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23.12.2019

Noch ein Märchen! Köhlmeiers „Die Traurige“

Zeichnung: Nikolaus Heidelbach
Bild: Hanser Verlag

Für die Festtage und für Sie: Ein zweites Märchen von Michael Köhlmeier - illustriert von Nikolaus Heidelbach. Aber nicht unbedingt für Kinder! 

Es war einmal eine junge Frau, die wanderte über die Felder, und eines Tages klopfte sie an die Tür eines Bauern und fragte, ob er Arbeit für sie habe. Es war im Sommer, und im Sommer gibt es am Land immer viel zu tun, auf dem Feld wie im Haus. Auf dem Feld wird geschuftet, was Hunger macht, im Haus wird gekocht, damit am Abend der Hunger gestillt werden kann. „Du kannst in der Küche helfen“, sagte der Bauer.

Er fragte nicht, woher sie kommt, die junge Frau. Warum fragte er nicht? Er hat doch sonst immer gefragt. Man nimmt nicht jeden. Man will doch wissen, wo hat der oder die vorher gearbeitet, gibt es Zeugnisse, was hat der oder die gelernt. Der Bauer hat sich nicht einmal getraut zu fragen, wie sie heißt. Er hat nur gesagt, sie könne in der Küche arbeiten.

Der Grund war, weil sie so geschaut hat. Wie hat sie denn geschaut? So schräg nach unten. Und die Augenbrauen haben sich ein bisschen gehoben, wenn sie geredet hat. Viel gesagt hat sie ja nicht. Und leise hat sie gesprochen. Der Bauer fühlte in sich etwas, er wusste nicht, wie er es benennen könnte. Dieses Gefühl riet ihm, die junge Frau in die Küche zu begleiten – was nicht nötig gewesen wäre, er hätte ihr ja nur den Weg zu zeigen brauchen, so groß war das Haus nicht, dass sie sich darin hätte verlaufen können, und in der Küche waren seine Frau und seine Tochter und zwei Mägde, die genau wussten, wie eine Neue einzulernen war.

Noch ein Märchen! Köhlmeiers „Die Traurige“

„Das ist die Neue“, sagte er zu seiner Frau und zu seiner Tochter und zu den beiden Mägden, und seine Frau zog er beiseite und trug ihr auf: „Bitte, behalte sie im Auge, ich glaube, es geht ihr nicht gut.“

„Bin ich jetzt auch noch ein Doktor dazu?“, gab die Frau zurück. „Genügt es nicht, dass ich den Braten herrichte und die Kartoffeln und den Most vom Keller heraufhole?“

„Schau sie doch an!“, sagte der Bauer und öffnete die Tür ein wenig mehr.

„Schau sie doch an! Ich will ein guter Mensch sein und kein schlechter.“

Die Bäuerin sah die junge Frau, wie sie mitten in der Küche stand, den Blick leicht schräg nach unten, und sie war gerührt. „Ja, gut“, sagte sie, „ich will mich um sie kümmern, auch ich will ein guter Mensch sein und kein schlechter.“ Und bekam von ihrem Mann einen Kuss auf die Wange dafür.

Die Traurige machte ihre Arbeit, und sie machte ihre Arbeit gut, alle waren zufrieden mit ihr, und allen tat sie leid, eben weil sie so traurig war. Die Frauen in der Küche meinten, mit Zuwendung wäre vielleicht einiges zu richten, jede meinte das, die beiden Mägde, die Tochter und die Bauersfrau, jede wollte ihre Freundin sein, jede suchte die Nähe zu der Traurigen, und eine war eifersüchtig auf die andere.

Die eine Magd sagte, als sie einmal allein mit ihr war: „Sag doch, was kann ich tun, damit du nicht mehr so traurig bist!“

„Ach, das trau ich mich nicht zu sagen“, bekam sie zur Antwort.

„Aber warum denn nicht?“

„So halt nicht.“

„Bitte, bitte“, drängte die Magd und streichelte der Traurigen über die Haare.

