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15.07.2010

Das "Who is who" der Grafikkunst in Stuttgart

Stuttgart (dpa) - Grafiken haben einen schweren Stand. Die Kunstwerke gälten beim breiten Publikum bisweilen als zu klein, farblos und schwer verständlich, sagte die Kuratorin der Graphischen Sammlung Stuttgart, Corinna Höper, am Donnerstag. Die Ausstellung "...nur Papier, und doch die ganze Welt" wolle dieses Bild von Samstag an geraderücken.

Der Besucher werde auf eine vielfältige Entdeckungsreise zu Werken von Albrecht Dürer, Marcel Duchamps oder Sigmar Polke geschickt. "Es geht von der Gotik zur Gegenwart und vom Einblattholzschnitt zum Papierknäuel." Außerdem sind Kohlezeichnungen, Aquarelle, Fotos und Kollagen zu sehen.

Anlass der aufwendigen Ausstellung mit 400 Exponaten auf 1600 Quadratmetern ist das 200-jährige Jubiläum der Graphischen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart. Inzwischen enthält die Sammlung den Angaben zufolge 400 000 Kunstwerke von 12 000 Künstlern. "Die Kunst auf Papier verlangt unsere ganze Konzentration, wir können davon viel gewinnen", sagte der Direktor der Staatsgalerie, Sean Rainbird, bei der Vorstellung der Schau am Donnerstag in Stuttgart. Die Ausstellung geht bis zum 1. November.

Der erste Leiter der Stuttgarter Grafiksammlung war von seinem Job alles andere als begeistert. Zum Dienstantritt 1810 bezeichnete sich der Maler und Kustos Eberhard Wächter in damaliger Schreibweise sarkastisch als "Königl: ober-Hof Kupferstich-Zusammenleger". Statt im Württembergischen zu arbeiten, wollte Wächter lieber zurück nach Rom, das damalige Zentrum der Kunst. An dieser Ursprungs- Sehnsucht anknüpfend, hat ein Teil der Ausstellung den Titel "Alle Wege führen nach Rom". Bis Ende des Jahrhunderts wuchs die Stuttgarter Sammlung auf mehr als 300 000 Kunstwerke an. In der Nazi- Zeit litt der Fundus dann unter Beschlagnahmungen sowie dem Bombardement der Alliierten.

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Die neun Räume sind chronologisch von der Renaissance über das Barock, das 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart angeordnet: Es gibt Bereiche mit sakralen Motiven aus der Renaissance und dem Barock und mit sozialkritischen Bildern von Prostituierten. Doch die zeitliche Reihenfolge der Bilder ist immer wieder aufgebrochen. Ein Stich von Johanna Herolt aus dem Jahr 1702 zeigt eine Studie zu Insekten. Daneben hängt ein Bild von Graham Sutherland, der 1962 Bienen grotesk groß und verzerrt dargestellt hat. In der Ausstellung sollten auch die Einflüsse der verschiedenen Künstler und Kulturräume aufeinander verdeutlicht werden, sagte Direktor Rainbird.

Das Grafik-Image der grauen Maus unter den Kunstwerken gehen die Kuratoren selbstbewusst und kreativ an. Ein Papierknäuel von Martin Creed stellt das vermeintliche Kunstwerk als weggeworfenen Alltags-Gegenstand dar. Von Anselm Kiefer sind düstere Holzstiche vom Rhein zu sehen, die den mythischen Fluss als dunkle, leere Ödnis darstellen. Die gut verständlichen Erklärtexte zu den Bildern erleichtern dem Besucher den Zugang in die Grafik-Welt.

Dass Kunst auch eine Frage des Geldes ist, wird dem Besucher im letzten Raum deutlich: Dort hängen Werke, die sich die Staatsgalerie angesichts knapper Kassen bislang nicht kaufen konnte. Nun werden die Besucher angehalten, für den Kauf zu spenden oder Firmen als Spender zu aktivieren. In der Kunstszene bräuchten auch die staatlichen Museen immer mehr Gelder von privaten Kunstliebhabern, um ihre Bestände mit Gegenwartswerken zu erneuern und zu ergänzen, sagt Museums-Sprecherin Anette Frankenberger. "Wie vor 20 Jahren ist es nicht mehr, heute werden die staatlichen Mittel immer mehr gekürzt."

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