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Lesung

28.11.2019

Was Zwangsarbeiterinnen hier erlebten

Unser Archivfoto zeigt die Dimensionen der Firma NCR in der Ulmer Straße. Zu den Gebäuden zählten auch die ehemaligen Michelwerke (rechts im Bild). Im Nordflügel des Unternehmens befand sich ein Außenlager des KZ Dachau.
Foto: Sammlung Häußler

Für ihre Kriegsproduktion bestellten die Michelwerke in Kriegshaber 500 Frauen aus dem KZ Auschwitz. Ein Abend in den Räumen der ehemaligen Fabrik erinnert jetzt an zwei der dort eingesetzten Arbeiterinnen

Sie waren erst 16. Unabhängig voneinander hatten zwei ungarische Teenager Ghettos, die Rampe in Auschwitz, tagelange Fahrten in Viehwaggons, SS-Sadisten, Zwangsarbeit und ab Sommer 1944 die mehrfachen Bombardierungen Kriegshabers durch die Amerikaner überlebt. Mit einer berührenden Lesung erinnerten das Jüdische Museum, Schauspielerinnen von Bluespots Production und das Kulturhaus Abraxas in den Räumen des bfz an zwei Zwangsarbeiterinnen der ehemaligen Michelwerke.

Im Wechsel lasen Lisa Bühler und Ajua Neukamm die biografischen Aufzeichnungen von Livia Bitton Jackson (Jahrgang 1931), geborene Elli Friedmann, und Judith Kalman Mandel (Jahrgang 1927), die 1944 mit weiteren ungarisch-jüdischen Frauen aus Auschwitz am Augsburger Hauptbahnhof ankamen. Der Lesung fand im Café Exil statt, im ersten Stock des Augsburger Gewerbehofs und damit eben jenes Gebäudes, in dem die Zwangsarbeiterinnen untergebracht waren. Vermutlich genau im Stockwerk über den etwa 70 Zuhörern, so erklärt Souzana Hazan vom Jüdischen Museum, hatte das Unternehmen 75 Jahre zuvor das Lager für seine KZ-Gefangenen untergebracht.

Insgesamt 500 Frauen hatten die Michelwerke damals für ihre Hauptproduktionsstätte im heutigen Gewerbehof an der Ulmer Straße und für weitere Standorte am Siebentischwald sowie in Oberhausen geordert. Die Frauen und Mädchen hatten verschiedene Ghettos und Auschwitz erlebt. Sie kannten die Brutalität der Deutschen, das SS-Wachpersonal, das Hunde zum Angriff auf Gefangene hetzte und Kinder lebendig in Brand setzten. Die Stimmen der Schauspielerinnen sind dunkel, an manchen Stellen fällt das Zuhören schwer, zu authentisch spielen sich die grausamen Szenen vor dem inneren Auge ab. Doch dazwischen klingen immer auch Hoffnungen der jungen Mädchen an.

Aus ihrer Perspektive mag Augsburg so eine Hoffnung gewesen sein. Die Michelwerke hatten hier, im Nordflügel der Fabrik, von September 1944 bis April 1945 ein Außenlager des KZ Dachau eingerichtet, um Gefangene in der Produktion von Präzisionsinstrumenten für die Luftwaffenindustrie unterzubringen. So beschreibt Jackson (Elli Friedmann) in ihrem Buch „1000 Jahre habe ich gelebt“ ihre Ankunft am Augsburger Hauptbahnhof beinah sarkastisch. Ein hochgewachsener Offizier sei am Bahnsteig erschienen und habe gefragt, wo denn ihre Sachen und ob sie Frauen oder Männer seien. Eine der jungen ausgezehrten Frauen habe geantwortet: „Ach ja, meine Golfschläger habe ich in Auschwitz vergessen.“ Mit der Straßenbahn fuhren sie durch „dichten Verkehr“ zur Fabrik, erhielten dort eine Duschgelegenheit im Keller, mit Seife und Handtuch. „Ein Paradies“, schreibt sie.

Mandel, deren Erinnerungen 1978 im United States Holocaust Memorial Museum aufgenommen, von einer Forschergruppe der Uni Augsburg 2015 entdeckt und von dem Abraxas-Leiter Gerald Fiebig ins Deutsche übertragen wurden, berichtet vom schwindenden Überlebenswillen und der heimlichen Freude, wenn die Amerikaner Kriegshaber bombardierten. Am Leben lag ihnen nichts mehr. Im März und April 1945 wurden beide nochmals deportiert, beide Züge jeweils bombardiert und beschossen. Sie überlebten weitere strategische Massaker, als die Deutschen kurz vor Kriegsende begannen, ihre „Spuren“, darunter auch die Gefangenen, zu beseitigen.

Schon vor etwa einem Jahr riefen die Veranstalter mit einer Lesung die Erinnerung an die Ausbeutung der 500 Frauen in Erinnerung. Damals wie heute werden das Werksgelände sowie die Immobilien an der Ulmer Straße und der Industriepark an der ehemaligen Kriegsproduktionsstätte am Siebentischwald von der Familie Michel betrieben und vermarktet. Erinnerungszeichen für die Zwangsarbeiterinnen finden sich dort bis heute nicht.

Das Café Exil ist ein Projekt des Kulturpark West und des bfz in Block B des Gewerbehofs. Das Bundesfamilienministerium finanziert das Café seit 2017, die Förderung läuft noch bis Sommer 2020. Schließen, so erklärte Peter Bommas, Geschäftsführer des Kulturpark West, werde man das Projekt nicht. Durch viel ehrenamtlichen Einsatz sei jetzt eine Weiterführung ohne Förderung angedacht. „Hier ist nah beim bfz und den Integrationskursen sowie zur Fachakademie für Sozialpädagogik ein toller Ort für die Begegnung von Migration und Stadtgesellschaft entstanden. Den wollen wir unbedingt erhalten“, so Bommas. Jeweils Montag und Donnerstag gibt es hier offene Veranstaltungen mit sportlichem, handwerklichem und kreativem Programm.

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