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Jazz

28.08.2020

Frei wie ein Vogel: Charlie „Bird“ Parker

Charlie Parker (Kansas City 29. August 1920 _ 12. März 1955 New York)
Bild: Foto: Ullstein Bild

Vor 100 Jahren wurde der geniale Saxophonist geboren. Er revolutionierte die Musik, er war egoistisch bis in die Haarspitzen hinein, er spielte stets am Rande des Abgrunds – und wurde nur 34 Jahre alt

Auch im Jazz gibt es eine Demarkationslinie. Sie trennt die alte von der neuen Zeit und lässt sich in etwa um den Beginn der 1940er Jahre verorten. Damals erschien ein großgewachsener junger Mann aus Kansas City wie Phoenix aus der Asche auf der öffentlichen Bühne, eine Lichtgestalt mit Altsaxofon, die alles bisher Dagewesene auf den Kopf stellen sollte. Seither existieren zwei Arten von Jazz: der vor Charlie Parker und der danach.

Parker war einer, der ohne zu überlegen voranging, der seine unstillbare Neugier und seine überragenden Fähigkeiten in bahnbrechende Innovationen einfließen ließ. Auf sein Konto gehen die Erfindung des Bebop, aber auch die eines revolutionären Saxofonstils, der allerhöchste Virtuosität mit atemberaubender Schnelligkeit verknüpfte. Im gewissen Sinn darf sich Parker deshalb sogar ans Revers heften, die erste Black-Lives-Matter-Bewegung der Geschichte initiiert zu haben, weil er mit seinem Spiel ein schwarzes Fanal gegen den von Weißen dominierten Big-Band-Swing der 1930er setzte. Er und einige farbige Kollegen erhöhten einfach das Spieltempo und verkomplizierten die Harmonik, weil sie genau wussten, dass die auf Notenblätter und strenge Arrangements fixierten weißen Kollegen solch rasender Fingerfertigkeit kaum standhalten konnten.

Außerdem oblag ihm die zweifelhafte Ehre, der Erste gewesen zu sein, der Selbstversuche mit Drogen und ihrer Wirkung auf die Musik unternahm – und damit reihenweise Künstler in der Welt des Jazz, Pop und Rock animierte. Seine musikalischen Spuren reichen bis in die Gegenwart, lassen sich in den Sounds des Hip-Hop, des Rap, in der Philosophie der Big Bands und natürlich im gesamten Jazz identifizieren. Parker galt als Genussmensch reinsten Wassers, der nichts anbrennen ließ und die Konsequenzen seines Handelns fahrlässig ignorierte. Ein Leben am Abgrund, anderthalb Jahrzehnte zwischen fulminanten Höhenflügen und bodenlosen Abstürzen. Und seine Musik war der perfekte Soundtrack dazu.

Hätte sich Charlie Parker besser im Griff gehabt, könnte er womöglich an diesem Samstag seinen 100. Geburtstag feiern – unter anderem an zwei Tagen mit zahllosen Veranstaltungen in New York. Dass er allerdings schon über 65 Jahre tot ist – gestorben mit gerade einmal 34 am 12. März 1955 im Appartement seiner Gönnerin, der reichen Baroness de Koenigswarter –, war so absehbar wie die Dämmerung am Abend. Durch seine letzten Jahre hangelte er sich wie ein Ertrinkender auf der verzweifelten Suche nach jedem Strohhalm. In psychiatrischen Abteilungen und Entzugsanstalten attestierte man ihm Schizophrenie und Psychosen, er beging Brandstiftung und einen Selbstmordversuch und führte illegale Ehen. Neben der Baroness fand er eine große Zahl weiterer Freunde, Frauen, Kollegen, Verehrer, die ihn aufnahmen, aufrichteten, durchfütterten – und die er teils schamlos ausnutzte. Dieser Mann lebte ausschließlich für seine Musik, wurde zum mythischen Urheber der großen Jazz-Revolution, zum charismatischen Untergrund-Helden, der nie den Sprung ins Establishment schaffen wollte. Mancher Hipster verehrt Parkers praktizierten Existenzialismus wie eine göttliche Offenbarung.

Die Karriere begannmit einem Fiasko

Doch die Wirklichkeit dahinter sah so aus: Wie viele schwarze Musiker der damaligen Zeit stammte auch Charles Parker junior aus ärmlichen Verhältnissen. 1920 in Kansas City geboren, trennten sich die Eltern, als er neun war. Mutter Addie nahm eine Arbeit als Putzfrau an und schenkte ihm mit 13 ein Altsaxofon – die Eintrittskarte in die Welt der Musik! Kansas City war eine Stadt mit regem Nachtleben, die Clubs der Vine Street, in denen auch während der Prohibition Alkohol floss, boten Livemusik mit Schwarzen. Dort wollte Parker hin. Der Start verlief holprig. Als er mit 15 den Mut aufbrachte, bei einer Jamsession im Reno Club einzusteigen, geriet dies zum Fiasko. Count Basies Schlagzeuger Jo Jones warf ihm wütend sein Becken vor die Füße, worauf sich der Junge wie ein geprügelter Hund zurückzog. Fast vier Jahre lang übte er daraufhin am Tag bis zu 15 Stunden, um dann triumphal zurückzukehren und die Szene fortan in Lager zu spalten.

