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DZ

17.10.2020

Das Mädchen auf der Burg

Die

Mühsam war der Aufstieg. Die Hitze der Sonne ließ Schweißperlen über mein Gesicht rinnen. Sie brannten in den Augen, mein Hemd war nass geworden. Ich fühlte mich wie eine lebende Dampfmaschine. Stechmücken und Bremsen umschwirrten mich, ihr Opfer. Doch schließlich war es Sommer! Außerdem lockte auf der Anhöhe ein lohnendes Ziel – eine Burgruine.

Während des Aufstieges schweiften meine Gedanken ab und verloren sich in Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit. Was muss das früher für eine Plage gewesen sein, diesen beschwerlichen Weg zu Fuß gehen zu müssen, in Eisen und Leder gekleidet, mit Schild und Speer, bei unerträglicher Hitze oder bei klirrender Kälte? Als ich fast oben angekommen und den Steinen der äußeren Mauern zum Greifen nahe war, hob sich meine Stimmung zusehends, genauso wie mein Brustkorb und meine Lunge, denn ich musste verschnaufen. Wenn nur nicht diese drückende Schwüle gewesen wäre! Besorgt blickte ich zwischen den Bäumen nach oben und machte mir Gedanken über die Wolken, welche nicht immer weiß am Himmel dahinzogen. Sollte sich da vielleicht etwas zusammenbrauen?

Ach nein, beruhigte ich mich innerlich. Wird schon trocken bleiben.

Ich schien an diesem Tag der einzige Besucher des alten Gemäuers zu sein. Ich konnte keine Menschenseele entdecken. Das war mir sehr lieb.

Meine Augen streiften umher und liebkosten die alten Steine wie gute Bekannte. Dicht vor mir ragte ein runder Turm auf, welcher in einem sechskantigen Aufbau mit Zinnen endete. Vermutlich ein angebauter Geschützturm aus dem sechzehnten Jahrhundert? Viele der Burgen waren ja den immer moderner werdenden Waffen angepasst worden, um die Wehrhaftigkeit wenigstens einigermaßen erhalten zu können.

Nicht weit entfernt entdeckte ich einen steilen Abhang. Zur Sicherheit der Besucher war ein hölzernes Geländer angebracht worden. Neugierig lief ich dorthin und vor mir tat sich eine herrliche Aussicht auf.

Dann drehte ich mich wieder um und blickte auf die Ruine, welche in der Hitze des Sommertages zwischen Bäumen, Sträuchern und zahllosen Brennnesseln dahindämmerte. Ein lang gestreckter flacher Stein geriet in mein Blickfeld. Ich war rechtschaffen müde, legte mich darauf und streckte wohlig die Beine aus. Meinen kleinen Rucksack schob ich unter den Kopf. Um mich herum Stille. Nur ein paar Grillen ließen ihr endloses Konzert ertönen. Sanft schaukelten Schmetterlinge umher, ließen sich auf Disteln und Blumen nieder. Mir fielen fast die Augen zu und die Hitze des Sommertages tat ein Übriges.

Warum nicht ein paar Minuten ausruhen? Mein Blick wanderte schläfrig nach oben, den Turm hinauf bis zum letzten Fenster, im gotischen Stil erbaut und mit einem eisernen Gitter gesichert. Da – ein Mädchen! Unmöglich. Doch – da war etwas. Schlagartig und hellwach richtete ich mich auf. Ja – zwischen den Gitterstäben blitzte das jugendliche Gesicht eines Mädchens auf, verträumt lächelnd, zu mir herunterblickend.

Ich schirmte meine Augen vor der Sonne ab und sah gebannt nach oben, fasziniert von dem Anblick, welcher sich förmlich in mein Herz bohrte. Da hörte ich einen Donner aus der Ferne anrollen und sah erschrocken umher. Ein Blick auf meine Armbanduhr eröffnete mir, dass ich hier Stunden gelegen sein musste. „Sie sollten sich jetzt besser auf den Weg machen“, drang eine leise Stimme in mein Ohr. Ich drehte meinen Kopf in die Richtung, aus der sie kam. Am Geländer stand nun das junge Mädchen von vorhin, sommerlich gekleidet und bildhübsch anzusehen. „Es zieht ein Gewitter auf. Sputen Sie sich, junger Mann, sonst werden Sie noch nass! Sehen Sie mal“, sagte sie, und ihr Arm deutete nach oben, während mich ihre Augen anlächelten. Ich folgte ihrem Fingerzeig und erschrak. Der Himmel hatte sich weiter verdunkelt. Das war mir jedoch in diesem Augenblick egal. Gerne hätte ich mich mit diesem bezaubernden Geschöpf noch länger unterhalten und richtete meinen Blick wieder zum Geländer hin. Verblüfft und unsicher schweiften meine Augen umher – nichts.

Ich war allein. Wo war das Mädchen? Verwirrt nahm ich meine Kappe ab und strich mir über die Stirn. Erneut krachte es laut und ein heftiger Windstoß fegte kurz durch die Ruine. Gebannt bohrte sich mein Blick förmlich in das Geländer. Ich stand auf und ging unsicher in Richtung Abgrund, blickte umher, drehte und wendete mich. Da war niemand außer mir.

Plötzlich ging mir ein seltsamer Gedanke durch den Kopf und mein Blick richtete sich wieder auf das Fenster hoch oben am Turm. Das Mädchen am Geländer! Es waren dieselben Augen, das gleiche verträumte Lächeln. Träumte ich immer noch einen Traum?

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