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Quarantäne-Tagebuch

01.12.2020

Quarantäne mit Kleinkind: So haben es eine Mutter und ein Vater erlebt

Hat die Kita wegen eines Corona-Falls zu, müssen sich viele Eltern plötzlich mit ihrem Kind in Quarantäne begeben.
Bild: Mascha Brichta, dpa (Symbolbild)

Plus Ein Kollege und eine Kollegin erzählen von Stress im Homeoffice, Infochaos im Gesundheitsamt, banges Warten aufs Test-Ergebnis - und die Rückkehr zur Normalität.

Ein Kollege und eine Kollegin erzählen von Stress im Homeoffice, Infochaos im Gesundheitsamt, banges Warten aufs Test-Ergebnis - und die Rückkehr zur Normalität.

Tag X: Die Nachricht

Der Vater schreibt: Okay, jetzt hat es uns auch erwischt. Ein anderes Kind in der Kindergartengruppe wurde positiv auf Covid-19 getestet. Wer ein bisschen aufmerksam Nachrichten liest, weiß, dass diese Konstellation zur neuen Realität von Eltern gehört. Die eigenen Kontakte sind zusammen geschnurrt wie ein Tischtennisball im Lagerfeuer. Die Kinder allerdings sollen ihr gewohntes soziales Umfeld so lange wie möglich behalten. Und dort treffen sie eben auf andere Kinder. Es gibt Studien, die besagen, dass sich Kinder offenbar nicht allzu häufig untereinander anstecken, trotzdem sind die Spielregeln klar: ist eines positiv, müssen alle in Quarantäne. Das Kind bleibt zuhause. Und jeder, der Kinder hat, weiß, dass Albert Einstein Recht hatte, als er sagte: Zeit ist relativ. Sie vergeht mal schneller - und sie vergeht mal langsamer.

Aber abgesehen von den Kaugummiartigkeit der Zeit in Zeiten einer Quarantäne stellt sich die Frage: Test – ja oder nein? Für uns war sofort klar, dass wir Klarheit wollen. Ist dieses Kind nun eine kleine Virenschleuder, oder hat das Virus einen Bogen um unsere Familie gemacht? Seit der Corona-Fall in der Kindergartengruppe bekannt ist, hat jeder Huster das Kopfkino in Gang gesetzt. Fühlt sich so Corona an? Ist das nicht ein leichter Halsschmerz? Läuft die Nase? Bin ich abends matter als sonst? Mir ist warm, habe ich Fieber? Aufmerksam wird die Liste der Symptome immer wieder studiert und schließlich auswendig gelernt. Objektiv betrachtet erfreuen wir uns alle bester Gesundheit. Aber wir müssen wissen, was Sache ist. Steckt uns das Teststäbchen in den Rachen. Sofort!

Online werden gleich für den nächsten Tag Termine ausgemacht. Dummerweise sind nur noch einzelne Slots frei. Ich bin gleich in der Früh dran, die anderen beiden erst am Nachmittag. Gut, dann bin ich eben das Versuchskaninchen, schau mir alles an und berichte dann zuhause.

Bis es Klarheit gibt, wird es ohnehin noch eine Weile dauern, denn die Labore arbeiten am Anschlag. Etwa drei Tage dauert es, bis das Ergebnis da ist. Eine lange Zeit der Ungewissheit. Denn es stellt sich natürlich auch die Frage, ob man nun alle Menschen, die man seit dem Fall im Kindergarten getroffen hat, informiert. Und damit möglicherweise in einen Erregungszustand versetzt, der nicht zu dem Geschehen passt. Glücklicherweise ist es momentan einfach, die Kontakte der vergangenen Tage nachzuvollziehen. Schnell sind alle ausfindig gemacht, mit denen man mehr als ein paar Sekunden im Vorbeigehen zusammen war. Eine schicke Whatsapp-Nachricht wird getippt, der Sachverhalt dargestellt und mit beruhigenden Worten darauf hingewiesen, dass es uns allen blendend geht.

