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Evangelische Ansichten

27.04.2015

„Nicht weiter als ein Grashüpferhupf“

Pfarrer Ulrich Funk über Fluch und Segen des Vergessens

Joachim Ringelnatz dichtete so: „“Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,/ das durch den sonnigen Himmel schreitet./ Und schmücke den Hut, der dich begleitet,/ mit einem grünen Reis.// Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser./ Weil’s wohltut, weil’s frommt./ Und bist du ein Mundharmonikabläser/ und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.// Und lass deine Melodien lenken/ von dem freigegebenen Wolkenzupf./ Vergiss dich, es soll dein Denken/ nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.“

Von einer Gnade ist da die Rede. Der Gnade nur im Hier und Jetzt zu leben. Nicht weiter zu denken, als ein „Grashüpferhupf“. Nicht weiter in die Zukunft. Nicht zurück in die Vergangenheit. „Weil’s wohltut, weil’s frommt…Vergiss dich.“ Die Gnade des Vergessens. Ist Vergessen Gnade? Manchmal sicher schon. „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“, klang es früher im Lied. Vergessen kann ein gesunder Schritt der Psyche, der Seele sein. Ungeheuer entlastend.

Und doch: Dieser Segen kann auch zugleich Fluch sein. Wo kein Erinnern, da keine Orientierung für Gegenwart und Zukunft. Wo Vergessen, da kein gemeinsames Woher und Wohin. Wo das nicht, da kann ein Mensch seine Identität verlieren. Im medizinischen Sprachgebrauch reden wir dann von Demenz.

„Nicht weiter als ein Grashüpferhupf“? Gestern vor 29 Jahren geschah etwas. Im kommenden Jahr, zum „runden“ Jahrestag, werden die Medien es wohl breit nochmals aufgreifen – und uns vielleicht mit der Menge der Berichte erschlagen. Darum sei, als Beispiel für Fluch und Segen, heute daran erinnert: „Tschernobyl“ war, dieser Atom“unfall“, der Menschen auch bei uns so bewegte. Vergessen? Weil es (für uns?) noch mal gut gegangen ist? Erinnern nur, weil wieder, wie jedes Jahr, zu lesen ist, dass die Wildschweine immer noch zu hohe Strahlungen ausweisen? „Grashüpferhupf“? Und, anderes Exempel, die Hunderten von toten Schiffbrüchigen auf dem Mittelmeer: gestern erst gehört, heute schon vergessen, was da Menschen geschieht und was andere Menschen, unsereins auch, vielleicht damit zu schaffen haben könnten? „Weil’s wohltut, weil’s frommt“: mal das Vergessen, ein andermal das Erinnern. Was jeweils gerade dran sein und wirklich gut tun und hilfreich sein mag, will unterschieden sein. Das ist eine Aufgabe. Das ist Arbeit. Aber anders geht es nicht, in der Spanne zwischen Fluch und Segen des Vergessens. Jeden Tag, immer wieder neu. Meint

Ulrich Funk, Pfarrer in Krumbach

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