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Kauf vor Ort

18.05.2015

„Handwerker sind Individualisten“

Hans-Peter Rauch, Präsident der Handelskammer für Schwaben.
Bild: Ulrich Wagner

"Ein starkes Handwerk braucht Mut und Optimismus", dafür setzt sich Hans-Peter Rauch, Präsident der Handelskammer für Schwaben, ein. Von Marcus Barnstorf

Im Interview begrüßt der Metzgermeister aus dem Oberallgäu die Initiative der Donau-Zeitung und Wertinger Zeitung „Kauf vor Ort. Weil deine Stadt alles hat“ und blickt zuversichtlich in die Zukunft.

Welche Bereiche des Handwerks sind vom veränderten Kaufverhalten betroffen?

Hans-Peter Rauch: Bedingt durch die direkten Vertriebswege zum Endverbrauch stellen sich das Nahrungsmittel- und personenbezogene Dienstleistungsgewerbe neuen Herausforderungen. Aber auch Schreiner, Kachelofenbauer, Druckereien sind betroffen. Das Internet ist eine reine Bequemlichkeit. Spannend wird es dann, wenn es um die Themen Qualität, Gewährleistung und Rückgabe geht. Hier punktet – ebenso wie der klassische Einzelhandel – der Handwerker vor Ort.

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Kann das Handwerk von der zunehmenden Digitalisierung der Gesellschaft profitieren?

Rauch: Mit Sicherheit! Heute schon sind die Kunden besser informiert als das früher der Fall war. Auch als Einkäufer nutzen die Handwerker das Internet und profitieren davon. Was das World Wide Web allerdings nicht bieten kann, ist die Individualität und Markenunabhängigkeit.

Handel und Handwerk unterliegen dem Schutz der Sonntagsruhe. Online-Shops hingegen haben an sieben Tagen der Woche 24 Stunden "geöffnet". Sehen Sie hierbei ein rechtliches Ungleichgewicht?

Rauch: Ich glaube nicht, dass der Gesetzgeber hier tätig werden kann – wie auch? Da müssen wir die Kirche schon im Dorf lassen. Es gibt die Möglichkeit, Schausonntage zu veranstalten und – je nach Kommune – an bis zu vier Sonntagen im Jahr Produkte und Dienstleistungen anzubieten. Dabei sollte man immer auch an die Inhaber und Mitarbeiter sowie deren Familien denken.

Internet als Chance für Handwerksbetriebe

Bietet das Internet nicht Möglichkeiten, neue Verkaufsorte zu erschließen?

Rauch: Ich sehe darin sehr wohl große Chancen für unsere Handwerksbetriebe. Es ist einfacher geworden, mit Kunden in Kontakt zu treten. Das macht ein Beispiel aus meinem eigenem Betrieb deutlich: Ein Hamburger Unternehmen wollte im Allgäu ein Mitarbeiterfest organisieren. Über das Internet sind sie auf meine Metzgerei aufmerksam geworden. Früher wäre das nicht oder nur schwer möglich gewesen.

Wie sieht Ihr persönliches Konsumverhalten aus?

Rauch: Da bin ich sehr strikt, auch mein Bekannten- und Verwandtenkreis. Wenn ich mitbekomme, dass jemand dem Händler oder Handwerker vor Ort nicht einmal die Chance gibt, ein Angebot abzugeben, spreche ich ihn direkt an. Wir können die Verbraucher nicht umerziehen, nur überzeugen. Deshalb gefällt mir die Initiative „Kauf vor Ort“ auch so gut. Alle haben gegenüber der Gesellschaft eine gewisse Verpflichtung. Ich appelliere an das soziale Gewissen.

Im Ernstfall: Lebensgefahr

Welche Rolle spielen gegenwärtig und auch in zukunft die drei großen "S": Service, Sauberkeit und Sicherheit?

Rauch: Sicherheit ist zweifelsohne ein großes Thema. Was nützt es, wenn ich übers Internet einen Rauchmelder kaufe und ich ihn dann falsch installiere? Das kann im Extremfall Leben kosten. Gleiches gilt für das Kfz-Handwerk oder die Bereiche Bauen und Wohnen. Hier sind Fachhandwerker gefragt, die gut ausgebildet und auf dem neuesten Stand der Technik sind.

Der Service wird immer mehr in Anspruch genommen. Aus Kapazitätsgründen ist eine Serviceleistung jedoch nicht immer sofort möglich. Aber es ist wichtig, dass Kunden das Gefühl gegeben wird, er wird ernst genommen; das Problem wird zeitnah gelöst.

Jeder Verbraucher kann Sauberkeit sehen. Gesetze, Verordnungen und Hygienestandards sind notwendig und richtig. Jedoch sind Handwerker stets Individualisten, die schnell und programmatisch agieren und auch reagieren müssen. Hier stellt uns das Kontrollsystem oftmals ein Bein.

Dorthin gehen, wo der Markt ist

Ist das Handwerk auf die älter werdende Generation eingestellt?

Rauch: Wer im Verkauf in irgendeiner Weise tätig ist, muss sich darauf einstellen. Wir müssen dorthin gehen, wo der Markt ist. Wenn ich eine Seniorenresidenz am Ort habe, muss ich als Friseur, als Konditor oder als Optiker Präsenz zeigen. Insgesamt gesehen meine ich, dass das Handwerk gute Zeiten vor sich hat. Das war nicht immer so. Es wird immer wichtiger, Verbünde zu schaffen, um den Kunden einen kompetenten Rundum-Service bieten zu können.

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