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09.10.2009

"Von unserem Privatleben ist nichts übrig"

Einträchtig sitzen die Brüder Kaulitz nebeneinander auf dem plüschig roten Sofa im Kaminzimmer eines Hamburger Schickihotels. Rechts der kernige Tom, wie immer mit Kopftuch, Kappe und Schlabberpulli. Links Bill, das zarte, elfenhafte Wesen, das zumindest im Gesicht mehr denn je aussieht wie ein Mädchen. Wir sprachen mit den Zwillingen über ihr neues Album "Humanoid".

Jungs, zweieinhalb Jahre sind seit eurer letzten Platte vergangen. Hat euch die Pause gutgetan?

Bill: Wir hatten überhaupt keinen Urlaub, sind durch Nordamerika getourt und haben fast ein Jahr lang am Album gefeilt. Aber hierzulande haben wir bewusst versucht, ein bisschen abzutauchen, auch einfach mal weg zu sein.

Warum das?

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Bill: Ich konnte zum Schluss meine eigene Fresse nicht mehr sehen und meinen eigenen Namen nicht mehr hören. Ich dachte: "Bitte, Leute, schreibt mal über jemand anderen". Ich wollte meine Ruhe haben und mich aufs Musikmachen konzentrieren.

Was ist von eurem Privatleben überhaupt noch übrig?

Bill: Nichts.

Oje.

Bill: Ist so. Privatleben in dem Sinne haben wir nicht. Mit der Familie mal ein Eis essen - das geht nicht. Der einzige Moment am Tag, an dem wir alleine sind, ist im Auto. Deshalb wollten wir unbedingt den Führerschein haben. Das eigene Auto ist das letzte Stück Freiheit, das uns geblieben ist.

Tom: Ich würde mich dafür einsetzen, dass man auch in Deutschland die vorderen Seitenfenster tönen darf.

Das klingt ein bisschen traurig.

Bill: Ja, das ist es auch. Gerade in diesem Jahr, in dem wir nicht auf Tour, sondern nur im Studio waren, ist uns erst so richtig klar geworden, was wir alles aufgegeben haben. Aber trotzdem würden wir die Entscheidung immer wieder so treffen. Auf dem Level, auf dem wir jetzt sind, geht einfach nicht beides. Man muss das in Kauf nehmen. Man kriegt ja auch ganz viel zurück. Manchmal stehe ich im Studio, singe und denke "krass, und dafür kriegst du auch noch Geld". Darüber bin ich total glücklich. Ich muss nichts machen, worauf ich keine Lust habe.

Wie verbringt ihr eure Freizeit?

Bill: Eigentlich mit Arbeiten. Wir müssen immer lachen, wenn wir lesen "Die Maschinerie Tokio Hotel" und blablablau. Das ist alles Bullshit. Wir haben unser Team, aber im Grunde machen Tom und ich alles alleine. Wir haben uns selber Leute zusammengestellt, die quasi unsere Werkzeuge sind. Aber es ist unsere Band. Tom und ich haben Tokio Hotel damals gegründet, und ich will die Entscheidungen über unsere Band niemandem überlassen.

"Automatisch" heißt die erste Single aus dem neuen Album. Worum geht es in dem Stück?

Bill: Man benutzt dieses Wort wirklich ständig, tausend Sachen im Leben passieren automatisch, und die meisten davon sind positiv. Abgesehen von der Liebe. Die darf nicht automatisch sein.

Wobei viele Beziehungen vermutlich auch nur noch auf Autopilot laufen.

Tom: Ja. Ich kann mir das nicht vorstellen, so lange mit einem anderen Menschen zusammen zu sein. Ich habe ja sowieso ein Problem mit langen Beziehungen und finde es extrem wichtig, dass man für den anderen interessant bleibt und den anderen auch immer interessant findet. Ich könnte mir zum Beispiel nie vorstellen, mit einer Frau zusammenzuwohnen.

Echt nicht?

Bill: Ich schon. Wenn ich verliebt bin, dann ist mir alles egal. Dann packe ich meine Tasche und ziehe sofort woanders ein.

Tom: Vergiss es, Bill. Wir werden unser ganzes Leben lang zusammenwohnen.

Bill: Ja, aber dann müssen wir in die Mitte eine Schiebetür in die Wohnung bauen. Auf der einen Seite wohne dann ich mit meiner Freundin. Und auf der anderen Seite wohnst du.

Ihr teilt euch also ein Haus?

Bill: Ja. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das je anders wäre. Wir könnten uns nie trennen. Es hat zwar jeder sein Badezimmer und sein Schlafzimmer, aber sonst sind wir den ganzen Tag zusammen.

Bill, bist du denn im Moment verliebt?

Bill: Nein, dabei würde ich mir das so sehr wünschen. Mir ist das schon echt unangenehm, immer die gleiche Antwort geben zu müssen. Aber im Moment ist niemand da. Ich wäre so gerne verliebt. Aber das ist wahrscheinlich das Letzte, was in meinem Leben passieren wird.

Wieso glaubst du das?

Bill: Viele Leute spielen mir was vor, wenn ich die kennenlerne. Die rattern dann so einen Text runter. Aber ich kann es auch nicht erwarten, dass sich Leute ernsthaft auf mich einlassen. Wenn ich irgendwo hinkomme, dann sehen die Bill Kaulitz. Die meisten haben gleich Dollarzeichen im Kopf und wollen mir irgendwas anbieten, so nach dem Motto: "Ich bin Designerin, kannst du mein T-Shirt mal anziehen?" Das ist so ekelhaft!

Tom: Wir haben nicht einen neuen Freund in den vergangenen vier Jahren dazubekommen. Erstens kann man den Leuten nicht mehr so schnell trauen, zweitens ist alles immer so flüchtig und schnell, dass man meist an der Oberfläche bleibt.

Bill: Es ist ganz selten, dass ich mal normale Leute kennenlerne. Toll ist es, wenn ich jemandem begegne, der zehn Jahre ohne Fernseher in den Bergen gelebt hat und sagt "Tokio Hotel? Habe ich noch nie gehört". Da denke ich immer "Ja! Danke".

Ihr seit weit über Deutschland hinaus erfolgreich. Was macht ihr mit dem ganzen Geld?

Bill: Wer richtig reich werden will, der muss Fußballer oder Rennfahrer werden. Die machen richtig Holz. Im Musikbusiness wird wahnsinnig übertrieben, es gab die wildesten Spekulationen darüber, was wir angeblich alles verdienen. Von den 30 Euro, die ein Konzertticket kostet, kriege ich nur einen winzigen Bruchteil. Wir haben ja auch Kosten. Zum Beispiel haben wir gerade ein Video in Südafrika gedreht, das wir selbst finanzieren. Wir bezahlen auch unser komplettes Team. Unsere Ausgaben sind extrem.

Tom: Bill und ich haben noch kein Haus, kein Grundstück und keine Jacht gekauft. Wir wohnen zur Miete.

Interview: Steffen Rüth

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