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Landkreis Günzburg

14.01.2020

Debatte: Soll die Schule erst um 9 Uhr beginnen?

Schulanfang erst um 9 Uhr? Auch die Schüler des Maria-Ward-Gymnasiums Günzburg wünschen sich mehrheitlich einen späteren Beginn.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus In Nürnberg wird ein späterer Schulbeginn getestet. Welche Vorteile und Probleme bringt das mit sich? Wir haben uns bei Experten im Landkreis umgehört.

Gestresste Eltern, übermüdete Schüler, verstopfte Straßen im Berufs- und Schulverkehr sowie Lehrer, welche die halbverschlafenen Jugendlichen erst noch auf Betriebstemperatur bringen müssen – so soll es angeblich jeden Morgen in deutschen Schulen zugehen. Das Kultusministerium empfiehlt einen Schulbeginn von 8 Uhr, gleichwohl kann ein Schulleiter dies in Absprache selbst festlegen. Die Debatte um einen späteren Schulbeginn wird bereits seit vielen Jahren geführt, passiert ist in dieser Zeit herzlich wenig. Doch nun kommt etwas Schwung in die Thematik. In Nürnberg wird an ausgewählten Schulen ein Testlauf vorbereitet, durch den der Unterricht eine Stunde später, also erst um 9 Uhr, beginnen soll. Ist dies längst überfällig oder handelt es sich um einen zu kurz gedachten Vorschlag? Wir haben uns im Landkreis bei Schülern, Lehrern und Co. umgehört, was sie von einem Schulstart um 9 Uhr halten.

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Schüler Der 17-jährige Deniz Baran ist für einen späteren Schulanfang. „Dadurch kann ich länger aufbleiben und ausschlafen“, sagt der Bezirksschülersprecher der schwäbischen Mittelschulen. Mit seinen Mitschülern der 10. Klasse der Freiherr-von-Stain-Mittelschule in Ichenhausen diskutierte er das Thema bereits. Das Ergebnis: Die Klasse ist zwiegespalten. „Die einen sagen, dass der Beginn um 9 Uhr gerade für Grundschüler besser wäre“, erklärt Baran. Die Kinder könnten ausschlafen und frühstücken. Außerdem wäre es in der Früh – gerade im Winter – nicht mehr so dunkel und somit sicherer für sie. „Die anderen sagen aber, dass die Schule dafür länger ginge und viele sowieso nicht ausschlafen würden“, fügt der Zehntklässler hinzu. Er fände es allerdings nicht schlimm, wenn die Schule länger dauern würde.

Vor allem ältere Schüler würden von einem späteren Unterrichtsbeginn profitieren

Lehrkräfte Eine klare Meinung hat Lehrerin Claudia Huber von der Maria-Ward-Realschule in Günzburg. „Mehrere Schüler sind in der ersten Stunde nicht wirklich aufnahmefähig, vor allem in der 9. Klasse könnten einige noch Schlaf gebrauchen“, sagt die Deutsch-, Geschichts- und Theaterlehrerin. Sie spricht sich für eine gebundene Ganztagsschule aus, deren späterer Beginn sie persönlich nicht stören würde. Christian Hörtrich ist Schulleiter der Günzburger Maria-Ward-Schulen steht dem späteren Schulbeginn grundsätzlich positiv gegenüber und sieht darin einen großen Vorteil: Dieser sei besser an den Biorhythmus der Schüler angepasst. Allerdings gibt er das Thema Schülerbeförderung zu Bedenken: „In einer großen Stadt kann das der ÖPNV vielleicht noch eher leisten, aber auf dem Land wird es unter den derzeitigen Voraussetzungen organisatorisch sehr schwierig.“ Und noch eines merkt Hörtrich an: Ein späterer Schulbeginn ziehe zwangsläufig ein späteres Ende nach sich – das würden viele Schüler vergessen.

Debatte: Soll die Schule erst um 9 Uhr beginnen?

