1. Startseite
  2. Geld & Leben
  3. Sind Wohnungskatzen wirklich arm dran?

Tier-Kolumne

03.06.2019

Sind Wohnungskatzen wirklich arm dran?

Katzen wollen immer raus, sich austoben und jagen. Ein Tier, das nur drinnen ist, wird nicht glücklich? Stimmt so gar nicht.
Bild: Ysbrand Cosijn, stock.adobe.com

Früher war die Tierärztin Tanja Warter überzeugt: Katzen, die nicht raus dürfen, führen ein schlechtes Leben. Heute sieht sie als unsere Kolumnistin das ganz anders.

Früher stand für mich Folgendes in Stein gemeißelt: „Eine Katze muss in die Natur, Abenteuer erleben, Bäume besteigen, jagen und Beute machen.“ Alles andere, so dachte ich früher, sei kein Katzenleben. Bereits kurz nach meinem Einstieg in die tierärztliche Arbeit war ich mir da nicht mehr so sicher.

In der Tierarztrealität sehen idealistische Gedanken anders aus

Der erste Grund hieß Sandy. Wir mussten ihren Schwanz amputieren, nachdem sie unter ein Auto geraten war. Unfälle mit Katzen und Autos enden selten so gut. Wie viele Katzen jährlich im Straßenverkehr sterben, weiß niemand. Wie viele zusätzlich auf den Wiesen durch Mähwerke ums Leben kommen oder schwer verletzt werden, ist ebenfalls unbekannt. Das viel zitierte Motto „Lieber ein kurzes, glückliches Leben in Freiheit als ein trostloses Leben im Haus“ verstummt schnell, wenn eine Katze nach Versorgung schlimmer Wunden und Frakturen dem Tod gerade noch von der Schippe springt.

Nicht nur der Freigänger-Katze drohen Gefahren

Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere: Das Leben im Freien ist nicht nur für die Katze selbst gefährlich. Als Jägerin bringt sie oft auch Unheil in ihre Umgebung. Wie man es dreht und wendet: Studien sind eindeutig, dass Katzen nach der industrialisierten Landwirtschaft (dazu zählen auch der Spritzmitteleinsatz und der Rückgang der Lebensräume vieler Kleintiere) die zweitgrößte Gefahr für die Biodiversität darstellen. Sie töten kleine Singvögel, Nager, Zauneidechsen und Amphibien.

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

Verzweifelte Katzenbesitzer kennengelernt

Selbst wenn sie nicht töten: Allein ihre Anwesenheit kann dazu führen, dass sich Vogeleltern nicht mehr zum Nest trauen. Die Jungen verhungern dann. Und ich weiß von vielen Katzenbesitzern, dass sie selbst ganz unglücklich und verzweifelt sind, wenn ihr geliebtes Haustier ein junges, gerade noch piepsendes Spatzenkind unter den Esstisch legt.

Das Wichtigste was Katzenbesitzer tun sollten

Abgewöhnen kann man den Katzen das Jagen nicht. Und eine Katze, die die Freiheit gewöhnt ist, lässt sich auch nicht einsperren. Aber heute ist belegt: Katzen, die nie im Freien gelebt haben, können in Haus und Wohnung ein sehr erfülltes Leben führen. Die Voraussetzung ist, dass sich der Mensch intensiv mit dem Tier beschäftigt, ihm die Umgebung abwechslungsreich gestaltet und sich gründlich mit den Bedürfnissen der Katze auseinandersetzt. Dazu gehören auch tägliche Jagdspiele in der Wohnung.

Gutes Gewissen für Wohnungskatzen-Besitzer

Dann muss kein Katzenbesitzer der Katze gegenüber ein schlechtes Gewissen haben. Im Gegenteil: Ihr bleiben die Gefahren außer Haus erspart, und sie selbst wird nicht zur Gefahr für andere. Beides sollte jeder gründlich bedenken, der damit liebäugelt, sich eine Katze anzuschaffen.

Unsere Autorin: Tanja Warter ist Tierärztin. Seit zehn Jahren verknüpft sie die Leidenschaft für die Tiermedizin mit dem Spaß am Schreiben.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren