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02.10.2019

"Deutschstunde" im Kino: Der Maler im doppelten Zwielicht

An den politischen Verhältnissen im Dritten Reich zerbricht die Freundschaft des Dorfpolizisten (Ulrich Noethen, links) und des Malers (Tobias Moretti).
Bild: dpa

Christian Schwochow inszeniert den Klassiker als Kammerspiel in großartiger Naturkulisse. Unter der Oberfläche des Films schlummert ein weiterer Streifen.

Deutschstunde“ von Siegfried Lenz gilt als eines der wichtigsten literarischen Werke der alten Bundesrepublik. Mit seinem Roman erzählte Lenz vor der Kulisse eines nordfriesischen Küstendorfes von der Freundschaft eines Polizisten und eines Malers, die an der politischen Verhältnissen im Dritten Reich zerbricht.

Nolde war ein Nationalsozialist und Antisemit

Vor fünf Jahren geriet der Weltbestseller erneut in die feuilletonistische Diskussion. Überaus deutlich hatte Lenz die Figur des verfolgten Künstlers Nansen an den Maler Emil Nolde angelehnt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich Nolde als verfolgter Künstler in Szene gesetzt. Erst die Öffnung der Archive 2014 brachten die unbequeme Wahrheit ans Licht: Nolde war ein bekennender Nationalsozialist und glühender Antisemit, der sich immer wieder dem Regime anzubiedern versuchte.

Damit geriet auch die „Deutschstunde“ in die Diskussion. Fünfzig Jahre nach Erscheinen bringt Christian Schwochow („Novemberkind“/“Bad Banks“) „Deutschstunde“ auf die Kinoleinwand und lässt sich von den aktuellen Diskussionen nicht beirren. Abgesehen von der notwendigen Verknappung orientiert sich seine Adaption eng am Geist der Vorlage und verstärkt den exemplarischen Charakter der Erzählung. Allein die Uniform des Dorfpolizisten Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen) scheint die Handlung im konkreten historischen Rahmen zu verorten. Hakenkreuzfahnen oder Hitlerreden bleiben als zeitgeschichtliche Klischees außen vor.

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In visueller Hinsicht ist „Deutschstunde“ ein Film, der für die Kinoleinwand gemacht ist

Noch stärker als der Roman konzentriert sich der Film auf die Erzählperspektive des elfjährigen Siggi Jepsen (Levi Eisenblätter), dessen Vater auf dem nördlichsten Polizeistützpunkt des Landes seinen Dienst verrichtet. Aus der Reichskulturkammer in Berlin kommt der schriftliche Befehl, der dem örtlichen Künstler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) ein Malverbot erteilt, dessen Einhaltung der Dorfpolizist überwachen soll. Jepsen versucht den eigenen Sohn, der bei seinem Patenonkel Nansen ein- und ausgeht, als Spion einzusetzen. Aber der kleine Siggi kommt zunehmend in Loyalitätskonflikte zwischen dem Vater, dem er gehorchen soll, und dem Maler, dessen Bilder eine große Faszination auf ihn ausüben.

Schwochow inszeniert die dramatischen Ereignisse im dörflichen Mikrokosmos als Kammerspiel, um dann den scharf konturierten Charakteren und engen Innenräumen gewaltige Landschafts- und Naturaufnahmen gegenüber zu stellen, welche die Geschehnisse metaphorisch reflektieren. Gerade in visueller Hinsicht ist „Deutschstunde“ ein Film, der für die große Kinoleinwand gemacht ist.

Mit Werktreue und filmischer Kraft besteht Schwochow auf die exemplarische Fiktionalität des Stoffes und schirmt die Figur des Malers Nansen vom aktuellen Nolde-Diskurs ab. Die extra angefertigten Gemälde weisen keinerlei Ähnlichkeiten zu Noldes Werk auf. Vielleicht ist diese Distanzierung vom realen Vorbild für eine heutige Verfilmung der einzig gangbare Weg. Trotzdem bleibt das vage Gefühl bestehen, dass unter der Oberfläche dieses Filmes ein anderer, möglicherweise interessanterer Film schlummert. Ein Film, der Emil Nolde als Opportunisten zeichnet, dessen Liebe zum Nationalsozialismus von der Obrigkeit nicht erwidert wurde. Ein Film, der das kühle Kalkül zeigt, mit dem sich der Maler nach dem Krieg als Opfer inszenierte, und die Bereitwilligkeit, mit der die Nachkriegsgesellschaft diese Legendenbildung akzeptierte.

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