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Kirchenmusik

22.11.2016

Urgewalten auf Geigenwogen

Wolfram Seitz, frischgebackener „Master der Kirchenmusik“, stand am Pult bei der Aufführung von Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Elias“.
Bild: Helmut Kircher

Das Heilig Geist Ensemble startet mit Felix Mendelssohn Bartholdys Elias ins Lutherjahr

Zum dritten Mal innerhalb von zwölf Jahren war die Günzburger Heilig Geist Kirche im Rahmen der „Schwäbischen Orgeltage“ Schauplatz des alttestamentarischen Sturm- und Feueroratoriums, das Felix Mendelssohn Bartholdy und sein Textdichter Pfarrer Julius Schubring nach dem biblischen Mahner und Rufer „Elias“ betitelten. Ein Jahr vor seinem Tod schuf der Komponist damit ein Potpourri religiöser Vehemenz, nach Worten der Heiligen Schrift, das zwischen biblisch brutaler Poesie und salbungsvoll-pastoraler Melodieseligkeit pendelt, gute zweieinhalb Stunden lang. Da ist Sitzfestigkeit gefordert. Die aber belohnt wurde, mit 42 Nummern majestätisch hymnischer Eleganz, mit verlebendigter Melodik, von der man keine Minute missen will.

Der Einstieg ist seltsam. Er beginnt nicht mit einer gewohnt sinnbildlich vor sich hinschwärmenden Ouvertüre. Stattdessen, Takt für Takt, ein düster mollbeschwertes Dahinschreiten, in das, fortissimo, mit Stentorstimme aus altestamenarischer Zeit herklingend, der leibhaftige Prophet Elias einen Fluch bevorstehender Dürre und Hungersnot in eine unchristliche Zeit schleudert. In eine Zeit, deren Menschen den gütigen Gott nicht zu kennen scheinen. Die aus dem Munde heidnischer Baalpriester nur einen mordenden, Rachegelüste auslebenden, archaisch brutalen Feuer- und Sturmgott verehren. In solch auswegloser Situation hilft kein Klagen, da hilft nur eines: Wunder. Doch auch die entfalten, trotz Todeserweckung, Feuerzauber und Regenfluten, ihre volle Wirkung nur, weil sie vom klanglichen Reichtum der Musik getragen werden. Deshalb lässt sich die weitverbreitete Meinung, die wirkliche Qualität des Werkes sei allein auf die Musik gestützt, guten Gewissens vertreten. Mendelssohn schuf eine Partitur, aufgeladen mit sinnlicher Wucht und betörend sanft dahinfließender Zärtlichkeit. Eine Musik, die ihren Schöpfer zweifellos zum Ehrenmitglied des Himmels prädestiniert.

Aus leuchtkräftigen Blechattacken und fugierten Urgewalten auf Geigenwogen entfaltete Wolfram Seitz am Pult, mit dem Russ-Orchester Geislingen, ein Breitwand-Tableau großer Gesten und erzählerischen Furors. Ließ eine visionär beflügelte Pastoralrhapsodie entstehen, in der biblische Alphamänner und heidnische Glaubensfanatiker mit zerstörerisch pathetischem Verve aufeinander losgehen. In der ein energiegeladenes Heilig Geist Ensemble mit chorisch messerscharfen Konturen, in halsbrecherischer Kontrapunktik, tonmalerische Farben aufrührte, wenn mit geschärft vokalem Profil „Das Meer erbraust“, oder in fugaler Wucht und dissonanten Akkordschichtungen die „Wasserströme groß und gewaltig brausen“. Bei der Uraufführung 1846 in Birmingham verlangten es die Zuhörer viermal!

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Das siebenköpfige Solistenensemble fügte sich – nicht vor dem Orchester, sondern inmitten des Chores stehend – homogen ins dramatisch erhitzte Wunderwirken mit Wahrheitssuche ein. Peter Lika gab der fanatisch besessenen Prophetengestalt des Elias, im Stimmumfang von eineinhalb Oktaven, baritonal hochflexible Konturen. Bewegend resignativ im „Es ist genug“, visionär und blutrünstig, wenn er massenmordend über seine Kontrahenten richtet: „Führt sie hinab an den Bach und schlachtet sie daselbst!“ Marcel Görg lieferte eine tenoral klangsensible und ausdrucksstarke Partie.

Klang gewordene Innigkeit strahlte aus Barbara Buffys hingebungsvollen Alt-Arien, virtuos, mit höhenfester Strahlkraft glänzte Anna-Maria Thoma in ihren Sopranpartien, und Brigitte Thoma brachte ihren gefühlsbetonten Sopran vor allem im Engelterzett „Hebe deine Augen“ zum Ausdruck, einem der ergreifendsten, von zerbrechlicher Traurigkeit verdunkelten Augenblicke des Werkes. Ein Augsburger Domsingknabe war es, der mit klarer Stimme zuerst die wasserspendende Wolke über dem Meer sichtete. Zu vokal bestimmenden Ausdrucksträgern wurden nicht zuletzt die, durch Tom Amir (Tenor), Niklas Mallmann (Bass) und der bemerkenswert plastisch-kernig gerundeten Altstimme von Idunnu Münch ergänzten, elegischen Quartette und Doppelquartette. Im feurigen Wagen, gezogen von Flammenpferden, fährt der Prophet in polyphon-monumentaler Chor- und Orchestereuphorie schlussendlich gen Himmel, das Erscheinen eines Erlöser kündend. Der allerdings, vielsagend, nicht beim Namen genannt wird.

Das irdische Finale von ähnlicher Opulenz: lang anhaltender, stehender Applaus.

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