Newsticker
RKI registriert 1330 Corona-Neuinfektionen – Inzidenz bei 11,6
  1. Startseite
  2. Lokales (Dillingen)
  3. Landkreis Dillingen: Jetzt wird auch in den Betrieben im Landkreis Dillingen geimpft

Landkreis Dillingen
09.06.2021

Jetzt wird auch in den Betrieben im Landkreis Dillingen geimpft

Links Regale, rechts Impfkabinen: Wie in mehreren Unternehmen im Landkreis können sich auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Firma Grünbeck Wasseraufbereitung in Höchstädt impfen lassen.
Foto: Grünbeck

Die Unternehmen betonen, dass das Angebot freiwillig ist. Wie es angenommen wird, wie es mit dem Datenschutz aussieht und was ein zuständiger Arzt in Gundelfingen von der ganzen Kampagne hält.

Die Impfpriorisierung gilt in Deutschland seit Montag nicht mehr. Parallel dazu können nun Betriebsärzte impfen. Im Landkreis Dillingen wird das schon teilweise umgesetzt oder ist in Planung. Auch Dr. Egbert Hollein steckt mitten in den Vorbereitungen. Der Gundelfinger Allgemeinmediziner mit eigener Praxis ist zusätzlich Betriebsarzt und betreut eine größere Firma im Landkreis Dillingen. Eine, die eben nun auch ihren Mitarbeitern das Impfangebot machen will.

Und was im ersten Moment so schön klingt, bedeutet für Hollein und sein Team: Stress und zusätzliche Arbeit. „Wir müssen die komplette Organisation selbst übernehmen. Das kommt zum laufenden Praxisbetrieb dazu. Es ist nicht wie in Impfzentren, wo ein Heer an Leuten alles organisiert und der Arzt nur noch die Spritze setzen muss“, so Hollein.

Macht dieses Impfangebot für Mitarbeiter Sinn?

Nachdem bekannt wurde, dass in Betrieben bei Wunsch geimpft werden dürfte, habe er mit der Firma, für die er zuständig ist, im ersten Schritt Kontakt aufgenommen. Will die Unternehmensleitung überhaupt? Und wollen die Mitarbeiter das Angebot dann annehmen? Wie viel Impfstoff gibt es eigentlich und welcher würde dann verimpft? Und wann geht alles los? Ein Hin und Her, das Dr. Hollein aktuell zusätzlich schultern müsse.

Dabei, da ist der Gundelfinger Arzt sehr offen, sieht er nicht den großen Sinn hinter diesen Impfangeboten in Betrieben: „Die Firmen glauben, dass sie ihren Angestellten etwas Gutes damit tun. Aber die, die den Impfstoff dringender bräuchten, bekommen ihn nicht.“ Seien es doch nachweislich die älteren Menschen, die bei einer Covid-19-Ansteckung mit einem schlimmeren Verlauf rechnen müssten. Denn, so Egbert Hollein weiter, nach wie vor fehle es an Impfstoff – egal, von welcher Firma. Für seine Praxis habe er beispielsweise trotz Bestellung keine einzige Dosis diese Woche erhalten. Er zieht einen Vergleich: „Es ist so: Der Indianerhäuptling sagt, dass er mehr Indianer braucht. Aber er hat weder Pfeil noch Bogen.“

Gartner, Grünbeck, Gropper und Buttinette

Hinzu komme, dass mit den neuen Impfmöglichkeiten in Betrieben auch neue, weitere Konkurrenzen geschaffen würden. Jetzt würde das Gerangel um Impfstoff auch noch zwischen Betriebsarzt und niedergelassenem Arzt losgehen. Unter den Patienten gebe es dies längst. Ein Grund, warum sein Team seinen Vorschlag nach einem zweiten Impftag in der Gundelfinger Arztpraxis abgelehnt hat. „Ich kann es verstehen. Der Zustand ist zum Verzweifeln.“ Dennoch, das betont Hollein auch, werde er natürlich versuchen, das Angebot einer Impfung im Betrieb zu organisieren und umzusetzen – wer möchte und wenn genug Impfstoff da ist.

Bei der Firma Gartner in Gundelfingen konnten sich am Dienstag die ersten Mitarbeiter impfen lassen. „Das ist ja ein freiwilliges Angebot. Etwa die Hälfte der Belegschaft, rund 350 Personen, möchte es in Anspruch nehmen“, sagt Birgit Hafner. Die Nachfrage ändert sich, wenn jemand einen früheren Impftermin beim Hausarzt oder im Impfzentrum bekommt.

Ein Messebauer habe in einem Vortragssaal drei Impfkabinen und zwei für Liegebereiche aufbauen lassen. 54 Kollegen konnten bereits geimpft werden. Nach einer 15-minütigen Wartezeit, um sicherzugehen, dass sie die Spritze vertragen haben, können die Geimpften zurück an ihren Arbeitsplatz. Auch an den folgenden Dienstagen wird der Neu-Ulmer Arzt Dr. Jürgen Schoetensack weitere Dosen Biontech/Pfizer verimpfen – je nachdem, wie viele Dosen er jeweils zur Verfügung hat, so Hafner.

Der Impfstoff von Biontech/Pfizer

Das Höchstädter Unternehmen Grünbeck Wasseraufbereitung bietet allen seinen Mitarbeitern ebenfalls an, sich vor Ort impfen zu lassen. Die bereits bestehende Zusammenarbeit zwischen dem Höchstädter Unternehmen und dem Betriebsärztlichen Dienst BAD wird dafür weiter ausgebaut. Neben der Corona-Teststation, die seit November 2020 auf dem Betriebsgelände in Höchstädt von der Belegschaft genutzt werden kann, wird nun das Impfen der Mitarbeiter ermöglicht. Alle Grünbeck-Beschäftigten haben diese und kommende Woche laut Pressemitteilung die Möglichkeit, sich mit dem Vakzine von Biontech/Pfizer impfen zu lassen.

Das heißt, rund 250 Impfwillige (ein Teil des Personals ist laut Unternehmen bereits immunisiert) erhalten die gewünschte Impfung. Begonnen wird mit all denjenigen Mitarbeitern, die aufgrund ihrer Tätigkeit nicht im Homeoffice arbeiten können. Der komplette Aufbau der Impfstrecke inklusive Warte- und Erste-Hilfe-Bereich sowie der Beratungs- und Impfkabinen wurde binnen zwei Tagen vom eigenen Messebau-Team realisiert. Eine Impfpflicht für die Grünbeck-Belegschaft besteht nicht.

Der Dillinger Apotheker Dr. Matthias Schneider erklärt, warum man sich testen lassen sollte.
Video: Cordula Homann

Doch wie ist das eigentlich mit dem Datenschutz – wenn der Kollege oder die Kollegin am Arbeitsplatz aufsteht und zum Impfen geht, dann kriegt das ja der ein oder die andere mit. Dazu erklärt die Leiterin des Dillinger Gesundheitsamtes, Dr. Uta-Maria Kastner: „Auch Betriebsärzte unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht.“ Grundsätzlich gelte daher zunächst, dass der Betriebsarzt dem Arbeitgeber keine Mitteilung über seine Untersuchungsergebnisse/Diagnosen oder erhobene Befunde weiterreichen darf.

Zur Weiterleitung des Untersuchungsergebnisses an den Arbeitgeber können Betriebsärzte aufgrund einer konkludenten Einwilligung des Arbeitnehmers berechtigt sein. Voraussetzung hierfür ist, dass der Arbeitnehmer über das Untersuchungsergebnis aufgeklärt und auf sein Widerspruchsrecht hingewiesen worden ist. Widerspricht der informierte Arbeitnehmer der Weitergabe seiner Daten, darf der Betriebsarzt den Arbeitgeber nicht informieren.