Dann gibt es nur noch eine Aufgabe: Dem vierjährigen Kind erklären, dass es jetzt für einige Zeit zuhause bleiben muss. Das mit diesem Corona hat es schon längst verstanden. Kinder sind Pragmatiker und haben das Virus schnell in ihren Alltag integriert. Lässig winkt die Kleine ab, als sie erfährt, dass die ganze Kindergartengruppe erst einmal zuhause bleiben muss. Kein Problem. Denn: Kinder sind Opportunisten. Ob sie dann eine zusätzliche Folge Paw Patrol anschauen dürfe, wenn sie schon so lange zuhause bleiben müsse. Klingt fair, denken wir Eltern und schlagen ein. Die Quarantäne kann beginnen.

Tag X: Die Risikoeinschätzung

Die Mutter schreibt: Jetzt ist also das eingetreten, vor dem sich wohl alle Eltern dieses Jahr fürchten, vor dem sie hoffen, dass es ihrer Familie nicht passieren wird und mit dem die allermeisten dennoch rechnen: Das Corona-Virus hat das Umfeld unseres Kindes erreicht. Es hat einen Kindergartenfreund infiziert. Die Nachricht erreicht uns mittags per Mail von der Kita-Leitung. Mein erster Gedanke: Mist. Mein zweiter Gedanke: Die arme Familie. Mein dritter Gedanke: Seltsam, ich bin überrascht und nicht überrascht zugleich.

In den vergangenen Wochen waren die Einschläge bereits näher gekommen. Das Kind einer guten Freundin war in Quarantäne, weil ein Kind in seiner Klasse positiv getestet war. Das Nachbarskind einer befreundeten Familie war positiv. In unserer Kita gab es einen Verdachtfall, der sich zum Glück nicht bestätigt hatte. Und die Corona-Warn-App auf meinem Handy meldete mir für die vergangenen 14 Tage vier Begegnungen mit niedrigem Risiko. Das heißt, mir sind kurz und/oder auf genügend Abstand Menschen begegnet, die positiv getestet wurden. Hätten Kita-Kinder eine Corona-Warn-App, würde diese bei meinem Kind nun womöglich den Status rot anzeigen: erhöhtes Risiko.

Aus Datenschutzgründen wird der Name des positiv getesteten Kindes in der Gruppe nicht mitgeteilt. Im Kopf gehe ich wie automatisch alle Jungen und Mädchen durch, die in den letzten Tagen nicht da waren. Sind das die engsten Spielkameraden? Ich versuche das Risiko für unser Kind und unsere Familie weiter einzugrenzen. Ich habe keine Angst, dennoch schießt mir dauernd der Satz „Für kleine Kinder ist es nicht gefährlich“ durch den Kopf. Und ich denke an die jüngste Studie aus Großbritannien, die besagt, je jünger die Kinder desto geringer das Ansteckungsrisiko. Ich hole unser Kind aus der Kita ab, wir verlassen das Haus nicht mehr und buchen vorsichtshalber für den nächsten Tag gleich einen Familien-Slot im Testzentrum, schließlich wollen wir wissen, ob wir infiziert und ein Risiko für andere sind.

Ich versuche mir vorzustellen, wie es der betroffenen Familie nun geht. Zu wissen, dass ein gefürchtetes Virus das eigene Kind angesteckt hat, muss unerträglich sein. Hoffentlich geht es allen gut. Und hoffentlich fühlen sich die Eltern nicht schlecht, dass ihre Familie das Virus in die Gruppe transportiert hat. Das hätte schließlich jedem passieren können.

Gegen 16 Uhr bekommen wir wieder eine Nachricht von der Kita-Leitung: Das Gesundheitsamt hat sich noch nicht zurückgemeldet und auch noch keine Anweisungen gegeben. Vorsorglich wird die Gruppe geschlossen und in Quarantäne geschickt. Ich bin entspannt, habe gerade ohnehin Urlaub. Vorsichtshalber informiere ich schon einmal unser engstes Umfeld. Mein Mann und ich beschließen, unserem Kind aber erst am nächsten Tag zu sagen, was eigentlich los ist. Am Abend fällt mir auf, dass ich meinen Körper viel häufiger auf die typischen Symptome abchecke. Gibt es eigentlich sowas wie Placebo-Halsweh?

