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Kenia

12.02.2019

Ron Woods einsames Afrika: Wo der "Rolling Stone" Urlaub macht

In der Dünenlandschaft des Tana-Flusses verbringt "Rolling Stone" Ron Wood viel seiner Zeit.
Bild: Fotomontage: Katz, dpa

Das Delta des Tana-Flusses ist eines der unbekanntesten Schutzgebiete Kenias. Ron Wood, Gitarrist der Rolling Stones, tritt hier oft auf – als Umweltschützer.

"Ron Wood kommt regelmäßig hierher. Die letzten Male sogar mit ein und derselben Frau", sagt Richard Corcoran und lacht. Ob der Gitarrist der Rolling Stones dann barfuß durch die einsame Dünenlandschaft des kenianischen Lower Tana River Deltas spaziert, in einem der Sandsegler über den Strand saust oder gleich alle sechs offenen First-Class-Treibholz-Bungalows mietet und den traumhaften 360-Grad-Blick auf die Flusslandschaft und das Meer genießt, verrät der Chef des Delta Dunes Camp nicht. "Wir wollen die Privatsphäre respektieren."

Der Chef des Delta Dunes Camp wirkt ein bisschen wie Crocodile Dundee

Corcoran, der in Kenia zur Schule ging und inzwischen eines der größten Reiseunternehmen des Landes besitzt, nimmt den Safarihut vom Kopf. Dann zieht er den Gurt seines Jagdgewehrs von der Schulter und legt beides auf den Lodge-Tresen. Dabei wirkt er ein bisschen so wie Crocodile Dundee einst im Kino. Doch anders als der australische Krokodilbezwinger setzt sich der weiße Afrikaner mit einem Teller Bananenstückchen auf das schicke Lobbysofa und pfeift aus dem nach allen Seiten offenen Treibholzbau in die finstere afrikanische Nacht hinaus. Nur drei Minuten dauert es, bis zwei riesige Augenpaare an niedlichen Affenkörpern im Schummerlicht der Lodgelampen erscheinen. "Die Buschbabys wissen genau, dass es bei uns süße Leckereien gibt. Nur tagsüber sind die Feuchtnasenaffen nie zu sehen, dann schlafen sie sicher in den Büschen und Bäumen rund um das Camp", freut sich Corcoran, nimmt Hut und Gewehr vom Tresen und stiefelt hinaus in die Nacht.

Das Lower Tana River Delta liegt in der nördlichen Küstenregion Kenias, vier Autostunden von der Hafenstadt Mombasa entfernt. Rund 50.000 Hektar misst das Schutzgebiet an der Formosa-Bucht. Ein kommunales Land, das noch immer Eigentum der ansässigen Volksgruppen der Orma und Pokomo ist. Die atemberaubende Landschaft aus Dünen, Mangroven, Mangohainen, Palmen-Savannen, Buschland mit gewaltigen Baobabs, Sumpfwiesen und Lagunen ändert ständig ihr Bild, passt sich den Flutungen des Tana-Flusses und dem Gewirr seiner Arme an. Flusspferde schnaufen hier im Wasser, Ginsterkatzen blicken aus dem Dickicht, Eis- und Webervögel flattern umher – eine Heimat unzähliger Vogelarten und wichtiger Rastplatz für Zugvögel. Manchmal stampfen afrikanische Elefanten oder eine Herde Büffel durch den Busch. Wer Glück hat, sieht seltene Tana-Stummelaffen in den Bäumen turnen.

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Schwarze Linien aus Ruß zieren das Gesicht der Pokomo-Frau

Im Dorf Mbelezoni, mit fast 300 Menschen aus 50 Familien eines der größeren von zwei Dutzend Dörfern im Schutzgebiet, verlässt Dhahabu am nächsten Morgen erstmals seit gut einem Monat ihre Lehmhütte. Die Pokomo-Frau trägt ihre schönste Kanga, ein Wickeltuch mit großen gelben Blumen bedruckt. Im schwarzen Haar stecken neonfarbene Spangen. An den Ohren hängen goldene Ringe, am Hals eine Perlenkette. Schwarze Linien aus Lampenruß zieren ihr Gesicht, von der Stirn bis zur Nase, Halbkreise auf den Wangen. Die Schar Frauen, die Dhahabu umringt, barfuß und in bunte Tücher gehüllt, klatscht ausgelassen in die Hände. Sie singen lauthals das traditionelle Lied einer jungen Mutter. "Damit feiern wir meine Rückkehr in die Gemeinschaft", ruft Dhahabu lachend. Wie es die Tradition verlangt, blieb die 19-Jährige nach der Geburt ihres Babys 40 Tage lang allein in ihrer Hütte und versorgte das Kind.

Die 19-jährige Kenianerin Dhahabu mit Gesichtsbemalung aus Lampenruß.
Bild: Martina Katz

Seit dem 17. Jahrhundert leben die Pokomo an den fruchtbaren Ufern des Tana River. Die Bauern und Fischer nutzen dessen Flutungszyklen und bewässern so ihre Maisfelder und Mangobäume, fischen Wels, Buntbarsch und Lungenfisch. Zum Delta Dunes Camp, der einzigen Lodge in der Region, pflegen sie eine freundschaftliche Beziehung. Kein Wunder, trägt sie doch entscheidend zu ihrem Lebensunterhalt bei: Als Arbeitgeber für den einen oder anderen Dorfbewohner, als Abnehmer lokaler Produkte wie Honig oder Mangos, als Partner im Lower Tana Delta Conservation Trust, über den die Dörfer einen 20-Prozent-Anteil an der Lodge halten. Zudem überwacht man gemeinsam mit zwölf Rangern die Tierbestände im Schutzgebiet, bekämpft Wilderei und sorgt für den Erhalt des wertvollen Ökosystems.

