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Sachbuch

29.01.2020

Hitler kam als ein SkandalVertuscher an die Macht

Paul von Hindenburg und Adolf Hitler am 30. Januar 1933.
Bild: dpa

Ein denkwürdiger 30. Januar in der deutschen Geschichte: Gab es einen Deal zwischen Hindenburg und den Nazis? Im Hintergrund: Ein Skandal um Finanzhilfen

Die Staatsaffären, die die Bundesrepublik seit 1949 gelegentlich durchgerüttelt haben, sind im Vergleich mit jenen der Weimarer Republik lächerlich unbedeutend. Am augenfälligsten wird dies bei den Skandalen, in die die jeweiligen Staatsoberhäupter verwickelt waren. Beispielsweise Bundespräsident Christian Wulff: Ihm wurde 2012 angekreidet, als Geschenk unter anderen Petitessen auch ein Bobby-Car entgegengenommen zu haben. Er trat prompt zurück.

Anders reagierte 1932/1933 Reichspräsident von Hindenburg: Er war in die sogenannte Osthilfe-Affäre verstrickt, einen Aufreger um Milliarden von Subventionen für die dortige Landwirtschaft. Hindenburgs Reaktion bestand darin, am 30. Januar 1933 Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Er bot die Gewähr, Korruptionsgerüchte um das Staatsoberhaupt schlagartig verstummen zu lassen.

Jetzt legt der Historiker Dieter Hoffmann im Buch „Der Skandal – Hindenburgs Entscheidung für Hitler“ (Donat-Verlag, 208 S., 18 ¤) nahe, dass ein informeller Deal im Spiel war. Ernennt der Präsident den von ihm ungeliebten Ober-Nazi zum Kanzler, sorgt der im Gegenzug dafür, dass das Unterstützungsprogramm für die Ost-Agrarier samt allen Mauscheleien nicht unter die Lupe genommen wird.

Hitler kam als ein SkandalVertuscher an die Macht

Hindenburg betätigte sich als Chef-Lobbyist seiner Standesgenossen

Alle Weimarer Parteien hatten in der damaligen Weltwirtschafts- und Agrarkrise Hilfen für die östlichen preußischen Provinzen befürwortet. Deren Bauern litten auch darunter, dass ihnen im Zuge der Gebietsverluste durch den Versailler Vertrag Märkte weggebrochen waren. Viele Höfe waren überschuldet. Staatliche Subventionen in Höhe von – umgerechnet – mehreren Milliarden Euro sollten helfen. Bald kam es beim Verteilen der Mittel zu Konflikten zwischen großen und kleinen Betrieben. Es hagelte Vorwürfe, dass die „Junker“ überproportional bedacht würden und sich zudem in den Gremien gegenseitig begünstigten. Der Verdacht massiven Missbrauchs öffentlicher Mittel wurde laut; es war von Untreue und Betrug die Rede.

Nachgewiesenermaßen betätigte sich Paul von Hindenburg – seit 1925 Reichspräsident – als Chef-Lobbyist für seine Standesgenossen. Besonders, wenn es um das Vergabeverfahren oder darum ging, sie vor der Zwangsvollstreckung zu schützen. In einem Fall machte sich das Weltkriegs-Idol sogar anfällig für den Vorwurf der familiären Klüngelei.

Die parlamentarische Aufklärung der Unregelmäßigkeiten durch den Reichstag hatte in den politisch dramatischen Tagen Ende 1932 begonnnen. Angesichts einer Rekordarbeitslosigkeit und der Not im Volk stürzte sich die Presse von links bis rechts täglich mit Wonne auf die ostelbischen Durchstechereien. Der Rechnungshof des Reiches hatte, solange er unbedrängt arbeiten konnte, unnachsichtig Leistungserschleichungen gebrandmarkt.

Unter konspirativen Umständen trafen sich Hitler und Oskar von Hindenburg

Was jetzt folgte, ist als die tollen letzten Tage der ersten deutschen Republik in die Geschichte eingegangen:

22. Januar 1933: Unter hochkonspirativen Umständen trafen sich Hitler und Oskar von Hindenburg – nach einem Bonmot „der in der Verfassung nicht vorgesehene Sohn“ des Reichspräsidenten – in einer Villa in Berlin-Dahlem. Viele Indizien sprechen dafür, dass dabei das Geschäft auf Gegenseitigkeit perfekt gemacht wurde: Der Präsident beruft den von ihm zuvor als „böhmischen Gefreiten“ denunzierten NSDAP-Chef zum Kanzler gegen dessen Zusicherung, dass der nicht nur die Verwicklung des „alten Herrn“, sondern den gesamten Osthilfe-Skandal nicht weiter aufklären lässt. Nach dem Staatsstreich im Hinterzimmer äußerte Oskar Hindenburg lakonisch, es gebe „keine andere Möglichkeit mehr, Hitler müsse Kanzler werden“.

Es gibt kein Protokoll, keine Akten, keine Ohrenzeugen dieser zweistündigen Großverschwörung am 22. Januar – sie fand unter vier Augen statt. Der Historiker Joachim Fest vermutet, dass Hitler seine „bewährte Kombination von Drohungen und Bestechung“ anwandte.

  • 30. Januar ’33: Durch verschneite Ministergärten im Berliner Regierungsviertel eilt Hitler hinüber zum Palais des Reichspräsidenten – er hat sich in die Kanzlerschaft intrigiert.
  • 1. Februar ’33: Der Reichstag hat nichts mehr zu sagen, er wird aufgelöst. Das Kabinett Hitler entzieht dem Untersuchungsausschuss des Parlaments in Sachen Osthilfe die Akten. Die Nazis sprengen Sitzungen dieses Gremiums.
  • 4. Februar ’33: Notverordnung Hindenburgs zum „Schutze des deutschen Volkes“. Sie ermöglicht der Regierung, Veranstaltungen, Zeitungen und Druck-Erzeugnisse konkurrierender Parteien zu verbieten.
  • 27. Februar ’33: Reichstagsbrand und weitere Notverordnungen
  • 23. März ’33: Ermächtigungsgesetz gebilligt, die Weimarer Demokratie ist endgültig demontiert, die Diktatur inthronisiert.

Von Korruption ist nicht mehr die Rede – die neuen „Herren“ sind selbst korrupt bis zur Halskrause.

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