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31.07.2010

Gedanken, die das Leben verändern

Gemütliches WG-Flair: Im Haus Brunnenhof wohnen die psychisch behinderten Bewohner in Wohngruppen zusammen. Die Betreuer helfen, wenn mal etwas nicht klappt. Fotos (2): Brems

Die Stiftung Behindertenwerk St. Johannes in Schweinspoint feiert in diesem Jahr ihr 150-jähriges Bestehen. Aus der 1860 gegründeten "Anstalt für unheilbar Kranke" hat sich ein modernes Unternehmen entwickelt, das inzwischen viele Bereiche der sozialen Betreuung abdeckt. In einer Serie werden wir anhand von persönlichen Geschichten die einzelnen Einrichtungen vorstellen.

Marxheim-Schweinspoint Nennen wir ihn Hannes. Hannes war einmal Arzt, hatte das Medizinstudium hinter sich gebracht und seine erste Stelle als Assistenzarzt angetreten. Er wollte den Menschen helfen, wollte Internist werden, weil er früher seinen Vater hatte leiden sehen. Als Arzt war er angesehen, verbrachte seine Zeit in den Münchner Studentenkreisen. Alles hätte so schön sein können. Er war verheiratet, hat zwei Töchter.

Doch dann machte ihm das Leben einen Strich durch die Rechnung. Im fünften Semester hat es angefangen. Gedanken kreisten plötzlich in seinem Kopf, die er nicht verscheuchen konnte. "Ich hatte Angst vor Krankheiten, dachte beim kleinsten Zipperlein, dass ich schwer krank bin", erzählt der heute 55-Jährige. Als Medizinstudent wusste er natürlich nur zu gut, welche Erkrankungen einen Menschen befallen können.

Es wurde immer schlimmer

Gedanken, die das Leben verändern

Hannes ließ sich behandeln. Doch es wurde immer schlimmer. "Ich bin von der Neurose in eine Psychose gerutscht", erklärt er fachmännisch, schließlich weiß er als Arzt darüber bescheid. Verfolgungswahn, Schizophrenie. "Ich dachte mein Opa spricht mit mir", sagt er, doch der war schon seit vielen Jahren tot. Die psychische Erkrankung lässt ihn verlottern: "Ich bin 22 Stunden am Tag im Bett gelegen, habe viel geschlafen." Für sein Leben interessiert er sich nicht mehr. Die Psychose hat ihn komplett in Beschlag genommen. Aufstehen, anziehen, putzen, Wäsche waschen - all das hat keine Bedeutung mehr für ihn.

Heute sitzt Hannes im Haus Brunnenhof in Schweinspoint. Er trägt eine schwarze Jeans und ein T-Shirt. Gepflegt. Nur er weiß, dass das alles Fassade ist: "Wären da nicht die Betreuer der Stiftung, würde ich wieder verlottern." Sie passen auf, dass er jeden Morgen um 6.30 Uhr aufsteht, sich wäscht, anzieht und frühstückt - das eine Struktur in seinem Leben ist. In Schweinspoint fühlt er sich wohl. Hannes ist froh, dass er mit den Menschen im Haus Brunnenhof zusammen sein kann, auch wenn alle in irgendeiner Form krank sind: "Die Latte wird nicht so hoch angesetzt und es ist befreiend, wenn die anderen auch eine Macke haben."

Gerade für psychisch Kranke ist es schwer, ihre Krankheit einzusehen. "Man merkt zwar, dass man irgendwie anders ist, aber dass man spinnt, will man nicht hören", erzählt Hannes. Früher konnte er sich noch mit Gitarrespielen ablenken, doch inzwischen funktioniert auch das nicht mehr. Wenn die Psychose wieder voll zuschlägt, hilft nur noch ins Bett legen: "Wenn diese scheiß Zustände nicht wären, wäre ich ein normaler Mensch, könnte wahrscheinlich sogar wieder als Arzt arbeiten. Ich wäre glücklich." Doch so geht es ihm mindestens einmal am Tag schlecht.

Er liebt Mathematik

Hannes arbeitet von der Tagesstätte in Donauwörth aus für einen Arzt in Oberbayern. Für ihn macht er am Computer Statistiken: "Das ist das Einzige, was mir in meinem Leben Freude bereitet." Mathematik hat Hannes schon immer Spaß gemacht. "Es ist eine klare Sache", sagt er. Ganz im Gegensatz zu den Gedanken und Gefühlen, die ihn sonst beherrschen.

Dabei geben sich die Betreuer der Stiftung viel Mühe, den Bewohnern dort das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Sie organisieren Ausflüge, gehen gemeinsam ins Kino, spielen, basteln oder kochen zusammen. Für Hannes ist das alles nichts: "Mir geht es am Besten, wenn ich in Ruhe gelassen werde." Und auch das ist möglich im Haus Brunnenhof. Außer Hausleiter Jürgen Almer weiß einmal am Computer nicht mehr weiter, dann muss ihm Hannes helfen. Im Gegensatz zu vielen anderen Dingen tut er das gerne, denn er sagt: "Auch wenn man ein schwieriger Mensch ist, wird man hier akzeptiert."

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