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Wissenschaft

11.06.2010

Wer Spielekonsolen schenkt, schenkt schlechte Noten

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Computerspiele sind schlecht für kleine Kinder.
Bild: dpa

Eine neue Studie belegt, wie gefährlich Computerspiele gerade für Kleinkinder sind. Wir sprachen mit dem Ulmer Gehirnforscher Professor Manfred Spitzer über die genauen Auswirkungen des Spielekonsums auf das Gehirn der Kinder. Von Josef Karg

Spielekonsolen gehören nicht nur an Weihnachten zu den beliebtesten Geschenken für die Kleinen. Es geht um einen Milliardenmarkt. Eine neue Studie belegt nun aber, wie gefährlich das Spielzeug gerade für Kleinkinder ist. Wir sprachen mit dem Ulmer Gehirnforscher Professor Manfred Spitzer: über die genauen Auswirkungen des Spielekonsums auf das Gehirn der Kinder.

Sie behaupten provokant, wer seinen Kindern Spielekonsolen schenkt, schenkt gleichzeitig schlechte Noten. Inwiefern?

Spitzer: : Das sage nicht ich, sondern es wird durch eine aussagekräftige neue US-Studie erstmals wissenschaftlich belegt. Der Untersuchung zufolge sind Videospiele für Buben im Grundschulalter eine Katastrophe. Die Schulleistungen werden signifikant schlechter.

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Wie konnte das nachgewiesen werden?

Spitzer: : Es wurde das Verhalten von nicht vorgeschädigten Buben im Grundschulalter untersucht. Die einen bekamen eine Sony Playstation II zu Beginn der Studie, die anderen erst am Ende. Erstere spielten täglich durchschnittlich 40 Minuten, die anderen weniger als zehn Minuten, etwa bei Freunden. Bei der mit Hausaufgaben verbrachten Zeit war es genau andersherum. Kurz und gut: Die Jungs mit Playstation machten weniger Hausaufgaben.

Was hatte dies zur Folge?

Spitzer: : Trotz des relativ kurzen Studienzeitraums stellte sich anhand der Befragungen heraus, dass vor allem die Leistungen im Lesen und Schreiben schlechter wurden. In Mathematik zeigten sich keine negativen Auswirkungen. Das liegt wohl daran, dass sich Grundschüler in ihrer Freizeit ohnehin kaum mit Mathematik beschäftigen.

Warum wurden nur Buben untersucht?

Spitzer: : Weil Mädchen von sich aus kein großes Interesse an Spielekonsolen zeigen, demzufolge auch nicht so gefährdet sind.

Gibt es weitere Effekte?

Spitzer: : Je mehr Zeit ein Kind an der Spielekonsole verbrachte, desto schlechter wurden die Schulleistungen. Das heißt: Viel schadet viel.

Hat das auch Auswirkungen auf die Zukunft des Kindes?

Spitzer: : Natürlich. Wer mit der Schriftsprache Probleme hat, bekommt sie früher oder später auch in anderen Fächern. So kann man sagen, dass sich bereits in diesem frühen Alter abzeichnet, ob ein Kind später studiert oder nicht.

Was passiert beim Videospielen im Gehirn?

Spitzer: : Ein menschliches Gehirn verfügt über etwa eine Billiarde Synapsen, also Verbindungsstellen zwischen zwei Nervenzellen. Diese sind für die Funktion des Gehirns äußerst wichtig. Je mehr der Synapsen aktiv sind und je dichter das Netzwerk im Gehirn, desto besser funktioniert es. Andersherum formuliert: Je mehr wir denken, desto mehr Synapsen werden aktiviert.

Das heißt, wenn Kinder an der Spielekonsole sind, verkümmern Synapsen?

Spitzer: : Nein. Aber diese Verbindungsstellen sind ein Speicher unseres Tuns. Wenn Kleinkinder vor dem Fernseher sitzen, entstehen fast keine Spuren, wenn Buben Killerspiele üben, wird das als Spur hinterlassen. Je öfter wir etwas tun, umso deutlicher werden diese Spuren. So entwickeln sich Fähigkeiten.

Warum entstehen bei Kleinkindern keine Spuren beim Fernsehen?

Spitzer: : Weil sie etwa bis zum Alter von drei Jahren intellektuell nicht zu abstrahieren in der Lage sind und Bild mit Ton nicht zusammenbringen. Darum sollten Kleinkinder überhaupt nicht vor den Fernseher.

Und ältere Kinder?

Spitzer: : Ich bin nicht grundsätzlich gegen Fernsehen. Aber dosiert und nicht vor vier Jahren.

Aber Sie sind im Prinzip schon gegen den Konsum von Bildschirmmedien?

Spitzer: : Gut ist er jedenfalls nicht. Auch hierzu gibt es eine Studie. Diese beweist, dass die sozialen Fähigkeiten verkümmern. Mit jeder Stunde Bildschirmmedien-Nutzung steigt das Risiko einer sich abschwächenden Bindung: zu Eltern um 13 Prozent, zu Freunden und Gleichaltrigen sogar um 24 Prozent.

Aber andere Experten sagen: Ohne Fernseher und Spielekonsole wird ein Kind zum Außenseiter.

Spitzer: : Unsinn. Das zeigt doch die Studie zur Nutzung der Bildschirmmedien. Fernseher, Spielekonsolen oder Computer haben im Kinderzimmer nichts verloren.

Interview: Josef Karg

Manfred Spitzer: "Medizin für die Bildung", Spektrum-Verlag, 19.80 Euro, ab 17. Juni erhältlich.

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