Staatliches Schulamt 9 Uhr Schulbeginn? In größeren Städten mag das ein gangbarer Weg sein, aber auf dem Land, in der Fläche, sei die Umsetzung wesentlich schwieriger. Zu rechnen sei damit, dass es bei der Organisation der Schülerbeförderung Probleme gebe, sagt Thomas Schulze, Leiter des Staatlichen Schulamtes, das den Kreis Günzburg betreut. Ein späterer Schulbeginn würde dazu führen, dass der Alltag in vielen Familien zerrissen sei. Berufstätige Eltern würden mit ihrer Arbeit nicht selten um 7 Uhr beginnen, viele Kindertagesstätten seien bereits vor 8 Uhr geöffnet. Schulze sagt aber auch, dass es wissenschaftliche Erkenntnisse gebe, dass Jugendliche in der Pubertät einen anderen Biorhythmus hätten als Kinder oder Erwachsene. Die gefühlte Mitternacht liege bei Kindern und Erwachsenen etwa um 24 Uhr, bei Jugendlichen gegen 3 Uhr morgens. Das würde bei Jugendlichen für einen späteren Schulbeginn sprechen. Aber es sei fraglich, ob mit Blick darauf eine umfassende und komplizierte Umorganisation des Schulbetriebs gerechtfertigt ist.

Späterer Schulbeginn würde für Probleme bei der Beförderung sorgen

Busunternehmer Bei der Organisation der Schülerbeförderung spielt das Unternehmen BBS Reisen Brandner eine maßgebliche Rolle. BBS-Chef Josef Brandner, sieht die Thematik ähnlich wie Schulze. Am frühen Morgen würden ja sowohl Berufstätige als auch Schüler befördert. Darauf sei die Organisation abgestimmt. Wenn die Schule deutlich später beginne, sei es schwieriger, „alle Beteiligten unter einen Hut zu bringen.“ Zudem sei so etwas im ländlichen Raum schwieriger zu organisieren als in einer Großstadt, denn die Fahrtwege seien auf dem Land in der Regel ja deutlich länger. Eine Umstellung wäre demnach, so Brandner, eine „Riesenaufgabe“, die auch mit erhöhten Kosten verbunden sei. Und Brandner fügt hinzu: Um 9 Uhr in die Schule und später, zum Einstieg ins Berufsleben, um 7 Uhr in die Arbeit: Das wäre dann doch für so manchen Jugendlichen eine „heftige Umstellung“.

Arzt Stephan Schwarz von der Kinder- und Jugendarztpraxis in Günzburg und Lauingen kann aus medizinischer Sicht keine pauschale Antwort geben, welcher Schulbeginn für Kinder wirklich besser ist: „Es gibt Schüler, die früh aufstehen und fit sind. Und es gibt andere Kinder, die eben Langschläfer und dementsprechend später agil sind.“ Diese auch als „Lerchen“ und „Eulen“ bezeichneten Schlaftypen sind nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen verbreitet.

Veränderter Medienkonsum führt zu verschlafenen Schülern

Den optimalen Schulbeginn für alle Schüler gebe es laut Schwarz nicht; es komme auf den Einzelfall an. Warum er trotzdem ein Befürworter des Schulbeginns um 8 Uhr ist? Das hängt mit der Lebenswirklichkeit zusammen, wie er es nennt. „Fast alle Menschen beginnen mit ihrer Arbeit früh am Morgen. Darauf sollte man in der Schule vorbereitet werden“, sagt Schwarz. Seiner Meinung nach, gab es früher weniger Diskussionen um den Schulstart. Dass sich dies geändert hat, hänge mit dem Medienkonsum zusammen. „Kinder verbringen immer mehr Zeit vor dem Bildschirm – egal ob TV, Ipad oder Smartphone. Und sind am nächsten Morgen dann nicht ausgeschlafen“, sagt der Kinderarzt.

Elternvertreterin Annegret Döring ist seit Herbst 2019 Vorsitzende des Elternbeirats der FOS/BOS in Krumbach. Sie findet es prinzipiell gut, dass es in Sachen späterer Schulbeginn in Nürnberg einen Modellversuch gibt. Das solle jetzt getestet und bewertet werden. Denn es gebe ja Erkenntnisse, dass der Biorhythmus bei Jugendlichen anders sei als bei Erwachsenen. Doch im Raum stehe auch die Frage, wie sich das auf den Lebensalltag in einer Familie auswirke. Die Eltern um 7 Uhr in die Arbeit, ein Kind um 8 Uhr in die Kita, ein weiteres um 9 Uhr in die Schule: Dies könne auch Probleme mit sich bringen.

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