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30.07.2010

Autismus: Niklas gehört in der Schule dazu

Niklas lernt trotz Behinderung mit normalen Schülern zusammen. Bild: Fred Schöllhorn

Die Diagnose war niederschmetternd: Idiotie, keine Sprache. Niklas ist ein autistisches Kind. Nun stellte sich heraus, dass der Bub doch Chancen hat, ein normales Leben zu führen - mit einer Schulbegleitung. Von Ursula Ernst

Niklas kann Lesen und Schreiben. Er kann erklären, wie eine Kläranlage funktioniert. Ganz schön viel für einen Elfjährigen, der mit der Diagnose "IQ nicht messbar, Idiotie, keine Sprache" in sein Leben geschickt wurde. Raphaela Ohlenforst, die Mutter von Niklas - Nik oder Niki genannt - erinnert sich an das finstere Loch, in das die junge Familie damals gestürzt ist.

Niklas war ihr zweites Kind. Ein Wunschkind. Ein schwerst mehrfach behindertes Kind, das die Familie vor größte Herausforderungen gestellt hat und immer noch stellt.

Ein behindertes Kind besucht eine sonderpädagogische Tagesstätte, war Mutter Ohlenforst, die selbst Lehrerin ist, überzeugt. Dort kümmert man sich um die "Sorgenkinder". Aber es war dann ganz anders, als es sich Raphaela Ohlenforst vorgestellt hatte. Nik war eines von zehn behinderten Kindern, er wurde ruhiggestellt und fixiert.

Autismus: Niklas gehört in der Schule dazu

Die Eltern wollten aber, dass Niklas am normalen Leben teilhaben kann und entschieden sich für eine integrative Kindergarten-Gruppe, die behinderte und nicht behinderte Kinder zusammenbringt. Nik ging gerne dorthin, erinnert sich die Mutter, er habe von gesunden Vorbildern profitiert.

Eines wurde immer deutlicher: Der Bub war trotz seiner autistischen Tendenzen nicht geistig behindert. Man spricht in einem derartigen Fall von Teilleistungsstörungen. So war es ganz normal, dass sich die Familie - mittlerweile wohnte sie im Stadtberger Stadtteil Leitershofen (bei Augsburg) - an die Grundschule vor Ort wandte. Und hatte Glück. Die Schulleiterin Monika Scherer war aufgeschlossen und mutig genug, Niklas in ihre erste Klasse aufzunehmen.

Hier kamen die Schulbegleitung und der Bezirk Schwaben ins Spiel. Laut Johann Miller, zuständig für schulische Eingliederungshilfen, gab der Bezirk für Integrationshelfer 2009 rund 2,3 Millionen Euro aus. Tendenz steigend. Die Tatsache, dass künftig immer mehr behinderte Kinder in Regelschulen gehen werden, "stellt die Träger der Sozialhilfe vor neue Herausforderungen", so Miller.

Der Aufwand ist von Kind zu Kind verschieden: Niklas braucht beim Schreiben und am Computer Unterstützung. Die "gestützte Kommunikation", so der Fachbegriff, ermöglicht es ihm, sich durch eine leichte Berührung gezielt zu bewegen. Wie das geht, haben auch seine Schulkameraden längst raus. Sie wissen auch, dass es nichts zu sagen hat, wenn Niklas seinen Blick durchs Klassenzimmer wandern lässt. Er trifft die Tasten trotzdem zielgenau.

Niklas kann seine Bewegungen nur schlecht koordinieren, er braucht seine Pausen, er braucht jemanden, der ihn beruhigt, wenn er aufgeregt ist, er braucht jemanden, der ihn festhält, wenn er ausflippt. Von Sabine Müller, einer erfahrenen Erzieherin mit heilpädagogischer Zusatzausbildung, hat er in der vierten Klasse die ideale Unterstützung bekommen. Das sagen die Eltern, das sagt die Klasslehrerin Claudia Pfeifer und davon ist auch die Schulleiterin überzeugt.

Eine Schulbegleitung darf das Kind von den Klassenkameraden nicht abschotten und sie darf sich nicht als Zweitlehrer gerieren. Diese Gefahr bestehe sehr wohl, sagt Raphaela Ohlenforst. Im dritten Schuljahr war es deshalb zwischen der Begleitung und der Lehrkraft zu einem Eklat gekommen.

Frau Pfeifer ist mit ihrem Unterricht an diesem Tag nicht zufrieden. In Englisch sei Niklas sonst besser bei der Sache. Aber an anderen Tagen sind auch nicht so viele Leute in der Klasse, die sich für ihn interessieren. Besonders die Kamera des Fotografen hat es ihm angetan. Neugierig mustert er Fingernägel und Lippenstift der Reporterin und will sogar die Marke wissen.

Seine Klassenkameraden haben Niklas akzeptiert. Sie kennen ihn, sie wissen, was er kann. Die einen mögen ihn, die anderen nicht. Das ist alles ganz normal. Dass aus seiner Klasse vom kommenden Schuljahr an fünf Kinder auf die Hauptschule, drei an die Realschule und 15 aufs Gymnasium wechseln, macht eines deutlich: Niklas hat zwar ab und zu das Tempo aus dem Unterricht herausgenommen, aber er hat die anderen Kinder nie am Lernen gehindert. "Er hat sich vieles von ihnen abgeschaut und sie haben vom ihm gelernt, dass es normal ist, anders zu sein", sagt seine Lehrerin.

Niklas wechselt im September an die Montessori-Schule in Dinkelscherben. Seine Mutter sagt, sie habe ein gutes Gefühl. Auch diese Schule werde dem Buben guttun. Von Ursula Ernst

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