Newsticker

26.000 weitere Corona-Infizierte in Brasilien an nur einem Tag

Festival

28.07.2019

Der Rainer Winkel bebt

Auf sie hatten viele gewartet: die Jungs der Band „Pam Pam Ida“ aus Sandersdorf im Altmühltal. Sie heizten mit teils schrägen Texten und Kompositionen den Fans richtig ein, hatten rockige Rhythmen ebenso dabei wie ruhige Balladen – zumeist mit skurrilen Texten ausgestattet.
9 Bilder
Auf sie hatten viele gewartet: die Jungs der Band „Pam Pam Ida“ aus Sandersdorf im Altmühltal. Sie heizten mit teils schrägen Texten und Kompositionen den Fans richtig ein, hatten rockige Rhythmen ebenso dabei wie ruhige Balladen – zumeist mit skurrilen Texten ausgestattet.

Zum viertägigen Festival kommen 1700 Besucher. Sie feiern, tanzen, singen und genießen die acht Bands und das Ambiente auf Gut Sulz.

Die schwüle Sommerhitze ist hinter den alten Bäumen im Park von Gut Sulz verschwunden. Mit dem nachtblauen Himmel wetteifern rote, gelbe und grüne Lampions darum, schönster Blickfang zu sein, während bunte Strahler weitere Akzente im Blätterwerk setzen. Töne wehen von der Bühne über das weite Areal und viele Menschen wiegen sich zum Rhythmus der Band vor der Bühnenrampe. Sie recken ihre Hände empor, während andere sich in ihren Stühlen räkeln, auf Decken lagern, zuhören und einfach genießen.

Das sechste Festival auf Gut Sulz

Es herrscht wieder diese unvergleichliche Leichtigkeit des Seins, die das Rainer Winkel Festival nun schon zum sechsten Mal zu verbreiten versteht. Organisator Johannes Geier und sein rühriges, nimmermüdes Team machen das Anwesen der Gutsfamilie Andreae einmal mehr zum Schauplatz für einen einmaligen Sommernachtstraum. Dort vereint sich der Sound der Bands mit der wunderbaren Kulisse, dem kulinarischen Angebot und den Begegnungen und Gesprächen zu einem lustvollen Gesamtpaket. An vier Tagen entsteht dort eine Atmosphäre, die zu finden man sonst weit reisen müsste. Und es entsteht dieses so spezielle, Landkreis übergreifende Gefühl von Heimat, für das die IG Rainer Winkel steht. Boarisch isses. Griabig isses. Und hausgemachte Musik, oft aus dem direkten Umland – die isses auch!

Tradition aus ganz Europa

Tag eins ist der Donnerstagabend: Die allerersten Töne im noch jungfräulichen Park stimmt die Gruppe „Shalamazl“ an – vom anderen Ende des Landkreises angereist. Die sechs Frauen vom Rieskraterrand spielen unterschiedlichste Blas- und Saiteninstrumente und greifen meist traditionelle Musikstücke aus dem europäischen Raum auf. Unter der großen Kastanie auf dem Gelände findet sich schnell eine feste Fangemeinde, die den tollen Stil- und Tradimix genießt. Noch scheint die Sonne gleißend, doch unter dem schattigen Laub lässt sich prima musizieren und lauschen.

Der Rainer Winkel bebt

Derweil laufen im Hintergrund die Vorbereitungen auf der Hauptbühne. „D’Raith-Schwestern & daBlaimer“ richten sich dort ein. Mit Klapp-Stühlen, Picknick-Decken und Kissen verwandeln die Besucher die Wiese davor in einen unkonventionellen Zuschauerraum. Die Schwestern Susi und Tanja, und Tanjas Mann „DaBlaimer“ sind erfahrene Bühnenkünstler. Die Frauen überzeugen mit unvergleichlich schönen Soulstimmen und werden von Blaimer an der Gitarre begleitet.

Menschlich anrührende Geschichten

In „Hart aber Herzlich“ präsentieren sie menschlich anrührende Geschichten. Songs zum Lachen, Mitfühlen und Nachdenken. Unbeugsam wie eh und je orientieren sich die Raith-Schwestern nicht am seichten Mainstream um zu gefallen, sondern schöpfen die Musik aus dem Herzen. Denn nur so, sagen sie, kann man sich auch in die Herzen der Menschen spielen. Zusammen mit ihrer Band geht es um Songs wie „Zu zwoat samma a Weltmacht“, „Warmer Regen“, „Bladl im Wind“ oder „Zeitlang“. Es geht um große Themen. Es geht um Liebe und Musik – und natürlich um Freude und Spaß.

Tag zwei bringt zunächst drei musikalische Burschen ins Rampenlicht, die ihrem Namen alle Ehre machen: die „Muntermonika“. Aus einem Tippfehler entstanden, drückt dieser Bandname nahezu ideal den Charakter der Stücke aus: Sie machen munter, stimmen fröhlich. Lustvolle Spielfreude, authentische Erlebnisse, Herzschmerz und Themen, die die Welt bewegen – dafür stehen Moritz Ludl, Julian Schuster und Nicolas Uhl. Zwei Gitarren, ein Kontrabass und Gesang – eine Mischung, die mitreißt. Zudem zeigt „Muntermonika“ – und das haben sie mit allen Interpreten des Festivals gemeinsam – wie geschmeidig sich die Bayerische Mundart singen lässt. Sie schmiegt sich phonetisch weich, ja fast sexy an Töne und Melodien.

