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Augsburger Geschichte

23.01.2020

Verlorene Theaterkostbarkeiten: Bühnenvorhang sorgte für Aufsehen

Der Entwurf von August Eisenmenger für den Theatervorhang in Augsburg wird in den Städtischen Kunstsammlungen verwahrt.
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Der Entwurf von August Eisenmenger für den Theatervorhang in Augsburg wird in den Städtischen Kunstsammlungen verwahrt.
Bild: Kunstsammlungen

Der Bühnenvorhang des Wiener Historienmalers August Eisenmenger verbrannte 1944. Zinnskulpturen schmolzen, Goethe und Schiller sind nach Lechhausen umgezogen.

Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker im Goldenen Saal des Musikvereins in Wien wurde in über 90 Länder live übertragen. Rund 40 Millionen Zuschauer sahen den Saal aus vielen Blickwinkeln. Kameras zoomten die fantasievollen Deckengemälde „Apollo und die neun Musen“ heran. Es ist nicht verwunderlich, dass Wien-Touristen aus aller Herren Ländern die Bilder bei einer Führung durchs Musikvereinsgebäude im Original sehen wollen. Sie entstanden vor 150 Jahren: Der Wiener Historienmaler August Eisenmenger schuf sie 1869.

Der Maler war zu seinen Lebzeiten auch in Augsburg populär. Er hatte 1877 den prachtvollen Bühnenvorhang für das neue Augsburger Stadttheater geliefert. August Eisenmengers Malerei im Musikvereinsgebäude sorgte für Aufsehen: 1872 wurde er Professor an der Wiener Kunstakademie. Als die Wiener Architekten Fellner und Helmer 1876/77 in Augsburg ein neues Stadttheater bauten, zogen sie renommierte Künstler ihrer Heimatstadt zur Ausstattung heran. August Eisenmenger war einer davon.

Verbrannt in einer Bombennacht 1944

Der Theatervorhang für Augsburg ist nach wie vor in seinem Werkverzeichnis aufgeführt. Dieses riesige Gemälde verbrannte in einer Bombennacht im Februar 1944. Die Augsburger Kunstsammlungen verwahren den Entwurf. Mit dem 22 mal 30 Zentimeter großen skizzenartigen Aquarell bekam August Eisenmenger von der Stadt 1877 den Auftrag für den Vorhang. Das gelieferte Monumentalbild wich in vielen Details vom Entwurf ab. Das belegt der Vergleich mit Schwarz-Weiß-Fotos. Farbfotos vom Vorhang sind bisher nicht bekannt.

Verlorene Theaterkostbarkeiten: Bühnenvorhang sorgte für Aufsehen

Die fantasievolle Vorhangdekoration stand fast 67 Jahre lang im Blickfeld der Theaterbesucher, wenn sie ihre Plätze einnahmen. Das Kolossalgemälde verbarg den eisernen Vorhang, der die Feuersperre zwischen Bühne und Zuschauerraum bildete. Kurz vor Vorstellungsbeginn wurde er hochgezogen. Im Brandfall sank der schwere eiserne Vorhang innerhalb von 18 Sekunden herab. Er konnte zudem berieselt werden. War er verschwunden, hob sich der bemalte „Schauvorhang“. Nun kam der eigentliche Bühnenvorhang zum Vorschein. Er teilte sich und faltete sich lautlos in die seitliche Bühnenverkleidung. Nun erst war der Blick in die Tiefe der Bühne frei, die Vorstellung begann.

Eine uralte Eiche mit mächtiger Rinde

In der Jubiläumsschrift „50 Jahre Stadttheater Augsburg“ (1927) wird der Bühnenvorhang beschrieben: „Das Mittelbild zeigt Äsop, wie er Fabeln erzählt, auf einem Steinbrunnen sitzend, dessen breite Wasserbogen das lustig plätschernde Fließen der munter eilenden Erzählung treffend versinnbildlicht. Dahinter nimmt die uralte Eiche mit mächtiger Rinde das Auge ein, weithin schattend ihre Zweige breitend, gleichwie aus drohendem Stamme des Schicksals ewig grünende Dichtung wächst. Um den Brunnen gewahren wir in natürlicher Anordnung Landleute, Hirten, Kaufleute, Kinder und Frauen.“

Weiter heißt es: „Der Vorhang stellt ein Kunstwerk dar, das tatsächlich größerer Beachtung und Bewunderung würdig wäre, als es allgemein geschieht. Kein Theater in Deutschland kann sich eines gleich wertvollen künstlerischen Schmuckes rühmen. Es wird vielfach behauptet, dass dieser Vorhang als bestes Werk von Professor August Eisenmenger gilt.“ Der Maler wurde 1830 geboren und wirkte vor allem in Wien. Er starb 1907 und bekam ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof.

Zu den an der Ausstattung des Augsburger Theaters beteiligten Wiener Künstlern zählte der Maler Franz Lefler (1831–1898). Er lieferte acht Leinwandbilder, die in die reich ornamentierte Decke des Zuschauerraums rund um einen prächtigen Lüster eingelassen waren. Die allegorischen Darstellungen versinnbildlichten Komik, Tanzkunst, Tragödie, Poesie, Epos, Satire, Redekunst und Musik. Am Abend des 25. Februar 1944 sahen die Besucher den bemalten Bühnenvorhang und die Deckenbilder ein letztes Mal. „Der Kreidekreis“ stand auf dem Programm. Die Vorstellung begann um 18 Uhr. Vor dem ersten Luftalarm war sie beendet.

Ein unentdeckter Brand im Lüsterboden

Diesem Alarm folgte Augsburgs schlimmste Bombennacht. Das Theater wurde zwar nicht von Sprengbomben, jedoch von einer Vielzahl Brandbomben getroffen. Das große Gebäude schien längere Zeit rettbar. Dann breitete sich ein unentdeckter Brand im Lüsterboden aus. Es erfasste die Decke des Zuschauerraums. Der Lüster zerbarst im Parkett, die brennende Holzdecke mit den Bildern fiel darauf. Das Feuer erfasste die Logen und die Bühne. Im Feuersturm schmolzen sogar die beiden großen Pegasusgruppen über der Hauptfassade. Sie bestanden aus bronziertem Zinnguss und waren Werke des Wiener Bildhauers Theodor Friedl (1842–1900). Auch sein Ehrengrab auf dem berühmten Wiener Zentralfriedhof ist noch besuchbar.

In Wien pflegt man das künstlerische Andenken an Theodor Friedl: Seine „Rossbändiger“-Skulpturen aus Marmor stehen am Maria-Theresien-Platz im Blickfeld. Auch in Augsburg sind zwei Marmorstatuen von Theodor Friedl erhalten: „Schiller“ und „Goethe“. Er hatte sie 1876 für die Theaterfassade geschaffen. Doch anders als in Wien stehen in Augsburg seine Skulpturen im Abseits: Seit 1956 sind die Nischen an der Theaterfassade leer. Schiller und Goethe sind nach Lechhausen „verbannt“ – an die Schillerschule und an die Goetheschule.

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