Das sagt der Dillinger Landrat Leo Schrell

Betriebsärztinnen und -ärzte unterscheiden sich von anderen Ärzten dadurch, dass sie fast ausschließlich präventiv tätig werden. Bei den Impfungen handelt es sich um ein präventives Angebot, das der Arbeitnehmer oder die Arbeitnehmerin nicht wahrnehmen muss. Betriebsärzte führen seit langem auch andere Impfungen durch (Grippe, Hepatitis, Masern). Niemand muss über seine Gesundheitsdaten dem Kollegenkreis gegenüber Rechenschaft ablegen. Ebenso müssen keine Angaben darüber gemacht werden, warum ein Betriebsarzttermin wahrgenommen wird. Dieser kann schließlich auch nur der Beratung dienen, so Dr. Kastner.

In der kommenden oder der übernächsten Woche möchte auch die Buttinette in Wertingen ihren Mitarbeitern ein Impfangebot machen. Das Interesse seitens der Belegschaft sei da, auch ein Arzt steht in den Startlöchern. Die Frage ist nur, ob und wann er Impfdosen bekommt.

Die Molkerei Gropper startet am Donnerstag dieser Woche mit Betriebsimpfungen und bietet ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ebenfalls Biontech/Pfizer an. Vorerst gilt das Angebot aufgrund der mangelnden Verfügbarkeit des Impfstoffs nur für Festangestellte, ließ das Unternehmen auf Nachfrage wissen. Die Impfung erfolge durch den Betriebsarzt und finde in einer von der Molkerei Gropper für Beratung und Impfung zur Verfügung gestellten Räumlichkeit auf dem Betriebsgelände in Bissingen statt. Die Impfung ist für alle kostenlos und erfolge auf freiwilliger Basis. Bisher sei die Möglichkeit der Impfung sehr gut angenommen worden. Bereits beim ersten Termin können die meisten Interessenten geimpft werden. Ein weiterer Termin soll zeitnah angeboten werden, sobald wieder Impfstoff zur Verfügung steht.

Auch die IHK in Nordschwaben weiß, dass der Impfstoff nach wie vor knapp ist und daher die Betriebsärzte oftmals nicht so viel impfen können, wie man sich das wünschen würde. „Man kann aber schon sagen, dass sich im Grunde alle Unternehmen um ein Impfangebot für ihre Mitarbeiter bemühen. Oftmals gestaltet sich das schwierig“, sagt Bettina Kräußlich, Regionalgeschäftsführerin der IHK. Bislang sind ihr auch keine Zusammenschlüsse von Firmen oder Hilfsangebote von größeren Betrieben an kleinere bekannt. „Das muss aber nicht heißen, dass es das gar nicht gibt. Ich denke, sobald genug Impfstoff verfügbar ist, wird sich hier einiges tun.“ Genau da ist der Haken: Es gibt zu wenig Impfstoff, sagt auch Dillingens Landrat Leo Schrell. Er und Landtagsabgeordneter Fabian Mehring hatten wie berichtet vorgeschlagen, dass die Betriebsarztimpfungen in Impfzentren vorgenommen werden.

„Das von uns entwickelte Konzept einer Zusammenarbeit zwischen Betriebsärzten und Impfzentren ist unverändert aktuell“, erklärt der Landrat am Mittwoch. Man wolle mit der Infrastruktur im Landkreis und den Kapazitäten im Impfzentrum die Betriebsärzte unterstützen, damit so schnell wie möglich so viele Menschen wie möglich geimpft werden können.

Inzwischen habe das Bayerische Gesundheitsministerium die Vorschläge genehmigt. So könne man nun zeitnah mit der IHK und der HWK die Einzelheiten zur Zusammenarbeit besprechen.

Lesen Sie auch den Kommentar: Große Firmen (noch) im Vorteil

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.