Mit einem Mal spielte er wie Lester Young – nur eben auf dem Altsaxofon, dazu doppelt so schnell und harmonisch völlig rätselhaft. Schon zuvor besaß er diesen eigenartigen Ton, fernab der süßlichen Swing-Attitüde, sachlich, klar, mit wenig Vibrato. Die einen fanden dies „schrecklich“, andere wiederum feierten ihn wie den auferstandenen Messias. Dieser Parker besaß die Statur eines kräftigen Arbeiters, eine gewaltige Lungenkraft und die flinken Finger eines Trickzauberers. Er konnte auf jedem Saxofon sofort loslegen und übertönte mühelos jede Big Band. Seine Chorusse klangen so prägnant und geschlossen, als wären sie ausgearbeitet und geübt. Er meisterte schwierige Arrangements auswendig und neue Solo-Partien ohne zu proben.

Fast drei Jahre lang tourte Parker mit dem Pianisten Jay McShann durch die USA. Aus dieser Zeit stammt sein Spitzname „Bird“. Das kam so: Bei einer Tour durch Nebraska liefen auf einem Feldweg Hühner auf die Straße. Ein Vogel wurde angefahren. Parker bestand darauf, dass man den „yardbird“ holen und kochen solle. „Bird“: frei wie ein Vogel – so kam Parker vielen seiner Kollegen vor, wenn er spielte.

Möglicherweise lag dies auch an den Experimenten mit allen verfügbaren Arten von Narkotika. Marihuana war bis 1937 legal und in der Musikszene verbreitet, auch an Alkohol kam man in den Bars von Kansas City leicht heran. Drogen und Musik bestimmten Birds Leben. Wenn er high war, schlief er oft auf der Bühne ein oder erschien gar nicht. Sein Aussehen wurde von Jahr zu Jahr ungepflegter. Er flog aus den meisten Bands, tauchte splitterfasernackt, nur mit Socken bekleidet, an der Rezeption eines Hotels auf und erhielt nach einer Schlägerei mit dem Pianisten Bud Powell sogar Hausverbot im New Yorker Birdland – dem Club, der nach ihm benannt worden war.

Bebop galt als Anti-Jazz, als eine Art chinesischer Musik

Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – erfand er 1942 im New Yorker Minton’s Playhouse zusammen mit Thelonious Monk, Dizzy Gillespie und Kenny Clarke den Bebop. Die Clique gab sich ihren eigenen Slang, behandelte ihre Entdeckung wie eine Geheimwissenschaft, was Unbefugten den Zugang – sprich: das Einsteigen und Jammen – fast unmöglich werden ließ. Parker war der Spiritus Rector des Zirkels, genial, gewandt, egoistisch bis in die Haarspitzen. Exzellentes Hörbeispiel liefert die CD „Jazz At Massay Hall“ (Inakustik).

Parker schüttelte Kompositionen wie „Koko“, „Donna Lee“, „Ornithology“ (Vogelkunde), „Relaxin’ At Camarillo“ (entstanden während einer Entziehungskur in Camarillo) und „Moose The Mooche“ (gewidmet seinem Dealer) nur so aus dem Ärmel, konnte mit Tönen jonglieren, bekannte Standards in Windeseile umdeuten. Dennoch stieß er damit zunächst nur auf Ablehnung. Bebop galt als Anti-Jazz, als eine Art chinesischer Musik, als Absurdität.

Die kollektive Ablehnung trug kaum dazu bei, sein Leben in geregelte Bahnen zu lenken. Bis zum Ende lebte Charlie Parker den Blues des heimatlosen, getriebenen Künstlers. Erst als er starb, begriffen viele, was dieser wilde, rastlose Vogel hinterlassen hatte: eine weite Spielwiese voller harmonischer und rhythmischer Freiheiten. „Man kann die Geschichte des Jazz in vier Wörtern erzählen: Louis Armstrong, Charlie Parker“, brachte es sein Weggefährte Miles Davis auf den Punkt. Nicht nur deshalb besitzen die Graffiti, die Jazzfans an New Yorker Häuserwänden nach seinem Tod hinterließen, bis heute Gültigkeit: „Bird lives!“

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