Newsticker
Bund-Länder-Beratungen zur Corona-Krise schon am Dienstag

DZ-Adventskalender

14.12.2020

Türchen 14: Polar Express

AZ-Grafik

Öffnen Sie das 14. Türchen in unserem digitalen Adventskalender. Das Thema 2020: Weihnachtsfilme. Heute: Polar Express

Am Nordpol sieht aus wie in der Hauptstatt eines eisigen Imperiums. Überall ragen monumentale Ziegelbauten in den Himmel. Die Architektur ist eine Mischung aus Hamburger Speicherstadt und Moskauer Kreml. Auf dem Hauptplatz sind hunderte rot uniformierter Elfen vor einem riesigen Christbaum aufmarschiert und jubeln. Da, Fanfaren schmettern. Ein riesiges Tor öffnet sich, ein Schatten wird sichtbar. Der Jubel schwillt an. Gleich wird er erscheinen. Wer – der große Diktator? Nein, es ist Santa Claus.

So beklemmend ist die Hauptstadt der Weihnachtsfreuden in einem Weihnachtsfilm selten dargestellt worden. Eine Schar Kinder ist mit dem Polar-Express in das winterliche Reich gefahren. Eines von ihnen soll ausgewählt werden. Es darf sich vom Weihnachtsmann wünschen, was es möchte. Ein Traum? Oder eher ein Albtraum? Bevor Santa seine Wahl trifft, geht eines der Kinder verloren. Seine Freunde laufen hinterher, um es zu suchen. Dabei irren sie durch die labyrinthischen Hallen der Weihnachtswerkstatt, die eher einer surrealen Fabrik aus Charlie Chaplins „Modernen Zeiten“ gleicht. Aus Lautsprechern scheppern blecherne Weihnachtslieder, die langsamer werden, sobald die Kinder stehen bleiben.

Die Geschichte vom Polar-Express wurde 2004 nach dem gleichnamigen Kinderbuch des amerikanischen Autors und Zeichners Chris Van Allsburg mit Hilfe der Performance Capture Technik realisiert. Performance Capture bedeutet, dass die Bewegungen lebendiger Schauspieler (in diesem Falle zum Beispiel Tom Hanks) aufgezeichnet und auf computeranimierte Figuren übertragen werden. Selbst der Gesichtsausdruck des Schauspielers die Bewegungen seiner Finger können so von einer Trickfilmfigur nachgeahmt werden. Auf diese Weise lassen sich Filmszenen mit komplexen Bewegungsabläufen schnell und kostengünstig umsetzen.

Die Technik hat auch einen Nachteil: realistisch aber eben nicht echt

Die auf diese Weise animierten Gestalten wirken auf den ersten Blick zwar sehr realistisch, aber sie sind eben doch keine echten Menschen. Bei längerem Betrachten erscheinen sie seelenlos, künstlich. Dieses Problem ist nicht nur eine Frage der Rechner-Kapazitäten. Experten haben die Theorie des „uncanny valley“, des „unheimlichen Tals“ aufgestellt. Sie besagt, dass Menschen unbelebte Wesen keineswegs umso sympathischer finden, je mehr sie echten Menschen ähneln. Nach dieser Theorie steigt Akzeptanz einer Figur zunächst zwar an, je ähnlicher sie einem Menschen sieht, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Dann fällt sie plötzlich rapide ab, und das „unheimliche Tal“ entsteht. Werden Marionetten oder Blechbüchsenroboter als putzig empfunden, rufen Gestalten, die fast – aber doch nicht ganz – wie echte Menschen aussehen, eher ein Schaudern hervor. Die Mimik, die Bewegungen, fast wie lebendig, aber irgendetwas irritiert doch. Sind das etwa Zombies? „Polar Express“ gilt unter Filmfans als Musterbeispiel für dieses Phänomen.

Unheimlich ist der Film aber nicht nur aufgrund der Produktionstechnik. Die Achterbahnfahrt des Zuges auf dem Weg zum Weihnachtsmann, der düstere Landstreicher, der auf dem Dach des Waggons mitfährt, die Reichsparteitagsatmosphäre am Nordpol – diese Weihnachtswelt ist kein glitzerndes Paradies. Eher schon eine surreale Traumlandschaft. Dennoch ist das alles nicht wirklich gefährlich. Es trägt dazu bei, den Kindern an Bord zu helfen, mit ihren Problemen fertig zu werden. Ein egoistischer Klugscheißer lernt Bescheidenheit, ein schüchterner armer Junge bekommt Selbstvertrauen, und der eigentliche Held seinen Glauben an den Weihnachtsmann zurück.

