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Strukturwandel

18.03.2013

Die letzte Kuh verlässt Mindelaltheim

Johann und Martha Bestler haben ihren traditionellen Nebenerwerbshof geliebt. Doch der Strukturwandel zwingt sie dazu, ihren Betrieb einzustellen. Die letzte Kuh verlässt schon bald Mindelaltheim.
Bild: Gertrud Adlassnig

Johann und Martha Bestler geben ihren Nebenerwerb auf. Mit dem Wegfall der Landwirtschaft verändern sich auch das Leben auf den Dörfern

Von Gertrud Adlassnig

Mindelaltheim Die Tage sind gezählt, an denen in Mindelaltheim noch eine Kuh gemolken wird. Der letzte innerörtliche Bauer Johann Bestler und seine Frau Martha haben sich im Winter entschlossen, nun auch Schluss zu machen mit dem mühseligen Nebenerwerb, der lange schon mehr der Tradition geschuldet war als den Gewinnerwartungen.

Wenn der Frühsommer ins Land zieht, wird der letzte Stall verwaist stehen. Und mit dem Leben dort gehen auch eine jahrhundertealte Lebensform und über Generationen tradiertes Wissen endgültig unter. Karl Bader, Kreisheimatpfleger, ist besorgt ob einer Entwicklung, die nicht allein Mindelaltheim betrifft, sondern Trend der Zeit ist. Bader befürchtet nicht ohne Grund, dass nach dem Verschwinden der landwirtschaftlichen Arbeitswelt und ihrer Kenntnisse die Lebensform Dorf untergehen wird. Denn das Dorf als Gemeinschaft von Landwirten war eine autarke Einheit, innerhalb derer sich ein vielfältiges Spektrum kleiner Handwerksbetriebe entfaltete: Seiler und Sattler, Käser und Metzger, Schmied und Maurer und derlei mehr bildeten mit den Kramläden ein weitgehend geschlossenes Wirtschaftssystem.

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Das Dorf war eine auf Gemeinschaftlichkeit ausgerichtete Lebensform, in der der Einzelne überlebensfähig war durch die Solidarität der anderen. Damit ging soziale Kontrolle einher. Dazu zählten auch die kollektive Erziehung der durch das Dorf ziehenden Kinder und die Integration der Alleinstehenden, erläutert Karl Bader die Funktion des traditionellen Dorfes.

Mit dem Ersatz menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen reduzierte sich auch die Notwendigkeit der Nachbarschaftshilfe. Der Strukturwandel brachte in einem ersten Schritt den landwirtschaftlichen Betrieb als Nebenerwerb und einen massiven Abbau von Arbeitsplätzen im Dorf. Der Kleinbauernhof ist unrentabel geworden, Gesetzesauflagen sind nur von Großbetrieben zu erfüllen, und so sterben auch die Nebenerwerbsbetriebe, die meist von den Frauen maßgeblich betreut wurden.

Die Frauen suchen sich Arbeit – auswärts, die Familien flüchten aus den verwaisten Bauernstellen in klinisch saubere Neubaugebiete. Im Dorfkern zurück bleiben die Alten, die keinen Neustart mehr wagen. Der Leerstand ist eine Frage der Zeit. Verlassene Gehöfte verkommen oder werden von Menschen bewohnt, die auf dem Weg von irgendwoher nach irgendwohin vorübergehend billigen Wohnraum suchen. Die funktionierende Infrastruktur des Dorfes wird nicht mehr genutzt, während sie am Ortsrand für viel Geld neu eingerichtet wird.

Das Dorf heute ist auf dem Weg in die Anonymität. Karl Bader hofft, dass dieser Trend gestoppt werden kann. „Notwendig ist hierfür der Verzicht auf die Entwicklung neuer Baugebiete. Und fast unerlässlich ist eine intensive Diskussion mit dem ganzen Dorf, insbesondere mit den Besitzern von leeren Hofstellen, über die Zukunft des Dorfkerns.“ Karl Bader weiß, dass dies ein steiniger Weg ist für die Kommunen. Zahlreiche Anstöße der Politik haben (noch) nicht die erhoffte Wirkung gezeigt. Wettbewerbe wie „Unser Dorf hat Zukunft“ oder die Leihausstellung des Bayerischen Landesamtes für Umwelt in Augsburg „Wie wohnen? Wo leben? Flächen sparen – Qualität gewinnen“ konnten in den einst bäuerlichen Dörfern nicht die gewünschte Aufmerksamkeit erregen. Aber Kreisheimatpfleger Karl Bader hofft, dass die Sensibilisierung der Dorfbewohner für ihr Kernproblem doch noch gelingen wird und sich in den Dorfkernen wieder eine lebendige Sozialstruktur entwickeln kann.

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