Eine Herzenssache, die auch der Rolling Stone Ron Wood unterstützt. Seit über 25 Jahren setzt sich der Brite für den Tierschutz in Kenia ein. Im vergangenen Jahr machte er gemeinsam mit dem Staatspräsidenten auf die Wildereiproblematik aufmerksam, als die Stoßzähne von mehr als 6000 illegal getöteten Elefanten verbrannt wurden. Doch nicht immer geht es so spektakulär zu. Meist steuert Wood sein künstlerisches Talent bei und spendet den Erlös seiner Landschafts- und Elefantenbilder an in Kenia engagierte Non-Profit-Organisationen.

Der Ugali ist Kenias Nationalgericht

In Dhahabus Dorf gehen die Frauen langsam wieder zur Tagesordnung über. Sie hocken sich auf den staubigen Sandboden, flechten Palmenblätter zu Matten, stampfen Mais und kochen daraus Ugali, einen Brei – Kenias Nationalgericht. Im Nachbardorf Marafa, nicht einmal einen Kilometer entfernt, feiert die Volksgruppe der Orma einen Geburtstag. Frauen und Mädchen in farbenprächtigen Gewändern tanzen im Schatten des Dorfbaumes den Hole-Tanz, bei dem jeweils eine Frau unter dem Jubel der anderen möglichst hoch in die Luft springt – ein spaßiger Wettstreit, an dem heute auch ein Touristenpaar teilnimmt.

Früher zog das halbnomadische Hirtenvolk mit seinen bienenkorbförmigen Strohhütten über die Flussauen, um seine Rinder zu weiden. Inzwischen ist es sesshafter geworden. Die Hütten sind aus Lehm, neben der Rinderzucht baut man Mais, Bohnen und Tomaten an. "Bevor mich mein Mann vor 14 Jahren heiraten durfte, hat er meinen Eltern Honig und ein Stück Tabak gebracht", erzählt die 30-jährige Fatuna. "Nach ein paar Monaten noch einmal, dreimal insgesamt." Während dieser Zeit entschied ihre Familie darüber, ob sich der Zukünftige etwas hat zuschulden kommen lassen und wie viele Rinder er deshalb mehr zahlen müsse. "Meine Eltern haben schließlich den Tabak gekaut und damit ihr Einverständnis zur Hochzeit gegeben. Und mein Mann musste zehn Kühe für mich zahlen", sagt die Mutter dreier Kinder stolz.

Die Orma Frauen in Marafa, Kenia, tragen gern ihre bunten Kangas und Tücher.
Bild: Martina Katz

Fatuna und ihr Mann gehören beide den Orma an. Im Tana River Delta sind Ehen zwischen den Völkern noch immer selten, wenngleich die räumliche Nähe von Orma und Pokomo heute friedlicher ist denn je. Jahrzehntelang überwogen Vorbehalte gegenüber dem anderen Stamm. Vor sechs Jahren stritten die Dörfler dermaßen heftig, dass Menschen zu Tode kamen. Wahrscheinlich waren Wasser- und Weiderechte ein Grund. Denn seit der Tana den ständig wachsenden Wasser- und Strombedarf in Kenias Städten stillt und gigantische Plantagen im Oberlauf zunehmend Wasser abzapfen, wird Wasser knapp.

Vier Fünftel von Nairobis Wasserverbrauch stammen aus Kenias längstem Fluss, fünf Wasserkraftwerke und sieben Staudämme erzeugen mehr als die Hälfte des Stroms im Land. Bei den Orma und Pokomo im Lower Tana River Delta kommt davon jedoch nichts an. Sie haben kein Licht, keinen Herd, keinen Kühlschrank und obendrein in der Trockenzeit weniger Wasser für sich, die Tiere und Felder. Aber es verändert sich.

Das Delta Dunes Camp hilft den einheimischen Volksgruppen

Heute wissen die Dörfler, dass sie an einem Strang ziehen müssen, wenn sie weiterhin in ihrer Heimatregion leben wollen. Das Delta Dunes Camp hilft ihnen dabei. Eine örtliche Bienenzucht und der Verkauf getrockneter Mangos sind Projekte, die den Volksgruppen weitere Einnahmequellen erschließen sollen.

Unterstützung kommt jetzt auch vom Oberlauf des Tana. Die Naturschutzorganisation Nature Conservancy rief dort vor zwei Jahren den ersten afrikanischen Wasserfonds ins Leben, um die Wasserqualität des Tana, der auch die Hauptstadt Nairobi versorgt, zu heben. Mit umgerechnet einer Million Euro will man zudem den Bauern am oberen Flusslauf über Dürrezeiten hinweghelfen – durch das Anpflanzen Schatten spendender Bäume und Schulungen für einen ertragreichen, Wasser sparenden Ackerbau.

Kenias Regierung, die Vereinten Nationen und Firmen wie Coca-Cola unterstützen den Fonds. Die Orma, die Pokomo und das Delta Dunes Camp hoffen auf Erfolg und positive Auswirkungen für das Lower Tana River Delta, damit sie in ihrer wundervollen Landschaft bleiben können. Und Ron Wood wird sie auch weiterhin besuchen.

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