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Kino

07.08.2019

Jodorowskys „Wüstenplanet“: Groß gedacht, nie gedreht

Alejandro Jodorowsky 2016 in Locarno, wo er den Ehrenleoparden der dortigen Internationalen Filmfestspiele erhielt.
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Alejandro Jodorowsky 2016 in Locarno, wo er den Ehrenleoparden der dortigen Internationalen Filmfestspiele erhielt.
Bild: Alexandra Wey, dpa

Der Regisseur wollte 1975 den bekannten Sci-Fi-Roman verfilmen, sogar Dalí sollte mitspielen. Das Projekt ging schief - zugunsten eines anderen Film-Klassikers.

Er ist der Mann mit den schrägen Ideen, ein skurriler Regisseur, der Anfang der 1970er in den USA Kult war: Alejandro Jodorowsky. 1975 wollte er einen Film schaffen, den die Welt noch nie gesehen hatte und nie vergessen sollte: „Der Wüstenplanet“ nach Frank Herberts gleichnamigem Science-Fiction-Roman. Doch nach Jahren der Vorproduktion wollte kein Studio mehr Geld lockermachen, und so wurde nichts aus Jodorowskys geplantem Meisterwerk. Ob es wirklich eines geworden wäre, sei dahingestellt.

Aber wer ist der Regisseur mit dem eigenartigen Namen, halb russisch, halb spanisch klingend? Als Sohn jüdischer, aus der Ukraine eingewanderter Eltern wuchs der 1929 geborene Jodorowsky in Chile auf, studierte in Paris und begann Ende der 50er Jahre mit dem Filmemachen. 1970 drehte er „El Topo“. Der brutale, verstörende Streifen avancierte in den USA zum Kultfilm. Und auch das nachfolgende Werk „Montana Sacra – Der heilige Berg“ gilt als eindrucksvoll, aber eben auch total schräg. In einer Szene kämpfen Eidechsen als Mayas verkleidet gegen Kröten mit Kreuzritter-Symbolen, bis alles in die Luft geht. Finanziert wurde das Ganze von Beatles-Produzent Allen Klein – John Lennon hatte nämlich an „El Topo“ Gefallen gefunden.

Für den "Wüstenplanet" sollten die Künstler ran

Durch die Beatles-Weihen fand Jodorowsky 1975 genügend Geldgeber, um in die Vorproduktion zum „Wüstenplanet“ zu gehen. Ausgeflippt, wie er war, heuerte er für den Film Künstler an, was für die damalige Zeit ziemlich ungewöhnlich war. Sie sollten ihm helfen, seine Visionen zu verwirklichen. Unter den bekannten Namen waren Zeichner wie Jean Giraud – den meisten eher als Möbius bekannt – und Chris Foss. Letzterer hatte vor allem Raumschiffe gemalt, die auf den Covern von Perry-Rhodan-Romanen landeten. Für die Spezialeffekte engagierte er Dan O’Bannon, der bei John Carpenters Film „Darkstar“ mitgewirkt hatte. Zu guter Letzt war da noch der filmisch völlig unerfahrene Schweizer Künstler HR Giger. In der folgenden Zeit schufen die Männer 3000 Zeichnungen.

Jodorowskys „Wüstenplanet“: Groß gedacht, nie gedreht

Für die Musik wollte Jodorowsky die Band Pink Flyod und den Sänger Mike Oldfield engagieren. Mehrere Rollen waren auch schon besetzt. So sollte die Figur des Imperators im „Wüstenplanet“ vom spanischen Maler Salvador Dalí gespielt werden. Aber auch Stars wie Mick Jagger, David Carradine oder Orson Welles waren im Gespräch. Sogar der deutsche Schauspieler Udo Kier sollte mit im Boot sein. Zwei Millionen Dollar verschlang die Vorproduktion, weitere 15 Millionen Dollar sollte der Film kosten. Mitte der 70er Jahre waren das noch bombastische Summen. Die Studios wurden nervös – immerhin hatte Jodorowskys teuerster Film bis zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 400000 Dollar gekostet. Schließlich wurde dem Regisseur der Geldhahn zugedreht, der Film war gestorben, die Beteiligten hatten das Nachsehen.

Vieles von dem, was in Jodorowskys "Wüstenplanet" nicht realisiert wurde, fand in Ridley Scotts "Alien" Verwendung.
Bild: dpa

Dan O’Bannon fiel in ein tiefes Loch. In seiner Verzweiflung schuf er ein Drehbuch: Mehrere Personen sind auf einem Raumschiff unterwegs, nach einem Notruf wird eines der Crewmitglieder von einem Ding als Wirt benutzt. Als die Kreatur aus seiner Brust bricht und nach und nach die anderen Crewmitglieder tötet, überleben am Ende nur eine Frau und eine Katze. Ja, O’Bannon erfand „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer anderen Welt“. HR Giger, der ebenfalls an Jodorowskys Nichtverfilmung von „Der Wüstenplanet“ beteiligt war, zeigte seine Entwürfe Regisseur Ridley Scott. Dieser war hellauf begeistert von einigen Zeichnungen – das schwarze glitschige Alien war geboren. Möbius kreierte zudem die Raumanzüge, Chris Foss schuf das Raumschiff. So waren plötzlich alle Künstler der Nichtverfilmung des „Wüstenplaneten“ bei Ridley Scotts „Alien“ mit dabei. Vor 40 Jahren, im Herbst 1979, kam der Film in die deutschen Kinos. Weltweit spielte der Sci-Fi-Klassiker mehr als 200 Millionen Dollar ein, zahlreiche Fortsetzungen folgten. Nicht wenige, die den Film sahen, verfolgt das Alien bis in ihre Träume.

Die 3000 Zeichnungen, die für „Der Wüstenplanet“ entstanden waren, inspirierten aber noch weitere Regisseure, unter anderem auch George Lucas. Viele Sci-Fi-Filme der 80er und 90er nahmen Anleihe bei den Entwürfen für Jodorowskys „Wüstenplanet“. Zugleich machte die Idee des Regisseurs Schule, Künstler von außerhalb des Filmgenres zu engagieren. Heute ist es normal, dass auch namhaftere Maler und Künstler bei aufwendigen Produktionen mitwirken.

David Lynch brachte den "Wüstenplanet" ins Kino

Wenige Jahre nach „Alien“ verfilmte dann David Lynch den „Wüstenplanet“. In einer Nebenrolle spielte Police-Sänger Sting mit. Der Film floppte, und auch eine Fernsehproduktion nach der Jahrtausendwende hatte nur wenig Erfolg. Im kommenden Jahr wird die „Wüstenplanet“-Version des kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve erscheinen. Ob der dann Erfolg haben wird?

Was aber ist aus Alejandro Jodorowsky geworden? Der Chilene geriet in Vergessenheit. Er konnte nie wieder an seinen Kultstatus in den 70er Jahren anknüpfen. 2013 erschien eine Doku über die Nichtverfilmung seines großen Projekts, im Februar des laufenden Jahres beging er seinen 90. Geburtstag. In seinen späteren Jahren lieferte Jodorowsky, der auch als Schriftsteller arbeitet und zahlreiche Bücher und Comics veröffentlicht hat, noch einen ironischen Kommentar zu seinem einstigen Mammutvorhaben, als er sagte, dass er den „Wüstenplanet“ nie gelesen habe. „Ein Freund von mir meinte, er sei fantastisch.“

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