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Frühjahrs-Trend

14.04.2018

Flanking - warum "unten ohne" gerade in Mode ist

Unten ohne: das "Flanking" liegt gerade voll im Trend.
Bild: Sophia Kembowski, dpa

Modebewusste tragen knöchelfrei das ganze Jahr über. Der Frühjahrstrend nennt sich Flanking. Dahinter steckt eine Liebeserklärung an ein anderes Modestück.

Die frühlingshaften Temperaturen verlocken zu einem etwas gewagteren Griff in den Kleiderschrank. Die Haut verlangt nach wochenlanger Vitamin-D-Abstinenz nach Sonne. Bauch, Rücken, Knöchel – alles wird jetzt wieder frei. Aber Moment: Knöchelfrei? Leute, die diese mit hochgekrempelten Hosen entblößten, liefen ja auch schon den ganzen Winter hindurch herum. Was ist da los? Ein Phänomen jedenfalls, das vor allem, aber längst nicht nur bei der älteren Generation immer wieder zu Kopfschütteln führt.

Beim sogenannten "Flanking", geht es um wenige Zentimeter freie Haut zwischen Schuh und Hose. Flanking ist ein Wortspiel aus den beiden englischen Wörtern "flashing" (Blitzen) und "ankle" (Knöchel). Blickpunkt aufblitzender Knöchel also, aber auch Blickfang verständnisloser Blicke eben. Denn selbst bei Minusgraden tragen die Modebegeisterten die Hose hochgekrempelt, während sich der Rest in Mütze, Schal und Anorak einmummelt. Der Gang zur Arbeit, das Warten auf den Bus, das Flanieren durch die Innenstadt in Hochwasserhosen während der Schnee fröhlich vor sich hin flockt – alles wird im Winter knöchelfrei erledigt. So manch einer denkt sich bei dem Anblick – verbürgtes Zitat: "Die arme Jugend, hat die nix G’scheits zum Anziehen. Dabei sind warme Füße doch das A und O." Tja, warme Schuhe und lange Hosen kann eben jeder.

Beim Flanking geht es nicht nur um ein Stück freie Haut

Aber frieren die Leute denn gar nicht? Besonders Frauen sind ja als Frostbeulen verschrien. Ein Blick in die Modeblogs im Netz macht deutlich: Auch die Knöchelfrei-Träger haben keine besondere Kälte-Affinität. Sie sind nicht zu wissenschaftlichen Phänomenen mutiert, denen die sibirische Kälte in den Wintermonaten nichts anhaben kann. Im Gegenteil, im Netz finden sich Tipps und Tricks, wie am besten verhindert wird, dass die Knöchel vor Kälte blau anlaufen. Das Zauberwort heißt: durchblutungsförderndes Massageöl oder wärmende Fußcreme.

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Doch woher kommt überhaupt die Bereitschaft, freiwillig zu frieren und die Hose hochzukrempeln? Es geht gar nicht um das Stückchen freie Haut zwischen Schuh und Hose, sagt Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer des Deutschen Modeinstituts (DMI) mit Sitz in Köln. Unten-ohne ist nicht das neue Oben-ohne. Knöchelfrei ist nicht in, weil es besonders intime Einblicke gewährt. Es ist keine Modeerscheinung, die dem tiefen Dekolleté Konkurrenz macht. Knöchelfrei ist die Liebeserklärung an einen besonderen Schuh: den Sneaker. Eine Gemeinsamkeit gibt es dabei doch zwischen der Nacktheit im Brustbereich und den Knöcheln: Beide Phänomene wollen die Aufmerksamkeit lenken. Im Fall "Knöchelfrei" auf den Treter, der am Fuß sitzt.

Der Sneaker kommt sportlich daher und ist doch alltagstauglich. Leichte Bauweise, Komfort und Gummisohle sind sein Erfolgsrezept. Kommt ein neues Modell auf den Markt, löst das Jubelgeschrei bei den Turnschuhfans aus. Dafür nehmen sie langes Warten in Kauf und schrecken nicht einmal davor zurück, sich in Schlangen von mehreren hundert Metern vor dem Geschäft einzureihen. "Das ist verrückt", gibt auch Müller-Thomkins zu. Aber der Sneaker sei eben eine Marke mit Kultstatus. Er löst bei seinen Fans einen ähnlichen Glücksrausch aus wie bei Apple-Anhängern das neue iPhone.

Der Sneaker soll die volle Aufmerksamkeit bekommen

Der Sneaker ist "Metapher für den modischen Zeitgeist". Der bequeme Schuh gibt seinem Träger das Gefühl, ihn durch alle Höhen und Tiefen im Alltag zu tragen. Der sportliche Sneaker ist Ausdruck einer immer älter werdenden Gesellschaft, "die nicht als alt betrachtet werden möchte", sagt Müller-Thomkins. Der Schuh ist also ein Elixier der ewigen Jugend und damit bei Jung und Alt beliebt.

Das Faszinierende am Flanking ist die Ganzjährigkeit, sagt Müller-Thomkins vom DMI. Denn egal, ob die Schuhhäuser im Winter warme Stiefel und Boots auf den Markt bringen, Sneaker haben ganzjährig Saison. Der entblößte Knöchel ist dabei nur Mittel zum Zweck. "Modisch und stilistisch gesehen ist er ein Bruch", sagt Müller-Thomkins. Brüche in der Modewelt sind dazu da, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ähnlich wie beim "Off-Shoulder-Look", der die Schultern bewusst frei lässt. Der nackte Knöchel schafft eine optische Trennung zwischen Hose und Schuh. Damit hat der Sneaker freie Bahn und sitzt auf dem Präsentierteller.

Knöchelfrei ist dabei ein Trend, der sich in allen Altersklassen und sowohl bei Frauen als auch bei Männern durchgesetzt hat. Doch ursprünglich ging der Trend von der Jugend aus, sagt Müller-Thomkins. Wie wird der Look nun richtig getragen? Der Modeexperte empfiehlt die Y-Form, unten schmal, oben weit. Das heißt, eine enge Blue Jeans oder Chino-Hose kombiniert mit einer pludrigen Strickjacke, einem weiten T-Shirt oder einem Cardigan. Socken sind bei der Knöchelfrei-Optik tabu, außer die kleinen hautfarbenen Füßlinge.

Wie lang hält der Flanking-Trend an?

Doch wie reagiert nun der Trend "Knöchelfrei" auf die weiten Hosen, die jetzt wieder im Kommen sind? Verdrängen am Ende die Schlaghosen die Szene der Knöchelfrei-Träger? Weite Hosen versperren schließlich die Sicht auf die geliebten Sneaker. Nichts ist beständig. Der Sneaker wird noch lange populär sein, sagt Müller-Thomkins. Der Schuh ist kein temporärer Trend. Für das Flanking schaut die Lebensdauer anders aus. "Jeder Trend wird irgendwann von einem nachfolgenden überlagert“, sagt der Modeexperte.

Und letztlich will die Modewelt immer auch provozieren. Normalerweise sind Socken beim Knöchelfrei-Look nicht erlaubt. Aber das kann schon in kürzester Zeit ganz anders aussehen. „Vielleicht wird knöchelfrei von langen Socken konterkariert“, sagt der DMI-Experte. Damit würde also das Stückchen Haut zwischen Knöchel und Hose wieder bewusst bedeckt. Möglich ist alles. Schließlich waren früher auch die weißen Socken in Sandalen ein Graus und machten die deutschen Touristen schon von weitem erkennbar. Doch was machte die Modewelt vergangenes Jahr? Männermodels schwebten mit weißen Tennissocken in offenen Schuhen über den Laufsteg. Die verpönte Socke war damit wieder chic.

Ähnliches Phänomen bei den Anzugträgern. Um als hip und modern zu gelten, trägt der modebewusste Mann knallig-bunte Socken in den glatt polierten Lederschuhen. Gemustert oder geblümt – der kindlich anmutenden Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Vielleicht verdrängt auch dieser Trend das aktuelle knöchelfrei. Dann wäre dieser Look zumindest halbwegs wintertauglich und die Teenager müssten sich am Frühstückstisch nicht mehr rechtfertigen, warum sie im Winter nur mit Sneakers am Fuß leichtfertig eine Blasenentzündung riskieren. Aber etwas Positives hat der Knöchelfrei-Trend ja schließlich doch. Hochwasserhosen müssen jetzt nicht mehr aussortiert und auf dem Flohmarkt verkauft, sondern können ohne schlechtes Gewissen mit einem Turnschuh kombiniert werden – sind also gefragt statt überflüssig. Was passt, das wird immer wieder neu definiert.

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