„Ich müsste“, rückte die Traurige schließlich heraus, „ich müsste, ich müsste, ich müsste dringend einmal lachen.“

„Ja, das glaube ich auch. Was kann ich tun, damit du lachst?“

„Das trau ich mich eben nicht zu sagen.“

„Mir kannst du alles sagen. Alles. Ich verrat es niemandem.“

„Schwörst du es?“

Da lief es der Magd heiß durch die Adern. „Ich schwöre“, flüsterte sie.

„Gib Seifenpulver in das Kartoffelpüree“, sagte die Traurige.

Die Magd tat es, und am Abend mussten alle kotzen und noch einiges mehr. Die Traurige aber stieg in den Keller hinab, und dort hat sie gelacht, und einen Tag lang war sie nicht mehr traurig, hat nicht mehr schräg nach unten geblickt, nur einen einzigen Tag allerdings, dann war sie wieder traurig. Die Magd aber ist fristlos entlassen worden.

Dann kam die andere Magd und fragte: „Sag doch, was kann ich tun, damit du nicht mehr so traurig bist!“

„Das trau ich mich nicht zu sagen“, war wieder die Antwort der Traurigen, und nach langem Hin und Her rückte sie heraus, dass sie dringend einmal lachen sollte und dass sie nur lachen kann, wenn die Magd Rizinusöl in den Most gießt. Das hat die zweite Magd getan, und am Abend war das entsprechende Theater, und die Traurige stieg wieder in den Keller hinunter und lachte dort, und einen Tag lang war sie nicht mehr traurig und hat nicht mehr schräg nach unten geblickt, aber nur einen einzigen Tag lang. Auch diese Magd wurde entlassen.

Da kam die Tochter des Bauern, ein rundes, fröhliches Wesen, das von der Schlechtigkeit der Welt noch keinen Schimmer hatte, und fragte: „Was kann ich tun, damit du nicht mehr so traurig bist!“

Keine andere Antwort bekam sie als: „Das trau ich mich nicht zu sagen.“

„Aber ich bin deine Freundin.“

„Bist du das?“

„Ja, das bin ich ewig und immer.“

Diesmal begnügte sich die Traurige nicht mit Seifenpulver und Rizinusöl, diesmal musste es ein Feuer sein.

„Was für ein Feuer denn?“, fragte die Bauerstochter, die von Kopf bis Fuß in die Traurige verliebt war und alles für die Traurige tun wollte ewig und immer.

„Wirklich alles willst du für mich tun?“

Ganz heiß floss es durch die Adern der Bauerstochter. „Alles.“

„Dann zünd die Scheune an!“, befahl die Traurige. „Wenn die Scheune brennt, das gibt ein Feuer, bei dem ich lachen kann. Dann bin ich nicht mehr traurig.“

Da hat die Tochter Streichhölzer genommen und hat eine ganze Handvoll davon angerissen und hat sie in das trockene Heu in der Scheune gesteckt, und die Scheune hat gebrannt, wie sich keiner erinnern konnte, dass jemals eine Scheune gebrannt hatte. Und die Traurige hat diesmal ihr Kopfkissen mit hinunter in den Keller genommen und hat es sich vor den Mund gepresst, so laut musste sie lachen. Man hätte es sonst bis auf den Hof hinauf gehört, wo sich die Feuerwehrmänner abmühten, damit die Flammen nicht auf den Stall und das Bauernhaus übergriffen.

Nur einen einzigen Tag hat sich die Fröhlichkeit im Herzen der Traurigen halten können, dann war sie wieder traurig wie eh und je und hat nach schräg unten geschaut. Die Tochter aber ist weggeschickt worden, in die Stadt, wo eine Verwandte lebte, eine strenge Tante, die ein strenges Auge auf sie haben sollte.

Schließlich kam die Bauersfrau persönlich auf die Stube der Traurigen und sagte: „Sag doch, mein liebes, liebes, liebes Mädchen, sag mir doch, was kann ich tun, damit du nicht mehr so traurig bist!“

„Ich möchte auf dem Rappen reiten“, sagte die Traurige.

„Wenn es weiter nichts ist“, sagte die Bauersfrau.

„Aber ich möchte so lange auf dem Rappen reiten“, forderte die Traurige weiter, „bis er unter mir tot zusammenbricht.“

Der Rappen war das schönste Tier auf dem Hof, das schon so manchen Preis gewonnen hatte, und erst vor wenigen Tagen war dem Bauer die Idee gekommen, seine Wirtschaft auszubauen und eine Pferdezucht zu eröffnen, weil so viele Leute ihn schon gefragt hatten, ob es denn keine Nachkommen von dem Rappen gebe.

„Aber warum, liebes, liebes, liebes Mädchen“, fragte die Bauersfrau, „warum willst du so etwas Böses?“

„Weil ich böse bin“, war die Antwort.

„Ich dachte, du bist traurig.“

„Das denken alle“, sagte die Traurige, die wir von nun an die Böse nennen wollen.

„Das glaube ich nicht“, sagte die Bäuerin. „Ich weiß es besser. Ich weiß, dass du nicht böse bist. Ich weiß, dass du traurig bist. Und ich will alles tun, um dir zu helfen.“

Die Bäuerin glaubte nämlich, ihr allein kann es gelingen, die Böse zu erlösen. Dann, so dachte sie bei sich, dann werde dieses liebe Mädchen endlich erkennen, wer sie wirklich liebt, und dann wird alles gut werden. Also erlaubte sie der Bösen, den Rappen so lange zu reiten, bis er unter ihr tot zusammenbrach.

Diesmal stieg die Böse nicht in den Keller hinunter, diesmal lachte sie offen im Haus. So laut lachte sie, dass die Bauersfrau sich die Daumen in die Ohren drückte. Und als das nichts half, lief die Bauersfrau davon. Und als sie das Lachen auch auf dem Feld noch hörte, lief sie in den Wald. Der Wald aber war nicht dicht genug, und so lief sie weiter, lief an der Straße entlang, lief bis zur Stadt, mischte sich unter das Getümmel, fragte die Leute, ob sie auch das Gelächter hörten.

Was fehlt noch? Richtig: das Herz des Bauern.

„Deine Mägde hast du vom Hof geschickt“, sagte die Böse, „deine Tochter hast du verbannt, deine Frau ist dir davongelaufen. Nur ich bin noch da. Heirate mich!“

„Das will ich nicht tun“, sagte der Bauer.

„Dann werde ich weinen und nicht aufhören zu weinen“, sagte die Böse.

„Das halte ich aus“, sagte der Bauer.

Von nun an schaute die Böse noch steiler nach unten, und sie sprach noch leiser als zuvor, und ihre Augenbrauen zitterten noch erbärmlicher, und immer waren ihre Wangen feucht, weil Tränen aus ihren Augen rannen. Sie weinte am Tag, und sie weinte in der Nacht. Sie legte sich in der Nacht auf die Schwelle zum Schlafzimmer des Bauern, und am Tag, wann immer er sich umdrehte, stand sie da und blickte schräg nach unten, und ihre Schultern zitterten, und sie schluchzte.

Schließlich hielt es der Bauer nicht mehr aus. Er wollte ein guter Mensch sein und kein schlechter Mensch. Wer einen anderen Menschen zum Weinen bringt, ist aber ein schlechter Mensch.

„Ich bin kein schlechter Mensch“, rief der Bauer, „nein, das bin ich nicht, ein schlechter Mensch bin ich nicht!“

Er heiratete die Böse. Und er war unglücklich bis an sein Lebensende.

Entnommen aus

Michael Köhlmeier: „Die Märchen“, mit Illustrationen von Nikolaus HeidelbachHanser Verlag, 800 Seiten, 58 Euro

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