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75 Jahre

25.01.2019

Leningrad: Befreiung nach 872 Tagen Hunger und Tod

Mindestens 800.000 Menschen starben in Leningrad während der über zweijährigen Blockade durch die deutsche Wehrmacht.
Bild: Imago

Vor 75 Jahren, am 27. Januar 1944, hat Leningrad die schier endlose deutsche Einkesselung überstanden. Es war eine Zeit unvorstellbarer Not.

Welches Schicksal Adolf Hitler Leningrad, der „Wiege des Bolschewismus“, im Zweiten Weltkrieg zugedacht hatte, daran ließ er nicht den Hauch eines Zweifels. Der „Führer“ sei entschlossen, die Stadt „vom Erdboden verschwinden zu lassen“, heißt es in einem Schreiben der deutschen Seekriegsleitung vom September 1941. Auch das mit den Deutschen verbündete Finnland habe kein Interesse an der weiteren Existenz der Metropole, die heute wieder Sankt Petersburg heißt. „Sich aus der Lage der Stadt ergebende Bitten um Übergabe werden abgeschlagen, da das Problem des Verbleibens und der Ernährung der Bevölkerung von uns nicht gelöst werden kann und soll“, schließt das Schreiben.

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Etwa zur gleichen Zeit hatten die Deutschen und die Finnen ihren Belagerungsring um Leningrad weitgehend geschlossen. Die 2,5 Millionen Einwohner sollten an Hunger und Erschöpfung sterben, wenn sie nicht schon vorher aufgrund von Bombardements aus der Luft oder Artilleriebeschuss umkamen. Erst am 27. Januar 1944, vor 75 Jahren, gelang es der sowjetischen Armee in ihrem sechsten Versuch, die Blockade zu brechen. Was sich in den dazwischen liegenden rund 900 Tagen innerhalb ihrer Mauern abspielte, prägt die Stadt bis heute – auch wenn die letzten „blokadniki“, die Blockademenschen, inzwischen das Greisenalter erreicht haben. Wer Sankt Petersburg besucht, kommt an diesem schrecklichen Kapitel der Geschichte nicht vorbei.

Ernährungsexperte erwartete baldigen Massentod

Mit deutscher Gründlichkeit gingen die Belagerer zu Werke. Nach Berechnungen des Ernährungswissenschaftlers Wilhelm Ziegelmayer, der während der NS-Zeit bei der Wehrmacht die Abteilung für Verpflegung, Beschaffung und Nachschub im Heeresverwaltungsdienst leitete, war es nur eine Frage der Zeit, bis der Mangel an Lebensmitteln die Leningrader dahingerafft haben würde. Dass trotzdem Bürger der Stadt überlebten, stellte Ziegelmayer noch nach 1945 vor Rätsel. „Ich bin schließlich ein alter Ernährungsexperte“, lautet ein zynisches Zitat des Verwaltungsmannes, der nach dem Krieg für die Sowjetische Besatzungszone arbeitete. Als Diener der Nazis hatte Ziegelmayer nicht mit dem Durchhaltewillen und dem Erfindungsreichtum der Betroffenen gerechnet.

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Da wurde die Vitaminmangelkrankheit Skorbut mit Kiefernadelextrakt bekämpft; die Menschen verzehrten Hanfkörner aus Vogelfutter, „dazu Kanarienvögel, Drosseln und Papageien“, schreiben Ales Adamowitsch und Daniil Granin in ihrem „Blockadebuch“. „Man kratze Mehlkleister von den Tapeten, gewann ihn aus Bucheinbänden, kochte Treibriemen aus, aß Katzen, Hunde, Krähen, alle möglichen technischen Öle, Leinölfirnis, Medikamente, Gewürze, Vaseline und Pflanzenreste.“

In Leningrad starben zuerst die Männer

Gleichwohl schlug der Hunger erbarmungslos zu, besonders im „Todeswinter“ 1941/42. „Zuerst starben die Männer, weil sie muskulös sind und weniger Fett haben“, erinnerte sich später eine Ärztin. Die Menschen mutierten zu Greisen, Muskeln und Gefäße traten hervor, „alle hatten ganz welke Haut“. Die ausgemergelten Gestalten brachen lautlos auf den vereisten Straßen zusammen oder wachten in ihren zerschossenen Wohnungen, durch deren leere Fensterhöhlen der Wind pfiff, nicht mehr wieder auf.

„Die Temperaturen sanken teilweise auf minus 40 Grad“, sagt die aus Sankt Petersburg stammende Historikerin Ekaterina Makhotina. Strom und Brennstoff wurden knapp, auf Schlitten transportierte man die Leichen zum Friedhof, riss Holzhäuser ab, um sie zu verfeuern. Der Frost bot einigen Einwohnern allerdings auch einen Ausweg aus der belagerten Stadt. Über den zugefrorenen Ladogasee konnten die Russen, freilich unter ständigem Beschuss der Deutschen, auf der „Straße des Lebens“ Menschen heraus- und Lebensmittel nach Leningrad hineinbringen. Selbst Eisenbahngleise wurden über das gefrorene Gewässer verlegt.

Erinnerung an Stalingrad verdrängte Leningrad

Dennoch fielen mindestens 800.000 Leningrader der Blockade zum Opfer. In Deutschland verhinderte nicht zuletzt die Erinnerung an die „Schlacht von Stalingrad“ lange Zeit eine Auseinandersetzung mit diesem Verbrechen der Wehrmacht im Rahmen des von Deutschland begonnenen Eroberungs- und Vernichtungskrieges. Nach einem der verantwortlichen Befehlshaber, Wilhelm Ritter von Leeb, benannte die Bundeswehr 1965 eine Kaserne.

SPD-Urgestein Erhard Eppler mahnte kürzlich, sich im Dialog mit Russland dieser Vergangenheit stets bewusst zu bleiben. Die von den Deutschen verübten Gräueltaten steckten immer noch in den Köpfen vieler Menschen, so der 92-Jährige, der als junger Mann selbst noch im Zweiten Weltkrieg kämpfen musste. (Joachim Heinz, kna)

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