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Krumbach

23.12.2015

Von Daraa über Damaskus zum Diem

Mohammad Albasiri im Kellergewölbe Diem bei der von subKult organisierten Ausstellung während der Kunstnacht im November
Bild: Marc Hettich

Was der syrische Künstler Mohammad Albasyri in seiner Heimat erlebt hat und wie er nach Krumbach kam.

Völlige Dunkelheit. In einem fenster- und lichtlosen Keller, irgendwo unter der syrischen Erde. 60 Menschen auf engstem Raum – vielleicht 20 Quadratmeter. Alle müssen knien. Immer. Außer jenen, die gerade im Kreis der Solidarität an der Reihe sind, sich an einen Mithäftling anzulehnen. Und außer, wenn einer der Wächter die knarzende Tür öffnet – dann ist Hab-Acht-Stellung gefragt. Jeden Tag nehmen sie zwei oder drei willkürlich ausgewählte Gefangene mit. Sie kommen wieder. Blutüberströmt, mit gebrochenen Knochen. Und viele auch mit gebrochenem Willen.

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„Vergesst eure Kinder. Bringt mir lieber eure Frauen, dann mache ich Euch bessere Kinder.“

Mohammad Albasyri ist ein sympathisch wirkender junger Mann. Unter den dichten schwarzen Augenbrauen observieren aufgeweckte braune Augen die Umgebung. Manchmal wirkt er etwas scheu. Aber immer freundlich. Das mag an seinem permanenten Lächeln liegen oder auch an seiner gemütlichen Ausstrahlung. Sofort bietet er seinen Gästen Tee an, den er dann mit einem einladenden Zwinkern serviert – das versteht man auch ohne Arabischkenntnisse. Wenn er spricht, illustriert er seine Worte mit ausladenden Gesten. Aber nicht nur beim Sprechen malen seine Hände Bilder. Auch Stift und Pinsel weiß er geschickt zu führen.

Mohammad stammt aus Daraa. Die syrische Stadt gilt als eines der Zentren der Revolution. In ganz Syrien bekannt ist die Geschichte von den Grundschulkindern aus Daraa, die an die Wände regierungskritische Parolen malten, die sie wohl bei ihren Eltern oder im Fernsehen aufgeschnappt hatten. Die Geheimdienstpolizei nahm zwölf (in manchen Quellen ist auch von fünfzehn) Kinder – zwischen neun und zwölf Jahre alt – mit und brachte sie in ein geheimes Gefängnis. Die besorgten Väter sprachen beim lokalen Geheimdienstchef vor, beteuerten ihre Systemtreue und baten darum, ihre Kinder zurückzubekommen. Der Mann antwortete mit: „Vergesst eure Kinder. Bringt mir lieber eure Frauen, dann mache ich Euch bessere Kinder.“

Von Daraa über Damaskus zum Diem

November 2015. Krumbacher Kunstnacht, in den Kellerräumen des Gasthofes Diem. Bei der von Subkult veranstalteten Ausstellung zeigt neben Maria Faist auch Mohammad Albasyri seine Bilder. Seine Arbeiten zeigen Schönheit. Den Mond. Eine Violine. Abstrakte Farbspiele. Manche erzählen aber auch vom Krieg. Interessiert schauen die Krumbacher seine Werke an. Ein älterer Herr fragt ihn in gebrochenem Englisch, ob das eine Moschee oder eine Kirche auf jenem Bild sei. Mohammad lächelt den Mann freundlich an. Er spricht nur wenig Englisch. Sein Freund Khaled beantwortet die Frage des Besuchers und erklärt ihm, dass auf dem Bild sowohl eine Kirche als auch eine Moschee zu sehen sei. Ein Gebäude, dass das friedliche Zusammenleben von Christen und Muslimen repräsentiert. „Wir leben alle neun Monate im Leib unserer Mütter, egal ob wir nun Christen oder Muslime sind“, meint Mohammad, der sich selbst als durchaus gläubig betrachtet.

