Newsticker

Touristen müssen Hotels in Bayern spätestens am 2. November verlassen
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Erhabenheit und Aufruhr

Porträtabend

20.01.2015

Erhabenheit und Aufruhr

Ein „Gruppenbild mit Carl Philipp Emanuel Bach“ bringt den Sohn des großen Thomas-Kantors näher

Von den Bach-Söhnen gibt es ein kalauerndes Bonmot: Johann Christian, der erfolgreiche Londoner Bach, „trank und schrieb“; Wilhelm Friedemann, eher tragische Figur und verkanntes Genie, „trank nicht und schrieb nicht“; Carl Philipp Emanuel schließlich „schrieb und trank nicht“. Ein Porträtabend des Leopold-Mozart-Zentrums (LMZ) mit Kurzreferaten, Rezitationen, Komponisten-Gespräch sowie einem Konzert beleuchtete „CPE“ schon genauer. Im „Gruppenbild mit Carl Philipp Emanuel Bach“ bekam der zweitälteste Sohn (1714 - 1788), dessen 300. Geburtstag letztes Jahr begangen wurde, schärfere Konturen.

Bezeichnet wird er als Protagonist einer „neuen Empfindsamkeit“. Dies nahmen kompetente Musiker und Komponisten näher unter die Lupe: Christoph Hammer, Professor für historische Tastenmusik, und die Komponisten Volker Nickel, Fredrik Schwenk und Markus Schmitt. Hammer rückte „Empfindsamkeit“ weg von den Assoziationen „Übersensibilität, blasser Ästhetizismus“. Er betonte den subjektiven Charakter dieser „Empfindsamkeit“, der Revolutionäres beinhaltet, dem das heftige „Sturm und Drang“-Gefühl von Goethes Werther entspricht. Er steht für einen Musikstil, der über die Grenzen der überragenden Formensprache von Gottvater Johann Sebastian Neues sucht, die überraschende Wendung, den jähen Kontrast und spontanen Ausdruck, der mit seiner Musik die Nähe des fühlenden Publikums suchen muss. Kurz, der das aufkommende individualistische bürgerliche Konzerterlebnis aus der höfisch-klerikalen Exklusivität hebt.

Kein Wunder, dass ein solcher Musiker Komponisten seiner Nachfolge – allen voran Beethoven – und auch unserer Moderne nahesteht. Markus Schmitt und Fredrik Schwenk, beide aktuelle bzw. frühere LMZ-Dozenten, und der gebürtige Augsburger Volker Nickel bestätigten diesen Einfluss auf ihr Schaffen.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Dass Bachs Stil mit der Veränderung seines Hauptinstrumentes, des „Claviers“, einhergeht, machte Hammer klar. Die Entwicklung vom „gezupften“ Cembalo zum Klang, der durch den Schlag der Hämmerchen auf die Saiten erzeugt wird, erlaubte viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten. Dafür steht seine „Freye Fantasie in fis-moll – C.P.E. Bachs Empfindungen“, deren improvisatorische Geste Christoph Hammer mit ebenso expressiver Radikalität auf dem Hammerklavier demonstrierte. Solcher Ausdruck floss auch in die Sonate in C ein. Der 14-jährige Mendelssohn, dessen Großtante Kontakt mit CPE hatte, lässt Bachs freien Impuls in der f-Moll-Violinsonate spüren, geschmeidig modelliert von Stéphanie Rott. Ebenfalls ein Kontrast-Phänomen ist, dass der Bach-Sohn auch den erhabenen Pathos-Ton pflegte. Sopranistin Vanessa Fasoli führte es mit Liedern aus der pietistischen Feder von Gellert vor.

In der modernen Abteilung brachte Stéphanie Rott mit Pianistin Liana Mkrtchyan Volker Nickels „Abendlied“ nach CPE zur Uraufführung, deren flammende Toncluster den Choral-Duktus zu suchen scheinen. Ebenfalls auf dem modernen Flügel spielte Guranda Gabelaia Markus Schmitts „Tre sonate galanti per il pianoforte“, drei von klangtechnischen Raffinements wie köstlichem Humor („Carillon“ als Karikatur einer auseinanderbrechenden Spieluhren-Mechanik) geprägte Anmutungen alter Tanz- und Liedformen.

Höhepunkt des bestens besuchten Abends im Rokokosaal war die Begegnung von Beethoven mit Wilhelm Killmayer (*1927). Cellist Andreas Schmalhofer und José Gallardo am Klavier verschränkten im Abwechslung-Modus Klavier-Bagatallen Beethovens mit den „Acht Bagatellen“ für Cello und Klavier des poetisch-anarchischen Zeitgenossen. Ausdruckswut und Verwandlungskunst der beiden scheinbar so unvereinbaren Komponisten gingen ineinander – Naivität, seliger Volkston und der überraschend einbrechende Spuk. Wie Andreas Schmalhofer mit Killmayers hauchzarten, deftig ratternden, schwerelos getuschten Klangpoesien und dem irrsinnig fortrasenden Finale „spielte“, belohnte das Publikum mit Beifallsstürmen.

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren