20.03.2017

Leipzig liest Litauen

Literatur Die Frühjahrsbuchmesse blickt ins Baltikum. Wir geben schon mal Lektüretipps

Leipzig Ritter des Deutschen Ordens durften sich vor rund 600 Jahren ansiedeln, aber ohne Waffen. Juden waren willkommen, Christen, gleich welcher Konfession, ebenso. Sie durften ihre Religion ausüben, jedoch nicht missionieren. Litauen war ein offenes Land, Toleranz selbstverständlich. Die Hauptstadt Vilnius galt als litauisches Jerusalem. Am Ostra Brama, dem Tor der Morgenröte, wurden erschöpfte Zugewanderte, die Schutz suchten, empfangen. Viele blieben und wurden Litauer.

Als immer mehr Russen von Osten her eindrängten, kam es zu Verwerfungen. Nach Lenins Revolution 1917 und am schlimmsten unter Stalin legte sich die Angst wie eine dunkle Wolke über das Land. Noch mehr setzten die Nazis den Menschen zu, bald nach Kriegsbeginn war der Terror allgegenwärtig. „Es schleichen / Drohung und Stahl mitten / durchs Herz von Europa“, beschrieb der Dichter Henrykas Nagys diese Zeit im Baltikum.

Litauen, einst Satellitenstaat der Sowjets, seit 1990 unabhängig, hat knapp drei Millionen Einwohner. Die Literatur, vor allem die Poesie, hat in dem Land eine weit zurückreichende Tradition. Bei der Leipziger Buchmesse, die an diesem Donnerstag beginnt und bis Sonntag dauert (23. bis 26. März), ist Litauen in diesem Jahr Gastland, mehrere litauische Autoren werden auftreten. Bis zu vier Bücher aus dem Litauischen werden pro Jahr ins Deutsche übersetzt. Für die Autoren ist das wichtig, kaum einer kann vom Schreiben leben. Auf der Messe und bei rund 50 Veranstaltungen in Leipzig können sie zeigen, was sie literarisch können. Eine seltene Gelegenheit.

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Laurynas Katkus’ „Moskauer Pelmeni“ (Leipziger Literaturverlag, 140 S., 12,95 €) erzählt von seiner Jugend unter russischer Vorherrschaft und dem Gefühl der Freiheit nach dem Abzug der Russen und der Entwicklung einer neuen Identität. Giedra Radvilaviˇciuté erinnert sich in „Der lange Spaziergang auf einer kurzen Mole“ (Corso, 172 S., 19 €) an Unrechtstaten in der Besatzungszeit und an die Empfindung, „dass ein Mensch früher zu leben aufhört, als er stirbt“. Eugenijus Aliˇsanka, der mit seinen Eltern nach Sibirien verbannt worden war, berichtet autobiografisch und in großartiger Sprache in „Risse“, einem Essayband (Klak, 272 S., 16,90 €), von der Demütigung. Die Kunsthistorikerin Undiné Radzeviˇciuté beschreibt in „Fische und Drachen“ (Residenz, 400 S., 24 €), was Okkupation, Repression und Patriotismus mit Menschen machen. Eine wunderbare Geschichte, bereits in mehrere Sprachen übersetzt.

Die litauische ist mit der deutschen Literatur verbunden, ein Teil des Landes gehörte einige Zeit zu Preußen. Der deutsche Dichter Johannes Bobrowski kam aus dem Litauischen. In Vilkyskiai, mitten in der Provinz, haben die Litauer ein Bobrowski-Museum eingerichtet. In Nida auf der Kurischen Nehrung verbrachte Thomas Mann mit seiner Familie drei Sommer, das Haus erwarb er, nachdem er den Literaturnobelpreis erhalten hatte. Für ihn und Bobrowski war Litauen ein Sehnsuchtsland.

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22.03.2017

Sehr geehrter Herr Mischke,

in Ihrem geschichtlichen Abriss Litauens passt ja wirklich nichts zusammen.

Allzu arg angestrengt zusammen gegoogelt.

Das Tor der Morgenröte heißt übrigens "Ausros Vartai".

"Ostra Brama" heißt das Tor der Morgenröte auf polnisch.

Die 4 Jahre Nazi- Terror empfinden die Litauer nicht als das größste Übel. Das waren die 45 Jahre russisch- sowjetische Okkupation nach dem 2. WK.

Litauen war auch kein "sowjetischer Satellitenstaat" sondern ein (Zwangs-) Staat der Sowjetunion.

Johannes Bobrowski kam nicht aus dem Litauischen. Das ist leicht zu googeln. Es war im damaligen Memelland eine deutsch- litauische Mischkultur. "Reine" Litauer gab es eigentlich nicht.

Was allerdings stimmt und zu unterstreichen ist: Litauen ist ein Sehnsuchtsland- im Sommer!

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