Tradition und Moderne

Sehr speziell ist die Hauptgruppe dieses Freitagabends: An „Pam Pam Ida“ scheiden sich die Geister. Die sechs sympathischen Jungs aus Sandersdorf im Altmühltal – unterstützt von den ausgezeichneten Streichern des „Silberfischorchesters“ – machen ihr ganz eigenes Ding. So speziell, so krass, so kontrastreich, dass die einen ganz verrückt nach ihnen sind. Die anderen hingegen kommen mit dem Stilmix zwischen Blues, Balladen, Bayernpop- und -rock nicht so richtig mit. Erst recht finden sie Texte von überfahrenen Katzen, sexueller Frustration oder verwesenden Leichen verstörend. Viel Ironie, Augenzwinkern und Sozialkritik stecken in den kreativen Ideen, die Frontmann Andreas Eckert in Texte und Töne packt und sie auch mit einem gewissen Schmäh singt. Sie sind anders, sie sind klasse, diese Altmühltaler: „Pam Pam Ida“ wird eine beachtliche musikalische Karriere vorhergesagt.

Inzwischen weicht die anfangs kaum erträgliche Sommerschwüle einem lauen Lüftchen. Der befürchtete Regen bleibt aus und so feiern Hunderte von Besuchern bis spät in die Nacht. Um drei Uhr morgens – als alle gegangen sind – werden die Musiker von Pam Pam Ida schließlich im Pool der Gutsfamilie gesichtet.

Tag drei, der Samstag, beginnt mit bangem Blick auf den Wetterbericht. Kommt das befürchtete Gewitter oder halten die Wolken dicht? Sie halten! Und so können die Besucher mit Cocktails oder Bier in der Hand, Steaksemmeln oder Crepes weiter schwelgen. Mit „Lärmliebe“ bekommen sie eine rockige Vorband zu hören, bei der es viele nicht auf ihren Sitzgelegenheiten hält. Die selbst geschriebenen, deutsche Punkrocksongs reißen einfach mit.

Die junge Formation aus Holzheim hat ihren Auftritt beim Bandcontes der IG Rainer Winkel gewonnen und zeigt einmal mehr ihre Qualitäten, für die sie als Sieger aus diesem Wettbewerb gegangen war. Frontsänger Dominik Oßwald: „Wir sind begeistert, wie die Zuhörer bei unserem Auftritt mitgehen. Das ist richtig toll!“ Zuvor hatte die junge Gruppe „Hadé“ aus Regensburg das Programm eröffnet. Eines ihrer Markenzeichen: der abstrakte, ja metaphorische Gebrauch des bayerischen Dialekts, den sie in vielfältige und ansprechende Musik verpacken.

Keller Steff sorgt für herausragende Stimmung

Nach „Lärmliebe“ kommt der Höhepunkt des Samstags: Mit der „Keller Steff Big Band“ steht eine erfahrene Musikgruppe im Rampenlicht, die mit ihrer Mischung aus rockigen Tönen und dem mitreißenden Saxofon- und Trompetensoli für herausragende Stimmung sorgt. Die acht Musiker aus dem Chiemgau überzeugen nicht nur durch rockige Riffs, Soul, Rhythm und Blues, sondern auch durch charmante Moderation und Animation, in der sie Niveau mit Witz paaren. Frontmann Stephan Keller – der Keller Steff – kommt dabei überaus charismatisch rüber und hat immer etwas parat, um das Publikum mit einzubeziehen. So wird nicht nur getanzt, sondern auch mitgesungen und mitgeklatscht. Und das kommt an. Auch deswegen ist der Abend so kurzweilig. Und als schließlich der letzte Ton der Zugabe verklungen ist, wundert sich mancher, wo die Zeit geblieben ist. Schluss ist es keinen Moment zu früh, denn unmittelbar nach dem Finale setzt ein Wolkenbruch ein, der es in sich hat. Trocken schafft es jetzt keiner mehr ins schützende Auto.

1700 Besucher an vier Tagen

Am vierten Tag ist das Rainer Winkel-Festival auf der Zielgeraden angekommen. Der Alltag der Gutsfamilie Andreae ist völlig aus dem Rhythmus geraten, der der Organisatoren sowieso. Andere Rhythmen geben in Zeiten wie diesen den Takt vor – und alle Beteiligten strahlen. Erst recht, weil sie am Ende eine schöne Bilanz ziehen können. Während die Big-Band „Combonisten“ aus Thierhaupten im Dixie-Sound „Wir machen Musik“ intonieren, während es sich beim Weißwurstfrühstück erneut Hunderte von Menschen gut gehen lassen, resümiert Johannes Geier verschmitzt grinsend: „Es war das verrückteste Wochenende, das ich als Veranstalter je erlebt hab.“

Von Höhen und Tiefen spricht er. Tiefen, weil die Technik ein wenig verrückt gespielt und das Wetter am Samstag pünktlich nach dem letzten Takt eben jenen Wolkenbruch inszeniert hat. Mehr aber noch sind es die Höhen, die das Wochenende prägen. „Unser Festival wird mehr und mehr angenommen – auch von jungen Leuten. Und das ist es, was wir erreichen wollen“, freut sich Geier. Eine Chill-Lounge – organisiert von der Katholischen Jugendbewegung Holzheim trägt da sicher auch dazu bei.

„Aber trotz aller Bemühungen – und wir leisten ehrenamtlich unglaublich viel – kann nie alles perfekt sein“, findet der Motor der IG Rainer Winkel selbstkritisch. Von den rund 1700 Besuchern an vier Tagen dürfte das freilich den meisten gar nicht aufgefallen sein ...

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren