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Erinnerung an Woodstock

01.06.2019

Augsburger war in Woodstock: „Sexy fand ich das nicht“

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2 Bilder
Dr. Sebastian Priller, Seniorchef der Augsburger Brauerei Riegele, 1969 während seiner USA-Tour, auf der er auch Woodstock besuchte.
Bild: Archiv Dr. Sebastian Priller

Sebastian Priller war 1969 in Woodstock dabei. Warum – und was er erlebt hat: Der heutige Augsburger Brauerei-Chef erzählt.

Sie waren 1969 in „Woodstock“ dabei. Wie kam es dazu?

Dr. Sebastian Priller: Es war ein reiner Zufall. Ich wollte immer schon viel reisen, weil ich dachte, ich sterbe früh (lacht). 1969 war ich 19 und bin auf die Greyhound-Buslinie gestoßen. Nach dem Motto „Five Dollars a day“ bin ich ein Viertel Jahr durch Amerika gereist, weil ich meine Touren immer selbst finanzieren wollte. Ich hatte wirklich keine Ahnung von gar nichts und bin total naiv an die Sache rangegangen. Was ich aber hatte, waren Kontakte zu Menschen, bei denen ich übernachten konnte. In New York war ich bei einer deutschen Familie untergebracht, deren eine Sohn bereits auf einem LSD-Trip und ausgezogen war. Der zweite Sohn wohnte noch zu Hause und ich sollte für den Vater schauen, ob der auch Drogen nimmt und mich ein bisschen mit ihm anfreunden. Es stellte sich heraus, dass auch dieser Sohn Rauschgift nahm. Als Jugendlicher verrätst du so was aber natürlich nicht.

Und dieser Bekannte kam auf die Idee, nach Woodstock zu fahren?

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Priller: Ich bin mit dem Jungen durch die Gegend gezogen. Für mich war das problematisch, weil er und seine Freunde schon immer mal was geraucht haben, ich aber nie meine Kontrolle abgeben wollte. Haschisch hab ich zwar mal ausprobiert, aber davon ist mir schlecht geworden, das war nichts für mich. Irgendwann wollte mein Bekannter dann unbedingt nach Woodstock. Ich wusste damals aber überhaupt nicht, dass das Woodstock heißt und was das überhaupt ist (lacht). Der Junge konnte den Trip dann tatsächlich bei seinem Vater durchsetzen – und wir sind am dritten Tag des Festivals in Woodstock angekommen.

Was war Ihr erster Eindruck vor Ort?

Priller: Ich war schockiert. Als wir auf dieser riesigen Wiese mitten in der Pampa angekommen sind, schwamm alles in Matsch. Es hatte geschüttet und das Festival war bei unserer Ankunft eigentlich schon in der Auflösung. Die Typen, die da rumgelaufen sind, waren zugedröhnt, die sanitäre Situation war unter aller Kanone. Alles war dreckig und schlammig, die Mädels sind oben ohne durch die Gegend gesaust – sexy fand ich das nicht wirklich, eher abschreckend. Da sind wir dann da rumgegeistert, orientierungslos. Ich hab mich die ganze Zeit – aus deutscher Sich natürlich – gefragt, wo eigentlich die Polizei ist. Da war aber keine. Die Behörden haben sich nur darum gekümmert, die Massen wieder wegzubekommen. Die waren völlig überfordert, haben aber irgendwie kostenlos Busse bereitgestellt, in die man einsteigen konnte.

Und mit denen sind Sie dann wieder nach New York gefahren?

Priller: Ganz zurück nach New York haben die uns nicht gebracht, sondern erst mal nur weg. Die Fahrt vergesse ich sicher auch nie. Ich saß neben einem hageren, ziemlich ungesund ausschauenden Typen mit Pickeln und kaputten Zähnen, der mich selig anlächelte. Die Stimmung im Bus schwankte zwischen Erschöpfung und dem Gefühl, bei etwas Großartigem dabei gewesen zu sein. Letzteres traf für mich natürlich nicht zu, das hat mich eher gewundert.

Wie haben Sie die Stimmung vor Ort wahrgenommen? Waren es „3 days of peace and music“?

Priller: Die Leute haben schwadroniert und von „Peace and Love“ gesprochen oder wollten einen ständig umarmen. Das ging nach dem Motto: Wir lieben uns alle und querbeet. Für mich waren das meine Hauptimpressionen, ich war froh, als ich wieder weg war (lacht). Die Leute, mit denen ich dort hingefahren bin, haben Woodstock aber schon vorher total verklärt und alles als großartig empfunden. Ich bin da ohne Erwartungen hingefahren und habe erst hinterher erfahren, was Woodstock eigentlich war.

Sie kamen erst an Tag drei in Woodstock an – Janis Joplin oder The Who waren da bereits aufgetreten. Haben Sie sich darüber geärgert?

Priller: Ich bin leider total unmusikalisch (lacht). An den Beatles, den Rolling Stones und The Who kam damals aber niemand vorbei. Joe Cocker hatte seinen Auftritt am dritten Tag. Den hab ich auch gesehen, aber zu diesem Zeitpunkt war mir Joe Cocker kein Begriff. Hinterher natürlich schon. Auf der Bühne hat sich schon was abgespielt, das war eine ganz eigene Stimmung.

Wer waren damals Ihre Musikidole?

Priller: Die Beatles und die Rolling Stones haben mir schon sehr gut gefallen. Aber ich war auch immer schon Fan deutscher Schlager – und damit natürlich nicht angesehen bei meinen Freunden. Die haben das verachtet. Freddy Quinns „Junge, komm bald wieder“ fand ich gut, das hat mir gefallen. Aber in meiner Klasse hab ich das nicht erzählt, sonst wäre ich unten durch gewesen. Das war halt nicht cool.

Wie sehen Sie Woodstock heute?

Priller: Ich hätte damals darauf verzichten können, würde es aus heutiger Sicht aber wieder machen, weil ich das interessant finde. Solche Gelegenheiten habe ich viele hinter mir, wie bei meiner späteren Reise durch Indien. Ein Freund hatte damals einen Brief für Indira Gandhi dabei und wir sind tatsächlich auf dem Landweg über den Iran bis zu ihr gekommen. Alle möglichen Krankheiten inklusive. Auf dem Hinweg haben wir sogar Türkise in der Unterhose geschmuggelt. Das mag ich mir heute gar nicht mehr vorstellen.

Wie ging Ihre Amerika-Reise nach Woodstock weiter?

Priller: Danach bin ich weiter nach San Francisco gefahren. Auf dem Weg hatte ich eines der schrecklichsten Erlebnisse. Nachdem ich schon eine Nacht im Freien übernachtet hatte, bin ich mit einem jungen Pärchen nach Hause gefahren – eineinhalb Stunden aufs Land. Die hatten mir zwar erzählt, dass sie Drogen nehmen, waren aber ganz nett. Dort angekommen, schmiss sich die Frau in ein Feenkostüm, setzte mich auf ein Podest und erstellte mein Horoskop. Weil zu dieser Zeit auch die Charles-Manson-Morde passierten, hatte ich eine tierische Angst. Ich wollte nur noch weg, das ging aber nicht, weil kein Bus fuhr. Nachts habe ich dann meine Tür verbarrikadiert und einen Fluchtweg durchs Fenster ausgekundschaftet, was beides nicht notwendig war. Die Leute haben sich als nett und harmlos herausgestellt. Trotzdem, das war die schlimmste Nacht meines Lebens.

Denken Sie, dass Woodstock und die Hippiebewegung tatsächlich etwas gesellschaftlich bewirkt haben?

Priller: Das glaube ich schon. Viele meiner Freunde hatten nicht die Freiheiten, die ich hatte, und rebellierten damals gegen autoritäre Erziehung und den ganzen alten Muff. Das ist schon berechtigt und auch notwendig gewesen – obwohl ich das selbst erst später gemerkt habe, weil es mich ja nicht betroffen hat. Auch Sexualität war zuvor kein Thema in der Öffentlichkeit. Wobei in Woodstock von der Befreiung der Frau wenig zu spüren war: Die Mädels wurden rumgereicht, haben Kaffee gekocht und waren Schmuck der politisierenden Männer.

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