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Bad Grönenbach

23.07.2019

Wer übernimmt im Allgäuer Tierskandal die Verantwortung?

Auf dem Hof im Allgäu sollen Tiere schwer misshandelt worden sein.
Bild: Ralf Lienert

Plus Beim Bürgergespräch der „Soko Tierschutz“ zum Fall eines Allgäuer Milchkuhbauern kochen die Emotionen hoch. Und der Landrat beschuldigt das Ministerium.

Es war eine sehr emotionale Diskussion am Sonntagabend in der Kultbox in Kempten. Einige Zuschauer konnten die Videoausschnitte des Vereins „Soko Tierschutz“, die zu Beginn der Veranstaltung gezeigt wurden, nicht ansehen, andere weinten. Die Aufnahmen sollen zeigen, wie Milchkühe in einem Stall in Bad Grönenbach (Unterallgäu) misshandelt werden. „Soko Tierschutz“ hat das Bürgergespräch zu dem Tierskandal in der Kultbox organisiert. Nach Angaben des Veranstalters sind 500 Besucher gekommen.

Die Diskussion machte deutlich, wie komplex das Thema ist: Ein Mann sagte, die Politik sei nicht verantwortlich für den Umgang mit kranken Tieren, sondern der Landwirt selbst. Ein anderer forderte den Einsatz einer zentralen Kontrollstelle. „Das Landratsamt ist viel zu nah an den Landwirten dran“, sagte er. Ein weiterer Besucher nahm die Verbraucher in die Pflicht: „Wir haben auch Waffen. Wir haben einen Geldbeutel und mit dem gehen wir einkaufen.“ Viele Besucher beschäftigte die Frage, wie es in Bad Grönenbach so weit kommen konnte und wie sich zukünftig solche Fälle verhindern lassen.

Landtagsabgeordneter warnt davor, alle Bauern über einen Kamm zu scheren

„Wir haben genügend Kontrollmechanismen, die greifen sollten“, sagte der FDP-Landtagsabgeordnete  Manfred Spitzer, der auf dem Podium saß. Falls dies nicht der Fall gewesen sei, müsse nachgebessert werden. Er könne sich eine Videoüberwachung vorstellen. Für die agrarpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, Gisela Sengl, liegt der Fehler im System. Die Landwirtschaft sei in der Vergangenheit auf Masse und Export getrimmt worden. Der Oberallgäuer Abgeordnete Leopold Herz (Freie Wähler) warnte davor, „alle Bauern über einen Kamm zu scheren“. Jener Betrieb habe nichts mehr mit bäuerlicher Landwirtschaft zu tun.

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Vertreter von CSU und SPD sagten laut „Soko Tierschutz“-Vorsitzendem Friedrich Mülln die Teilnahme an der Diskussion ab. Genauso wie der Bayerische Bauernverband. Er bezog sich nach Müllns Angaben auf eine Stellungnahme, die er nach Bekanntwerden des Skandals veröffentlicht hatte. Mülln sorgte in der Kultbox für Entrüstung bei anwesenden Landwirten. Er berichtete über zugespielte Tipps, die weitere Verstöße gegen den Tierschutz zeigen sollen, und setzte eine Belohnung für Hinweise aus. Die Landwirte wehren sich dagegen, unter Generalverdacht gestellt zu werden. Einer forderte: „Alle, die ihren Job gut machen, sollten sich hinstellen. Mich beschämen diese Bilder.“ Ein Westallgäuer Bauer sagte, er wolle den betroffenen Betrieb nicht in Schutz nehmen – plädiere aber für eine sachliche Aufarbeitung des Falles und verweise auf die Staatsanwaltschaft. Es könne nicht sein, dass jetzt alle gegen die Landwirte sind.

"Wir bräuchten eigentlich acht Veterinäre"

Und was ist mit dem Veterinäramt am Unterallgäuer Landratsamt, das auch an diesem Abend immer wieder mit in die Verantwortung für den Skandal genommen wurde? Da trat nun in Mindelheim Landrat Hans-Joachim Weirather die Flucht nach vorn an. Er mache schon seit seinem Amtsantritt 2006 darauf aufmerksam, dass das Amt unterbesetzt sei. So hatte er beispielsweise im Jahr 2008 an das zuständige Umweltministerium in München geschrieben: „Ihr Haus wurde in der Vergangenheit wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass die hiesige Veterinärabteilung unter einer gravierenden personellen Unterbesetzung leidet und deswegen schon lange nicht mehr all die Aufgaben erfüllen kann, die im Laufe der Jahre angehäuft wurden.“ Nun könne keiner sagen, er habe es nicht gewusst.

Darum akzeptiere Weirather nun keinen Vorwurf: „Alle Beanstandungen fallen auf die vorgesetzten Behörden zurück, die unsere Hilferufe ignoriert haben.“ Das Umweltministerium teilt indes auf Nachfrage unserer Redaktion mit, dass man die Stellen der Amtstierärzte auf der Grundlage eines einheitlichen „Personalverteilungskonzepts“ besetze.

Im Unterallgäu gibt es fünf Veterinärsstellen, wegen der langwierigen Erkrankung eines Mitarbeiters sind derzeit aber nur vier besetzt. „Wir bräuchten eigentlich acht Veterinäre“, sagt Weirather.

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