Newsticker

Jeder zweite Deutsche würde sich gegen Corona impfen lassen
  1. Startseite
  2. Kultur
  3. Beim DOK.fest ist man diesmal allein zu Hause auf dem Filmfestival

Kino

15.05.2020

Beim DOK.fest ist man diesmal allein zu Hause auf dem Filmfestival

„Die Winterreise“, der letzte Film mit Schauspieler Bruno Ganz.
Bild: Dok.fest München

Plus Das Münchner Festival findet in diesem Jahr ausschließlich im Internet statt. Das läuft richtig gut, sagen die Veranstalter. Kein Wunder, bei diesen Beiträgen.

Es ist eine Winterreise der besonderen Art, die der Schauspieler Bruno Ganz noch kurz vor seinem Tod (am 16. Februar 2019 in Zürich) angetreten hat. In der Rolle des gealterten Amerikaners George Goldsmith reist er in einem halbdokumentarischen Film von Anders Østergaard zurück in seine deutsche Vergangenheit, der er als jüdischer Musiker 1941 in letzter Minute entkommen konnte. Seine Deutschlandpremiere erlebt dieser Film, wie so viele andere, derzeit auf dem Münchner DOK.fest@home. Dessen Resonanz hat selbst Festivalleiter Daniel Sponsel überrascht: „Es läuft richtig gut, doppelt so viele Leute wie sonst greifen auf die Website zu“, zieht er Zwischenbilanz. Am Ende könnte das DOK.fest, das noch bis 24. Mai läuft, 75.000 Besucher gehabt haben, sagt Sponsel.

Der Filmtitel „Die Winterreisenimmt Bezug auf Schuberts Liederzyklus, dessen Eingangslied mit den Worten „Fremd bin ich eingezogen“ anhebt. Die Erinnerungen des alten Mannes erwachen in gegengeschnittenen historischen Bildszenen in Sepiabraun zum Leben. Perfekt montiert der dänische Regisseur den jugendlichen Darsteller in die alten Aufnahmen und Räume. Es sind zwei Leben, die hier in den Blick kommen: Der junge, hochtalentierte Flötist Günther Goldschmidt aus bürgerlichem Haus in Oldenburg und der abgeklärte Salesman Goldsmith aus der Wüstenstadt Tuscon/Arizona, der in Amerika nie mehr ein Musikinstrument angerührt hat. In der Shoa hat er alle 56 Familienangehörige verloren und eine Rückkehr nach Oldenburg endete 1962 in panischer Flucht.

Szene aus „Walchensee forever“;
Bild: DOK.fest München

Hinausziehen und heimkehren tragen auf eine ganz andere Weise die Generationengeschichte Walchensee forever“ von Janna Ji Wonders, die dafür bereits im Januar den Bayerischen Filmpreis als beste Nachwuchsregisseurin erhalten hat. Auch auf dem Festival ist der Film ein heißer Anwärter auf den Publikumspreis. Den Fixpunkt darin bildet das Café Bucherer am Walchensee mit der 104-jährigen Uroma. Ein Kunststudent aus dem hohen Norden hat ihr Herz einst erobert, doch immer lebten sie in zwei Welten. Während sie jedoch als Wirtin ihrer Küche treu blieb, strebten ihre beiden Töchter Anna und Frauke als 68er hinaus: zum Guru nach Indien, zum Hippieleben nach Kalifornien, schließlich zu Apo-Legende Rainer Langhans und in seinen Münchner Harem – und immer wieder an den Walchensee, der mal lieblich, mal abgründig aussieht. Als spiegele er das wechselhafte Leben dieser Frauen wider.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Es gibt eine Menge altes Filmmaterial, das Wonders in die Interviews mit ihrer Mutter Anna einbaut. Die wilde Frauke wird eine Psychose packen, sie stirbt an einem Straßenbaum. Sinnsucherin Anna dagegen findet ihre Freiheit bei Langhans. Geschickt verwebt die Regisseurin, selbst Mutter eines Mädchens, das Frühere mit ihrer eigenen Biografie. Dazwischen bleibt viel Raum für das knisternd Atmosphärische, für unausgesprochene Emotionen und für Anhänglichkeit an den Walchensee.

