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Liederabend

14.06.2017

Meine Laute hab ich gehängt an die Wand

Großartiges Duo: Julian Freibott (links) und Eric Schneider.
Bild: Hampp-Weigand

Franz Schuberts „Schöne Müllerin“ – hinreißend gesungen und gespielt

Stehend Beifall klatschende Zuhörer und Bravorufe in der gut besuchten Mertinger Schule sind Beleg, dass sich für die hochkarätigen Mertinger Kulturangebote immer wieder Menschen aus dem gesamten Umland begeistern. Und so war auch der Liederabend mit dem hinreißend gesungenen Liedzyklus „Die schöne Müllerin“ ein großartiger, verdienter Erfolg für den jungen Tenor Julian Freibott, Ensemblemitglied am Theater Erfurt. Und für den weltweit in den großen Musiktempeln konzertierenden Pianisten Eric Schneider, der seinem jungen Kollegen höchstes Lob zollte.

Schubert komponierte den ersten erzählenden Liederzyklus der Romantik, „Die schöne Müllerin“, 1823/24, nachdem er Wilhelm Müllers Gedichtband „Aus den hinterlassenen Papieren eines Waldhornisten“ gelesen hatte. Goethe selbst hatte den die Dichterin Fanny Hensel vergeblich liebenden Müller inspiriert. Weiß man um diese Entstehung, Schuberts unerfüllte Liebe, seine unheilbare Krankheit, die daraus resultierende wachsende Bitterkeit und Verzweiflung in seinen letzten Jahren, ist klar, dass in diesem bekanntesten und vielleicht volkstümlichsten der Schubert’schen Liederzyklen der Grundton nicht unbeschwerte Aufbruchsstimmung in romantischer Idylle ist, sondern eine Entwicklungsgeschichte abläuft, die mit enttäuschten Hoffnungen und Sehnsüchten spielt und letztendlich zum Tode führt.

Die Ausgangsgeschichte ist ewig alt und ewig neu und im Grunde trivial. Ein junger Müllergesell auf Wanderschaft folgt einem Bächlein, „hinunter, und immer weiter“, das ihn, freudig, neugierig, zu einer Mühle führt. Die ersten Lieder des Zyklus sind so vorwärtsdrängend komponiert, mit schneller Klavierbegleitung. In der Mühle verliebt sich der Müllergeselle in die Tochter seines Meisters, doch vergeblich – gegen den grünberockten Jäger kann er nicht gewinnen. Der zweite Teil des Zyklus dreht sich in Resignation, Wehmut und ohnmächtigen Zorn um und ähnelt in seiner Todessehnsucht der „Winterreise“ – die Hälfte der Titel des zweiten Teils ist bezeichnenderweise in Moll gehalten.

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Die Grenzen zwischen Lebenslust, Angst, Verzagtheit und Wehmut bis hin zu Depression und Todessehnsucht sind weit ausgelotet: Aus Verzweiflung ertränkt sich der Unglückliche im Bach. Folgerichtig beschreiben Lied eins bis 18 diese Geschichte aus der Sicht des Gesellen, Lied 19, „Der Müller und der Bach“, ist ein Dialog zwischen dem Gesellen und dem diesen wie ein menschlicher (oder mephistophelischer?) Vertrauter begleitenden Bach, und im letzten Lied singt der Bach selbst ein wehmütiges Schlaf- und Todeslied für den Jungen.

Julian Freibott begann verhalten, zurückgenommen – in glasklarer Diktion, die im leisesten Piano noch jedes Wort verständlich machte. Da war von Beginn an wenig Jubel über einen ersehnten glücklichen Ausgang zu spüren – man spürte in diesem seinen Emotionen nachspürenden, gedankenverlorenen Jüngling die Verzweiflung des Endes. Auch wenn sein in tenorale, goldmetallene Höhen führender Jubelausbruch „Sie ist mein“ einen Augenblick täuschen machte … in den folgenden Ausbrüchen, als er das untreue Spiel der Müllerin entdeckt, sind Wut und Eifersucht mit Händen zu greifen. Und keine Sekunde verliert er seine hervorragende Sprech- und Gesangskultur; jede Note, jedes Wort sitzt im Kopf und wird dort bewegt und geformt; seine Registerwechsel sind einfach phänomenal. Bruchlos ist die leuchtende Kopfstimme da, glänzt, um abzusinken in baritonale Phrase.

Den wunderbaren Pianisten Eric Schneider am Flügel als Begleiter zu haben ist ein Geschenk – Sänger und Publikum sind sich dessen bewusst. Während der Lieder herrscht wahrhaft atemlose Stille, hingerissene und dankbare Aufmerksamkeit, um am Ende des Zyklus in lang anhaltenden Beifall zu münden. Schuberts „Heil’ge Nacht, du sinkest nieder“ war eine unerwartete, dankbar und freudig aufgenommene Zugabe.

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