Newsticker

Bund und Länder wollen Feiern in öffentlichen Räumen auf 50 Teilnehmer beschränken
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Ein Tasmanischer Teufel

26.07.2010

Ein Tasmanischer Teufel

Ein Kabarettist mit Ausdauer: Vier Stunden (mit Pause) unterhielt Urban Priol in der Schwabenhalle sein Publikum. Foto: Michael Hochgemuth
Bild: Michael Hochgemuth

Die nach oben und hinten abstehenden Haare sind seit Jahren ein Markenzeichen des Kabarettisten Urban Priol. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man sein Erscheinungsbild auch auf dasjenige der aktuellen Regierungskoalition zurückführen, welches der 1961 geborene Aschaffenburger als komplett haarsträubend wahrnimmt.

Wenn es in der aktuellen Kabarettszene eine Entsprechung zum in der Tierwelt ziemlich einzigartigen Tasmanischen Teufel gibt, dann ist diese Urban Priol. Wie ein Berserker pflügte sich der Unterfranke bei seinem kurzfristig von Scherneck in die Schwabenhalle verlegten Solo-Auftritt durch gegenwärtige politische Acker- und Minenfelder. Vor allem huldigte Priol vor über 2000 Besuchern (!) seiner offensichtlich alle Dimensionen sprengenden Merkel-Phobie, die sich als roter Faden durch sein (mit Pause) fast vierstündiges Programm zog.

Priols somit schon in konditioneller Hinsicht erstaunlicher, gnadenloser, oft treffsicherer, manchmal auch allzu derber und platter Frontalangriff widmete sich zunächst der "wichtigsten Nachricht für die Stimmung im Lande: Jogi bleibt". Wichtig sei dies für die Politik, weil "gerade während einer Fußball-WM oder -EM all die Sauereien, wie die Erhöhung der Krankenkassenbeiträge oder unsoziale Sparpakete, durchgewunken werden können".

Anders die "unverzichtbaren Rücktreter in der Politik": Koch in Hessen, Rüttgers in NRW oder Ole von Beust, der mit 55 zurücktritt und "seine Pflicht getan hat - wenn das jeder Briefträger mit 55 auch so macht, dann geht aber mal richtig die Post ab". Statt "Ich will hier rein!" sei "Wer holt uns hier raus?" das Motto heutiger Politiker, was auch für Horst Köhler gelte, der "sogar mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedet wurde, während man früher Fahnenflüchtlinge erschossen hat".

"Wie im Film" ist das Programm des Kabarettisten betitelt, der "als mein eigener Avatar" den Angriffen auf den Sozialstaat, der Bankenkrise und dem Dilettantismus zu trotzen sucht. Der Horoskop-Wahn, die "Inflation der Glücksexperten", der "Krisen-Käpt'n Ahab vom Ifo-Institut" (Sinn) und Griechenlands Finanzgebaren, immer wieder die Kanzlerin, "dieses Prinzip Gottesanbeterin", boten dem technisch makellosen, nicht selten aber auch grob beleidigenden Kabarettisten Gelegenheiten, sein Können zu zelebrieren. Für den am Ende begeistert gefeierten Priol gilt jedenfalls: "Alles, was Du bist, bist Du durch die, die Du jagen musst."

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren