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17.06.2009

Er wurde langsam blind - und hielt das vor allen geheim

Wolfgang Schmidt wollte unbedingt Karriere machen, lebte sogar in Tokio. Orte mit schlechten Lichtverhältnissen mied er jedoch. Denn jahrelang hielt er geheim, dass er langsam erblindete, weil er an unheilbarer Netzhautdegeneration leidet. Irgendwann konnte er nicht mehr. Mit 40 stürzte er in eine tiefe Krise. Heute ist er 48 und kann ein erfülltes Leben vorweisen. Ein Leben voller Perspektiven.

Im Lauf von 33 Jahren hatte sich die Sehkraft Schmidts radikal verschlechtert. Heute ist er auf dem rechten Auge völlig blind. Das linke weist nur noch eine geringe Sehkraft auf; so minimal, dass sie der Augenarzt nicht messen kann. Schmidt leidet an Netzhautdegeneration, einem erblichen Gendefekt, der zur Erblindung führen kann.

Mittlerweile hat der Wahl-Augsburger sein Leben mit der Behinderung reorganisiert. Vor knapp sechs Jahren hat er neuen Mut gefunden, den Teufelskreis aus Isolation und Depression durchbrochen, sich wieder das Gefühl geschenkt, "doch etwas wert zu sein".

Lange hielt Schmidt seine Krankheit, für die es schon mit 16 die ersten Anzeichen gab, geheim. Nur so war es ihm möglich, in einem großen Rückversicherungsunternehmen Karriere als Kundenbetreuer japanischer Klientel zu machen. "Damals war ich viel auf Geschäftsreise. Einige Zeit habe ich in Tokio gelebt. Die Krankheit war dabei ein kalkulierbares Risiko", erzählt er. Er passte sich an sein Handicap an und verkleinerte seinen Aktionsradius. "Da ich überwiegend nachtblind war, habe ich unbekannte Orte bei Nacht gemieden", sagt er. Sein enormer Ehrgeiz, "beruflich so viel wie möglich zu erreichen", aber auch das Leugnen seiner Sehschwäche ermöglichten ihm die Karriere.

Er wurde langsam blind - und hielt das vor allen geheim

Das Gefühl, weniger wert zu sein

Selbst gegenüber Freunden war er um keine Ausrede verlegen. "Ich hätte es einfacher haben können, wenn ich nur ein Wort gesagt hätte." Doch das Gefühl "minderwertig, einfach weniger wert zu sein als die anderen", war für ihn unerträglich. Die Einschränkungen zu verkraften, die ihm die Krankheit wie einen dunklen Schleier über seine Augen legte, war zu schwer.

Als die Netzhautdegeneration Schmidt mit 40 Jahren dann fast sein gesamtes Augenlicht geraubt hatte, hatte er, wie er es nennt, sein "Outing". Fast zerbrach er daran. Doch er hat sich wieder aufgerappelt. "Ich bin mit meinem Leben zufrieden", sagt er heute.

Fachmännische Beratung beim Kleiderkauf, hilfsbereite Mitmenschen und ein organisierter Alltag helfen Schmidt, selbstbewusst und lebensfroh seinen Weg zu gehen. "Ich bin kein Außenseiter der Gesellschaft", sagt er mit fester Stimme. Und dass das mittlerweile so ist, hat sich der Mann, der gelernt hat, sein Schicksal zu akzeptieren, hart erkämpft.

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