Er wird eingesperrt, weil in seinem Pass der falsche Geburtsort steht

Einen ganzen Monat lang hat er an den Bildern für die Ausstellung gearbeitet. Seine bisherigen Werke musste er in Syrien zurücklassen. Fünf der Gemälde finden sogar einen Käufer an diesem Abend. Natürlich freut er sich sehr über die Anerkennung. Er ist den Krumbachern sichtlich dankbar. Aber Geld ist es nicht, was ihn antreibt und dazu bewogen hat, seine Heimat zu verlassen.

Damaskus, Syrien. Mohammad ist auf dem Weg an die Universität, um Kunst zu studieren. An jenem Tag stand ein Test an. Damaskus ist voll von staatlichen Geheimdienst-Kontrollpunkten. Von seiner Wohnung bis zu seiner Arbeitsstelle musste Übersetzer Khaled zehn dieser Kontrollpunkte passieren. Auch Mohammad wird auf dem Weg zur Uni aufgehalten. Er zeigt seinen Ausweis. Mohammad Albasyri aus Daraa. Der Sicherheitsmann nimmt Mohammad mit. Ohne Erklärung oder Begründung. Er wird in Syrien eingesperrt, weil in seinem Pass der falsche Geburtsort steht.

Der offene Blick seiner immer fröhlichen Augen wandert zu Boden. Er wirkt beschämt und irgendwie abwesend, als er von seinen Erlebnissen im Gefängnis berichtet. Während die Worte aus ihm heraussprudeln, kniet er sich auf den Boden neben dem Tisch. Mit den Händen hinter dem Kopf verschränkt, demonstriert er die Haltung, in der er zwei Monate lang ausharren musste. Wenige Augenblicke später verlässt er den Raum. Übersetzer Khaled erklärt, dass Mohammad die Erzählung schwerfällt. Sie weckt Erinnerungen, die besser vergessen bleiben.

Ein wenig Lebensfreude ist zurückgekehrt

Nach zwei Monaten wurde Mohammad, so unerwartet wie er festgenommen, wurde er auch wieder freigelassen. Die Traurigkeit über die Brutalität und Willkür beschäftigen den jungen Syrer bis heute. Er träumte davon, sein Studium zu Ende zu führen. In Damaskus hatte er sich durchaus schon einen Namen gemacht. Seine Arbeiten waren bekannt, er wurde geschätzt. Die Gefängnis-Erfahrung raubt ihm das, was junge Menschen in seinem Alter antreibt: Hoffnung, große Pläne, hohe Ziele. Die Träume verschwanden mit seiner Freiheit für zwei Monate unter der Erde. In der Zeit danach lebt Mohammad bei seinen Eltern. Er beschließt, nach Europa zu gehen. In Syrien sieht er keine Zukunft – und keine Möglichkeit, sein Kunststudium abzuschließen. Denn auch die Infrastruktur wird durch den Krieg nicht besser. Ständig gibt es Stromausfälle.

Heute lebt er in Krumbach. Seine Route führte ihn über die Türkei, Griechenland, Mazedonien und Serbien nach Ungarn, Österreich und schließlich – vor rund neun Monaten – nach Deutschland. Er hat gute Aussichten, in Deutschland bleiben zu dürfen. Deutsch lernen und eine Wohnung finden, sind derzeit seine vorrangigsten Ziele.

Danach möchte er sein Studium wieder aufnehmen, und „der neue Da Vinci werden“, erläutert er lachend. Ein wenig Lebensfreude ist zurückgekehrt. Die offenen Arme der Helferkreise, die Besucher seiner Ausstellung und deren Zuspruch, die Chance, in Deutschland sein Studium abzuschließen. All das trägt dazu bei, die Schatten zu vertreiben. Und Platz zu machen, für neue Träume.

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