Der Schaffner der Dampflokomotive gespielt von Tom Hanks - oder doch nicht. Die Technik macht die Figuren realistisch aber eben doch nicht echt.
Bild: Filmforum

Glauben, das ist das Thema des Films, der damit eine zentrale Botschaft des Weihnachtsfestes aufgreift. Der Junge, den der Film auf seiner Reise begleitet, ist in dem Alter, in dem man zu zweifeln beginnt, ob es den Weihnachtsmann wirklich gibt. Er ist jedoch nicht etwa froh über seine Erkenntnis, sondern möchte seinen Kinderglauben zurückhaben. Sonst würde er nicht in den geheimnisvollen Zug einsteigen, der in der Nacht direkt vor seinem Haus anhält und ihm zum Nordpol bringen soll.

Schon lange quälen sich Kinder mit der Frage, wer denn nun wirklich die Geschenke bringt. Im Jahr 1897 schickte die achtjährige Amerikanerin Virginia O’Hanlon einen Brief an die Redaktion der New York Sun. „Einige meiner kleinen Freunde sagen, dass es keinen Weihnachtsmann gibt“ schrieb sie. „Papa sagt: ‚Wenn du es in der Sun siehst, ist es so.‘ Bitte sagen Sie mir die Wahrheit: Gibt es einen Weihnachtsmann?“ Die Antwort des Kolumnisten Francis P. Church ist bekannt und wird seitdem von Zeitungen überall auf der Welt nachgedruckt. „Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann“ so der Kern seiner Antwort. „Er existiert so zweifellos wie Liebe und Großzügigkeit und Zuneigung bestehen, und du weißt, dass sie reichlich vorhanden sind und deinem Leben seine höchste Schönheit und Freude geben. O weh! Wie öde wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe. Sie wäre so öde, als wenn es dort keine Virginias gäbe. Es gäbe dann keinen kindlichen Glauben, keine Poesie, keine Romantik, die diese Existenz erträglich machen. Wir hätten keine Freude außer durch die Sinne und den Anblick. Das ewige Licht, mit dem die Kindheit die Welt erfüllt, wäre ausgelöscht.“

Kinder fühlen sich wohl, wenn sie an überirdische Wesen glauben können

Psychologische Untersuchungen bestätigen, dass es keineswegs unverantwortlich ist, Kindern vom Weihnachtsmann oder dem Christkind zu erzählen. In den 1970er Jahren versuchten progressive Pädagogen, alles Märchenhafte aus den Kinderzimmern zu verbannen. Solcher Humbug würde die Kleinen nur zu autoritätshörigen Untertanen machen. Außerdem würden die Kinder traumatisiert, wenn die Eltern ihnen Lügen auftischen, die sie irgendwann durchschauen. Heute sieht man das entspannter. Kinder fühlen sich wohl, wenn sie an freundliche überirdische Wesen glauben können. Die Erkenntnis, dass es sie nicht gibt, bewirkt bei etwa 90 Prozent von ihnen auch keine allzu große Enttäuschung.

So wie der namenlose Junge im Film wünschen sich auch echte Kinder, dass es den Weihnachtsmann geben möge. Auch wenn sie es nicht mehr wirklich glauben, so spielen sie das Spiel doch gerne mit. Je älter sie werden, umso mehr Augenzwinkern ist dabei.

Die wundervolle Geschichte von einer Reise zum Nordpol
Bild: Filmforum

Im Film ist der Glaube ein Geschenk – ein Geschenk von Santa Claus in Form eines Schlittenglöckchens. Es begleitet den Jungen sein Leben lang und bewahrt ihm seinen Glauben an das Übersinnliche. Im richtigen Leben ist es nicht ganz so einfach mit dem Erwachsenwerden. Wenn man seinen Glauben einmal verloren hat, dann hilft einem auch kein Glöckchen und kein Weihnachtsmann, an den man dann ja ohnehin nicht mehr glaubt. Nun bietet Weihnachten noch ganz andere Glaubensangebote jenseits der Existenz eines netten alten Herren im roten Gewand, der Geschenke bringt. Was soll man von der Erzählung halten, dass Gott den Menschen an Weihnachten seinen Sohn geschenkt hat, der ihre Sünden auf sich nahm und für sie am Kreuz gestorben ist? Um das zu glauben, braucht es mehr als eine Eisenbahnfahrt zum Nordpol.

Morgen: Alle, von der nervigen Verwandtschaft bis hin zum frostigen Bösewicht werden durch harmlose Witzchen geläutert.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

15.12.2020

Ich kann dem Beitrag folgen! Als Zuschauerin im fortgeschrittenen Alter habe ich eine eher kindliche Ader in Bezug auf Weihnachtsfilme. Diesen Film habe ich im Kino zusammen mit einer Arbeitskollegin angeschaut, und wir sind bis heute noch beeindruckt. Einer der besten Weihnachtsfilme bislang. Beängstigend und beeindruckend zugleich. Die jeweilige Filmkulisse stimmt auf neue Ereignisse ein und nimmt den Zuschauer genauso wie die darstellenden Figuren mit.
Dieser Film ist wirklich sehenswert! Danke für das 14. Türchen.
Ingrid Früh

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren