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13.05.2008

Tiefe Wunden in die deutsche Kultur gerissen

Anlässlich des 75. Jahrestages der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 fand in der Synagoge Ichenhausen eine Gedenkfeier mit dem Titel "Feuer (zeug)en" statt.

Die Lesung aus den Werken verschiedener Autoren wie auch die begleitende Ausstellung zur "Kultur und Kulturpolitik im Dritten Reich" wurden von Schülerinnen und Schülern des St. Thomas-Gymnasiums Wettenhausen gestaltet.

Schon in der Begrüßungsansprache wies der Bezirkstagspräsident a.D., Dr. Georg Simnacher auf die einschneidende Bedeutung der Ereignisse von 1933 hin. Die "Aktion wider den undeutschen Geist" kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten stellte die systematisch vorbereitete Hetze und Verfolgung jüdischer, marxistischer und pazifistischer Literatur dar, die vor allem von Teilen der Studentenschaft initiiert und durchgeführt wurde. Deshalb zeigte sich Simnacher besonders erfreut darüber, dass dieser Abend von jungen Menschen gestaltet wurde.

Den Titel der Gedenkfeier aufnehmend, zitierte Studiendirektor Albert Reile aus dem Vorwort "Durchsicht meiner Bücher" einen der bekanntesten der verbrannten Autoren, Erich Kästner, der selbst zusehen musste, wie seine Bücher dem Feuer übergeben wurden. Der Schriftsteller wurde dabei auch noch erkannt, womit er als ein echter "Feuerzeuge" anzusehen ist.

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Musikalisch umrahmt von einem Schülerensemble unter der Leitung von Inge Klingler und Stefan Jacobs versuchten die Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Deutsch die tiefe Wunde, die durch die Nationalsozialisten der deutschen Kultur beigefügt wurde, zu verdeutlichen. Begleitet von einer kurzen biografischen Einführung und mit ausgewählten Bildern unterlegt wurden Texte von Erich Maria Remarque, Ernst Toller, Franz Jung, Irmgard Keun, Albert Ehrenstein und Walter Mehring gelesen. Zunächst standen klar politisch motivierte Texte im Mittelpunkt. Während in Remarques Antikriegsroman "Im Westen nichts Neues" ein historischer Bezugspunkt für das Selbstverständnis der Nationalsozialisten aufgegriffen wurde, zeigten die Auszüge aus Tollers Stück "Hoppla, wir leben noch" und Jungs Roman "Rote Fahne" die Kritik politischer und gesellschaftlicher Zustände und Mechanismen.

Der zweite Block wurde mit einem Auszug aus Irmgard Keuns "Nach Mitternacht" eröffnet. Die Autorin, die selbst eine bewegte und bewegende Biografie aufzuweisen hat, zeigt in den Figuren des Schriftstellers Algin und des Journalisten Heinrich das Dilemma der Schriftsteller in der Zeit des Nationalsozialismus auf: Anpassung oder Exil oder Scheitern. Untermalt von Zeichnungen des mit dem Autor befreundeten Oskar Kokoschka lasen die Schüler aus dem expressionistischen Roman "Tubutsch" von Albert Ehrenstein, dessen Hauptfigur sich durch den Tod zweier Fliegen in einem Tintenfass und die Beobachtung zweier kämpfender Hähne auf dem Misthaufen grundsätzliche Gedanken über die Rolle des Individuums und dessen Verantwortung macht.

Mit einem Gitarrensolo von Lina Schubert endete die Gedenkfeier "Feuer (zeug)en".

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