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Konsum

23.05.2017

Was hinter Fairtrade-Siegeln steckt

Das beliebteste Produkt aus fairem Handel ist der Kaffee. Er macht 25 Prozent des Umsatzes aus. Bei Tee ist der Absatz dagegen mau.
Bild: Daniel Karmann, dpa

2016 haben so viele Deutsche fair gehandelte Produkte gekauft wie noch nie. Doch welche Ware verbirgt sich hinter dem Siegel und profitieren davon auch wirklich die Ärmsten?

Es ist fast egal, ob man beim Discounter, im Supermarkt oder in einem speziellen Fair-Trade-Geschäft einkauft. Überall hat der Verbraucher die Möglichkeit, sich für einen fair gehandelten Kaffee oder eine gerecht bepreiste Schokolade zu entscheiden. Und das machen immer mehr Menschen: Der Umsatz von Fairtrade-Produkten ist wieder gewachsen. 1,16 Milliarden Euro gaben die Deutschen 2016 für fair gehandelte Waren aus – so viel wie nie. Das sei ein Anstieg von 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, sagte der Vorsitzende des Vereins Transfair, Dieter Overath. Gestern zog der Verein Bilanz. Nach wie vor ist Kaffee das beliebteste fair gehandelte Produkt. Er macht etwa ein Viertel des Umsatzes aus. Auch beim Kakao ist der Absatz gestiegen: Rund 30.000 Tonnen Fairtrade-Kakao wurden vergangenes Jahr verkauft, ein Plus von 110 Prozent. „Aber es gibt Produkte, die wenig Absatzmarkt finden“, sagt Edith Gmeiner, Transfair-Sprecherin. Reis zum Beispiel oder Tee. Und selbst beim begehrten Kaffee oder Kakao müssten Bauern oft Anteile ihrer Ware an Abnehmer verkaufen, die nicht zu Fairtrade-Bedingungen bezahlen, sagt Gmeiner. Die Nachfrage sei zu gering.

Fairtrade kostet auch den Hersteller

Ab wann ist ein Produkt überhaupt „fair“? Bauern müssen sich dafür zertifizieren lassen. Das kostet. Kritiker sagen, zu viel. Gmeiner entgegnet, durch die höheren Einnahmen würden die Zertifizierungskosten wieder eingespielt. Denn wer ein Zertifikat hat, bekommt auf seine Waren einen garantierten Mindestpreis und eine feste Prämie. Für ein Pfund Kaffee bekommt ein Bauer zurzeit etwa 1,35 Dollar – liegt der Marktpreis höher, wird dieser bezahlt. Dazu kommt eine Prämie von 20 Cent pro Pfund. Professor Jann Lay, der am Giga-Institut in Hamburg unter anderem zum Thema sozioökonomische Entwicklung in der Globalisierung forscht, sagt, gerade für qualitativ hochwertigen Kaffee würden Bauern oft einen höheren Preis bekommen als den garantierten Mindestsatz der Fairtrade-Organisationen. „Die müssen genau abwägen, ob sich das für sie lohnt.“

Um ein Zertifikat zu bekommen, müssen sich die Bauern an bestimmte Standards halten. Sie dürfen etwa keine gefährlichen Pestizide ausbringen oder gentechnisch verändertes Saatgut verwenden. Kinderarbeit ist verboten und die Arbeiter müssen durch Gesundheits- und Arbeitsschutzmaßnahmen gesichert sein. „Auch den Betrieb so vorzubereiten, dass diese Standards erfüllt werden, kostet“, sagt Lay.

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Keine einheitlichen Standards bei Fairtrade-Siegeln

Auf dem Markt gibt es eine Vielzahl von Fairtrade-Siegeln. Hinter ihnen verbergen sich nicht immer die gleichen Kriterien. Das wird deutlich, wenn man vergleicht, was die Organisationen unter dem Siegel Fairtrade verkaufen. Die meisten sind sich zwar einig, dass Produkte, die aus nur einer Zutat bestehen, etwa Kaffee oder Bananen, zu 100 Prozent fair gehandelt worden sein müssen. Doch bei Mischprodukten wie Keksen oder Schokolade nehmen die Unterschiede zu. So verlangt etwa das Unternehmen Gepa, dass Mischprodukte zu mindestens 50 Prozent aus fair gehandelten Zutaten bestehen. Um das Fairtrade-Siegel von Transfair zu bekommen (ein schwarz-grün-blauer Kreis) muss die Ware dagegen nur mindestens 20 Prozent solcher Zutaten enthalten.

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Dafür stehen die Lebensmittel-Siegel
Bild: David Ebener, dpa

„Als Verbraucher muss man sich mit den Kriterien schon genau auseinandersetzen, um zu wissen, was man kauft“, sagt Daniela Krehl, Ernährungsexpertin bei der Verbraucherzentrale Bayern. Die Verbraucherzentrale Hamburg fand außerdem heraus, dass manche Hersteller Zutaten wie Wasser oder Milch abziehen, um die Vorgaben zu erfüllen. Und für manche Produkte gibt es einen sogenannten Mengenausgleich. Dahinter steckt folgendes Prinzip: Ein Fairtrade-Orangenbauer kann seine Früchte oft nicht selbst pressen. Also bringt er sie zu einer Presse. Dort wird der Saft aber mit dem normaler Früchte gemischt. Vom Endprodukt Orangensaft ist nur ein Bruchteil wirklich fair gehandelt, er wird aber als solcher verkauft. „Aber prinzipiell ist das Konzept gut“, fügt Krehl an.

Und die Bauern in den Entwicklungsländern? „Aufgrund der empirischen Sachlage ist Fairtrade für sie eher positiv zu bewerten“, sagt Lay. Und erklärt gleich danach, warum er so kompliziert formuliert. Die Bedingungen der Bauern, ihre Produkte und die einzelnen Programme seien zu unterschiedlich, um eine allgemeine Aussage zu treffen. „Was man aber sagen kann, ist, dass Fairtrade vor allem etwas bringt, wenn es von Programmen begleitet wird, die Bauern helfen, effizienter zu arbeiten“, fügt der Professor an. Und das tun die meisten Organisationen, sagt das Bundesentwicklungsministerium.

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