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Dz-Leseherbst

19.10.2020

Hannelore Seidel: Jugendwahn

Altwerden ist unmodern.
Bild:  Jens Schierenbeck (dpa)

Plus In Folge 16 macht sich Hannelore Seidel Gedanken über Falten und mehr.

Wie ist das denn so mit dem Altwerden, tut es weh, ist es eine Krankheit? Ist das Altwerden verpönt, nicht ansehnlich, unmodern und altmodisch? Muss sich heutzutage derjenige schämen, der alt wird? Darf er sich nicht mehr zeigen, wenn er von seinem Leben schon gezeichnet ist? Oder wenn sein Leben Spuren hinterlassen hat?

Jede Falte, die er sich angelacht oder eingeweint hat, zeigt etwas von seiner Lebensgeschichte. Das Leben hat dem Körper seine Geschichte eingeprägt, konnte Spuren hinterlassen. Eine lange Geschichte lässt sich an jedem Körper ablesen. Früher war es eine Ehre, alt zu werden, denn in jedem betagten Menschen steckt so viel Lebenserfahrung und Lebensweisheit, so viel Reife, die man auch gerne zeigen darf. Aber die Welt ist eine andere geworden, heutzutage haben wir andere Themen. Altwerden ist unmodern geworden, wir dürfen Alter nicht mehr zeigen. Wir können auch nicht mehr von unserer tiefen Lebensweisheit erzählen, das findet keinen Platz mehr, denn in der heutigen Zeit geht es darum, welche die beste Schönheitsklinik ist, wer die Haut wieder glatt wie bei einer Puppe macht.

Wer ist der beste Zahnchirurg für ein weißes Hollywood-Lächeln? Wer saugt das Fett ab, wer strafft Po und Brust? Man wird fast nicht mehr Herr über so viele Angebote. Man hat keine Zeit mehr für … sein Selbst, denn der ganze Körper muss ja dauerhaft jung gestaltet werden. So ein Stress! Noch dazu in diesem Alter. Jeden Tag einen anderen Termin!

Hoffentlich kommt nicht ein schmerzliches Zipperlein, denn morgen geht es in die Schönheitsklinik. Schnell noch den Koffer packen, oh Jammer, was nehme ich denn da alles mit? Ich muss ja gut aussehen! Schnell noch in die Boutique, die Zeit drängt. Ups, was ist das denn, jetzt ja keinen Hexenschuss … der Rücken tut so weh! Zähne zusammenbeißen und schnell los, es muss noch etwas Schickes gekauft werden. Die Operation muss sein, in zwei Wochen ist Klassentreffen, und Altsein, das geht dort überhaupt nicht. Jugend ist gefragt. Faltig darf niemand aussehen, das war früher einmal. Es wäre ja peinlich, wenn die anderen sagten: „Die sieht aber alt aus, die ist ja von früher.“ Es ist ein Wettbewerb, wer am jüngsten aussieht. Nur darum geht es. Nicht, was wir in unserem Leben an Weisheit gesammelt haben. Das ist für viele kein Thema mehr. Gestylte, aufgehübschte Körper, innen mögen sie uralt und leer sein.

Nun aber mal stopp! Dort drüben, im Lehnstuhl, schaukelt eine alte Frau, die so aussieht, wie das Leben sie gezeichnet hat. Ruhig und zufrieden wirkt sie, mit einem wunderschönen Lächeln und tiefgründigen, ruhigen, warmen Augen, die zugleich nach innen und nach außen blicken. Eine Geschichte strahlt sie aus, ihre Geschichte, denn sie ist der Mensch, der sie wirklich ist. Nichts verfälscht, nichts verstellt, keine Maske, nur reines, lebendiges Sein. Zufrieden mit sich und der Welt, zufrieden mit ihrem Alter. Auf ihrem Schoß sitzt ein kleines blondes Mädchen, die Hand der alten Frau streichelt zart über das Köpfchen des Kindes. Liebevolle Worte haucht sie. Voll Ruhe und Güte sitzt sie da, mit ihrem Lächeln, das so tief berührend und einfach nur bezaubernd ist. Das kleine Mädchen schaut wie gebannt in die sprechenden Augen der alten Frau, die so viel vom Leben erzählen.

Eine stille, geheimnisvolle Berührung umhüllt nun beide. Mit sanfter Stimme flüstert die würdige Dame: „Mein liebes Kind, du bist noch so frisch, so schön am Erblühen. Ich bin alt, doch in mir ist etwas erblüht, das niemand verschönern könnte. Auch nicht der beste Schönheitschirurg. Es ist wie eine brillante Blume, die niemals verwelkt, auch wenn der Körper am Welken ist. So bleibt doch der wertvolle Schatz, der durch meine Lebenserfahrung gewachsen ist, in mir. Und das trage ich in Würde nach außen, in blühender Lebendigkeit, so wie das Leben ist. Ich bin stolz auf mein Alter und darf mein Alter zeigen. Denn das ist Leben!

Nicht wie irgendwelche aufgespritzten Puppen, die wie Marionetten und innen schon lange tot sind. Was nutzt der äußere Glanz der Schönheit, wenn die innere Blüte vermodert ist? Wenn du das begriffen hast, mein liebes Kind, so wirst du nie alt werden, denn du hast Zeit für die wahrlich schönen Dinge dieser Welt. Du wirst nicht den Stress haben, dem Jugendwahn hinterherzulaufen. Du wirst die Kraft haben, in deiner Seele ewig jung zu bleiben. Du siehst die wahren, schönen Dinge, lässt dich nicht von oberflächlichem Glanz betören, der innen steif und leblos ist. Ich glaube und fühle, mein liebes Kind, du sitzt gerne auf meinem Schoß, denn in der Tiefe berühren wir uns sehr. In dieser Tiefe sind wir eine Blüte, da ist es unwichtig, wie alt wir sind. Ein Verstehen, das über die Worte hinausgeht, dies wirst du nie mehr vergessen.“

Zur Autorin:

Hannelore Seidel schreibt für den DZ-Leseherbst
Bild: Seidel
  • Hannelore Seidel wurde 1953 in Öhringen/Baden Württemberg geboren.
  • Seit 2018 wohnt sie in Donauwörth, sie schreibt vorwiegend Gedichte und Kurzgeschichten.
  • Schon in jungen Jahren – inspiriert durch die Natur – begann sie ihre Beobachtungen zu malen und niederzuschreiben. Inzwischen hat sie vier Bücher veröffentlicht.

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