„Was tun“ bringt die Geschichte eines zur Prostitution gezwungenes Mädchen;s.
Bild: DOK.fest München

Den sich selbst erklärenden Bildern seiner abenteuerlichen Spurensuche nach einem Mädchen, das irgendwo in Bangladesch zur Prostitution gezwungen wird, vertraut der Münchner Hochschulabsolvent Michael Kranz in „Was tun“. Er hatte die tränenreiche Klage der 15-Jährigen in einem anderen Dokumentarfilm gesehen und zog mit dieser Sequenz auf dem Smartphone los. Tatsächlich lotsen ihn die Menschen vor Ort, vor allem ein Straßenjunge, der – nicht ungewöhnlich dort – im Bordell bei seiner Schwester wohnt. Er lernt ungeschminkt die Verhältnisse kennen und nimmt bei den Erkundungen den Zuschauer 1:1 mit, also mit viel O-Tönen, die die Gesichtszüge der Sprechenden kommentieren, etwa die aufgegriffenen Mädchen im Regierungsheim, das einem Gefängnis gleicht. Der weiße Mann mit Kamera genießt einen besonderen Status, allerdings wird erwartet, dass er helfen kann. Und dies gelingt ihm sogar mit einem Waisenhaus.

Bei der ungarischen Choreografin und Regisseurin Réka Szabó krönt ein bühnenreifes Tanzprojekt ihr Filmporträt von Éva Fahidi („The Euphoria of Being“). Sie war 18, als sie mit ihren Eltern nach Auschwitz deportiert wurde, und überlebte als Einzige. „Wir waren nicht begehrt“, beschreibt sie ihr verwahrlostes Äußeres bei der Befreiung. Dafür hat sich die 90-Jährige einen sehr geschmeidigen Körper bewahrt, dass sie im Zusammenspiel mit der Tänzerin Emese Cuhorka die Emotionen ihres Leidenswegs ausdrücken kann. In einem Videointerview sagte sie bei der Eröffnungsfeier über den Film: „Ich bin tief überzeugt, dass ich deshalb am Leben geblieben bin, weil ich unbedingt all meine Erfahrungen weitergeben will, vor allem an die Jugendlichen. Man soll mich nicht bedauern, ich will nur erzählen, was geschehen ist.“ Dazu gehört der Verlust ihrer elfjährigen Schwester, ihr größtes Trauma, worüber der Tanz mehr sagt als Worte. Évas Erinnerungsarbeit verherrlicht empathisch zugleich das Leben.

„Tonsüchtig“, das Porträt der Wiener Symphoniker und ihrer aus Augsburg stammenden 1. Konzertmeisterin Sophie Heinrich.
Bild: DOK.fest München

Was zeichnet den weltberühmten „Wiener Klang“ aus? Wie kommt er zustande? Danach forscht der Film „Tonsüchtig“ von Iva Svarcová und Malte Ludin. Ein Jahr lang haben sie die Wiener Symphoniker beobachtet und dabei ein Energiefeld freigelegt, das sich aus dem ständigen Dialog zwischen Musikern, Konzertmeister und Dirigenten speist. Feinst ausgehört werden will die Komposition. Jede Note, jede Nuance zählen. Und doch soll aus der Anstrengung am Schluss ein heller leichter Klang werden.

Eintrittskarte ins Orchester ist die zermürbende Prozedur des Probespiels, dem die Jury hinter Stellwänden unsichtbar zuhört. Auch die Geigerin Sophie Heinrich aus Augsburg unterzieht sich der Strapaze. Es geht jetzt um die Nachfolge des Konzertmeisters. Stress pur, denn nur der Allerbeste darf es sein. „Es gibt nur die eine Stelle. Oder gar nichts“, weiß die Geigerin. Das Los entscheidet die Reihenfolge, dazwischen eisernes Schweigen. Allein die eigene innere Stimme sagt etwas. „Ich bin total zufrieden mit mir, ich hätt’s nicht besser machen können“, beteuert eine fröhliche Sophie Heinrich im Warteraum. Gerade hat sie den ersten Satz aus Beethovens Fünfter gemeistert mit der selbstbewussten Sicherheit einer Musikerin, die bereits fast alles in ihrer Karriere erreicht hat. Jetzt wird sie noch zum Filmstar. „Tonsüchtig“, heißt es, sei im DOK.fest der absolute Favorit bei den Abrufen.

Das Filmfestival findet statt auf www.dokfest-muenchen.de

Lesen Sie auch:

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren