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Tierwelt

23.12.2018

Nicht nur zu Weihnachten: Tiere machen sich Geschenke

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4 Bilder
Ein Eisvogel (Alcedo atthis) fängt einen Fisch aus einem Teich.
Bild: Pan Zhengguang/XinHua/dpa

Schöne Bescherung: Warum sich Eisvögel, aber auch Insekten mit kleinen oder größeren Aufmerksamkeiten bedenken.

Der Eisvogel (Alcedo atthis) ist ein wahrer Kavalier alter Schule: Nicht nur, dass er seiner Angebeteten mit stolz geschwellter Brust einen frisch gefangenen Fisch zum Geschenk macht, nein, beim Überreichen verbeugt er sich sogar noch vor ihr – Eisvögel können ja so romantisch sein.

Obwohl, so ganz ohne Hintergedanken macht der gefiederte Romeo sein Geschenk nicht. Er verfolgt bestimmte Absichten damit: Ein Schäferstündchen sollte dabei eigentlich schon rausspringen, sonst war die ganze Mühe ja schließlich umsonst. Das Kalkül geht in der Regel auch auf, und so ist der kleine bunte Eisvogel beileibe nicht der Einzige im Tierreich, der seine Liebste aus diesem Grund so reich beschenkt.

Ganz im Gegenteil sogar hat die animalische Schenkerei derart beeindruckende Ausmaße angenommen, dass der Evolutionsbiologe Prof. Dr. Klaus Reinhold von der Universität Bielefeld schätzt: „Allein rund fünf bis zehn Prozent aller Insekten machen sich Geschenke.“ Dabei kennt der Einfallsreichtum bei der Auswahl der Präsente kaum Grenzen: Es wird so ziemlich alles eingepackt, verschnürt und hoffnungsfroh überreicht, was ein Tierdamenherz auch nur im Entferntesten höher schlagen lassen könnte. Von der sorgsam verpackten Fruchtfliege über Fische bis hin zu Steinen ist alles im Angebot.

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Manchmal, ja manchmal mogeln die Herren der Schöpfung auch ein klein wenig und peppen ihr Präsent mit wertlosen Pflanzenteilen auf, ordentlich verpackt versteht sich, damit die Liebste den kleinen Betrug nicht sofort auf Anhieb bemerkt. In der Regel sind es die Weibchen, die beschenkt werden, und das aus gutem Grund. Reinhold geht davon aus, dass sich durch das Schenken der Paarungserfolg der Männchen verbessern lässt: „Die Attraktivität (der Männchen) wird erhöht, die Kopulationsdauer verlängert und sogar die Fruchtbarkeit der Weibchen sowie die Nährstoffversorgung der Nachkommen gesteigert.“

Kommt es zum Ehekrach, steht der Verlierer schon vorher fest

So kommt es, dass das vielleicht schönste Geschenk die Rollwespen (Tiphiidae) bekommen: Den flügellosen und flugunfähigen Weibchen wird ein ausgiebiger Freiflug mitsamt einem Candle-Light-Dinner spendiert. Die männlichen Tiere tragen die weiblichen von Blüte zu Blüte und lassen sie dort vom Nektar naschen. Klar, dass das mächtig Eindruck macht und die Attraktivität des kleinen Romeo erhöht. Das kann man sich sehr wohl vorstellen. Wie aber kann ein Geschenk das Schäferstündchen verlängern? Aufschluss bringt ein Blick in die Welt der Spinnen. Dort hängt nämlich nicht nur der Paarungserfolg, sondern auch das Leben der Männchen oft am seidenen Faden. Einige Spinnendamen sind wesentlich größer und kräftiger als ihre Partner und haben diese nicht nur im übertragenen Sinne zum Fressen gern.

Für viele Achtbeiner auf Freiersfüßen ist also äußerste Vorsicht angebracht, wollen sie sich ihrer Angebeteten erfolgreich nähern. Die Weibchen der Goldenen Seidenspinne (Nephila clavipes) etwa, die unter anderem in Costa Rica lebt, messen ganze vier Zentimeter an Körperlänge, und da sind die Beine noch nicht mitgemessen – bei den Männchen hingegen ist schon bei etwas über einem Zentimeter Schluss. Mit anderen Worten: Kommt es hier zum Ehekrach, steht der Verlierer schon von vornherein fest. So tut er dann auch gut daran, sich mit festgelegten Tanzritualen von einem etwaigen Beutetier möglichst deutlich abzugrenzen. Erst dann kann er sich halbwegs sicher doch noch in ihre acht Arme trauen. Das männliche Tier nähert sich dem weiblichen vorsichtshalber nur auf der gegenüberliegenden Seite des Netzes und durchbeißt den letzten Sicherheit gebenden Faden erst ganz zum Schluss, um auf die andere Netzseite zu gelangen. Versteht sie jetzt nämlich etwas falsch, ist es um ihn geschehen.

Manchmal nützt alles nichts

In dieser Situation wäre es nun doch überaus praktisch, wenn die Herzensdame abgelenkt wäre, beispielsweise durch ein Geschenk, das sie erst einmal auspacken und auffressen müsste. So ist auch genau das der Grund für die Freigiebigkeit der Männer. Ein gut geschnürtes Fresspaket, vielleicht eine leckere Fliege, soll die Gute möglichst lange beschäftigen und ablenken – so kann er das Schäferstündchen verlängern, ohne selbst gefressen zu werden. Gute Idee eigentlich. Doch die Sache hat einen Haken: Ist das überreichte Geschenk zu klein oder gefällt sonst irgendwie nicht so gut, kann der Holden auch schnell mal der Kragen platzen. „Größere Geschenke ermöglichen längere Paarungen“, sagt so auch der Biologe und Listspinnen-Experte Rainar Nitzsche.

Sein Lieblingsachtbeiner ist die Brautgeschenkspinne (Pisaura mirabilis) oder eben auch Listspinne, sie hat er in allen Lebenslagen unter die Lupe genommen und dabei festgestellt, dass „in die Geschenke manchmal auch Pflanzenteile hineingemogelt werden, um sie größer erscheinen zu lassen“. Nitzsche weiß, dass derart genarrte Weibchen durchaus mit Bissen ihrer Enttäuschung Luft machen, wenn auch nur ganz selten mit tödlichen. In diesen Auseinandersetzungen muss das Geschenk dann auch schon mal als Schutzschild herhalten. Manchmal nützt es aber alles nichts und er muss die Flucht vor dem rabiaten Weib ergreifen. Wenn es irgend geht, nimmt er sein Geschenk dann allerdings auch wieder mit.

Jeder einzelne Stein ist ein wertvolles Geschenk

Überhaupt hat sich das Schenken bei manchen Arten vollkommen verselbstständigt und ist zum reinen Ritual verkommen. So überreichen einige Tanzfliegen (Empididae) ihrer Angetrauten lediglich die Geschenkverpackung, ein Drüsensekretgespinst ohne Inhalt. Die Tanzfliegendamen stört das nicht weiter, anscheinend zählt nur die gut gemeinte Geste, meinen Biologen. Andere Tiere wiederum kümmern sich sehr liebevoll um ihre Partnerin, Kormoranmännchen (Phalacrocoracidae) etwa füttern ihre brütenden Weibchen regelmäßig mit allerlei Leckereien. Auch das geschieht nicht unbedingt nur aus reiner Liebe und völlig selbstlos, erleichtern sie doch dem Weibchen durch das Füttern das Brüten und fördern so indirekt auch ihre eigenen Nachkommen in den bebrüteten Eiern, letztendlich also die Weitergabe ihrer eigenen Gene.

Und genau diese Motivation haben auch die Männchen der Adelie-pinguine (Pygoscelis adeliae). Die Weibchen legen ihre Eier in ein Nest aus Steinen, um sie nicht auf den gefrorenen Boden legen zu müssen. Steine sind aber nun einmal in der Antarktis, der Heimat der Frackträger, ziemlich selten, und so ist jeder einzelne Stein ein wertvolles Geschenk, das gerne angenommen wird. Die Männchen vergrößern durch das Verschenken des außergewöhnlichen Nistmaterials ihrerseits die Chance, ihre eigenen Gene erfolgreich weitergeben zu können. Steine verschenkt auch der kleine, nur 40 Gramm leichte Trauersteinschmätzer (Oenanthe leucura) immer wieder gerne. Allerdings sind sie in seinen felsigen Brutgebieten keineswegs Mangelware, sondern liegen vielmehr überall in der Gegend im Überfluss herum. Warum aber schleppt dann das kleine Vögelchen über zehn Kilogramm davon in nur wenigen Tagen zusammen, um sie dann seiner Braut zu schenken?

Die Wissenschaft hat lange gerätselt, was es mit dieser Geschenkeflut auf sich hat. Heute gehen die Ornithologen davon aus, dass das Weibchen an der Menge und Größe der zusammengetragenen Steine die Stärke bzw. Fitness des Männchens und somit die Eignung zum Familienvater ablesen kann. Also mit anderen Worten: Je mehr wertvolle Steine sie geschenkt bekommt, desto toller findet sie ihn – ein bisschen so wie bei uns Menschen zur Weihnachtszeit, oder?

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