontrollierenden Menschen gewesen, zwar nicht rein intellektuell gewonnen, aber vernünftig in ihrer Lebenspraxis.

Mit Blick auf die Integration des Christentums in die antike Gesellschaft vertraut der Schweizer Agnell Rickenmann auf die "Kraft der Synthese". In jeder denkerischen Krise habe sich der "trendresistente" Kern der Christus-Offenbarung neu eingewurzelt in den Begriffen der jeweiligen Epoche, weil die Theologen überzeugt waren vom alleweil befruchtenden Logos Gottes.

Etwas schlicht zieht der Bamberger Privatdozent Bernd Elmar Koziel das Fazit, wenn der glaubende Mensch erst einmal das vorauslaufende rettende Handeln Gottes verinnerlicht habe, "kann er gar nicht anders handeln", als scheinbar mühelos nach Gottes Geboten zu leben.

Zwischen Ergreifung und Ergriffenheit oszilliert die Erfahrung des betenden Menschen, sagt Joachim Negel. Ein "aktives Passiv" sei von ihm gefordert: "Ich greife nach dem, was mich längst ergriffen hat." Das Gebet lässt den Menschen einer größeren Wirklichkeit zugehörig sein, er stellt sein ganzes Wollen und Können Gott zu Verfügung - und erfährt eine wechselseitige Steigerung.

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