Tag 1: Der Test, Aaaaahhhh

Unsere Kollegen sind wie die Personen in diesem Auto ins Corona-Testzentrum der Stadt Augsburg am Messegelände gefahren.
Bild: Daniel Biskup (Archiv)


Der Vater schreibt: Der Test. Oft gesehen in den Nachrichten. Menschen in weißen Kitteln, hinter großen Masken verborgen, stecken anderen Menschen dünne Stäbchen in den Rachen. Gibt vermutlich angenehmeres. Aber muss eben sein. Nur: Wie erklärt man einem vierjährigen Kind, dass es brav den Mund aufmachen soll, während sich ein Wildfremder daran zu schaffen macht. Wir haben es mit Üben versucht. Mund weit aufreißen, Ahhhhhhhhhh sagen, und abwarten. Es wurde zu einem kleinen Spiel. Irgendeiner lief immer mit aufgerissenem Mund und laut Ahhhhhhhhh rufend durch die Wohnung.

Als erstes war ich an der Reihe. Leider hatten wir keinen gemeinsamen Slot für uns alle drei mehr bekommen, was aber an der Kurzfristigkeit unserer Suche lag. Einen Tag später hätte es zu fast allen Tageszeiten noch ausreichend freie Plätze gegeben. So aber musste ich als erstes zum Testzentrum an der Augsburger Messe fahren. Und war angenehm überrascht von der Professionalität und Geschwindigkeit, mit der die Mitarbeiter dort die Tests abwickeln. Alles ist bestens organisiert. Durch die Pflicht, im Vorfeld online einen Termin zu reservieren, gibt es (fast) keine Staus. An der ersten Station werden das Versichertenkärtchen registriert, die Identität kurz abgeklärt und der Barcode eingescannt, den man bei der Terminvergabe erhalten hat.

Dann kommt auch schon der Test selbst. Fenster runter, Mund auf, Ahhhhhhhh sagen, Stäbchen rein, kurz gewürgt und schon ist alles erledigt. „Einen schönen Tag noch“, flötet die junge Dame hinter ihrer Maske – das war's.

Zuhause wird alles ganz genau berichtet. Kinder hören aufmerksam zu, wenn es Spannendes zu berichten gibt. Leider ist diese Geschichte nicht besonders spannend. Das Stoff-Einhorn ist spannender. Das ändert aber nichts daran, dass Kinder (wie bereits erwähnt) Pragmatiker sind. Den Test spult sie routiniert ab. Was auch daran liegt, dass diesmal ein sehr netter Mann in dem weißen Kittel steckt, der alles ganz genau erklärt. Und auch daran, dass zuerst die Mama getestet wird. Aufmerksam wird alles beobachtet und als harmloser Vorgang eingestuft. Brav macht sie den Mund auf, sagt sehr laut „Ahhhhhhh“ und schon ist alles vorbei. Jetzt heißt es auf das Ergebnis warten.

Tag 1: Kaum Infos vom Gesundheitsamt

Die Mutter schreibt: Statt Morgenkreis um 9 Uhr gibt es ein Morgenfamilienkuscheln bis 10. Quarantäne hat nicht nur Nachteile. Als wir aufstehen, wundere ich mich, dass wir immer noch keine Nachricht vom Gesundheitsamt bekommen haben. Natürlich weiß ich um die Überlastung der Gesundheitsämter. Aber eine digitale Infobroschüre für Eltern kann auch automatisiert weitergeleitet werden. Warum dauert das so lange?, frage ich mich. Es ist ja nun nicht so, dass die Pandemie neu oder die 2. Welle überraschend aufgetreten ist.

Weil ich das Warten leid bin und endlich wissen will, was uns konkret erwartet, recherchiere ich schnell selber los. Ich google mich durch Internetseiten, rufe eine Freundin an, deren Grundschulkind in Quarantäne war und klicke mich durch zig Internetseiten. Ich wundere mich, wie unübersichtlich die Informationen auf der Homepage der Stadt Augsburg präsentiert und sortiert sind. Vergeblich suche ich eine Informationssammlung für Familien in Quarantäne. Man muss sich zeitaufwändig die Informationen aus zig Unterpunkten zusammensuchen, wird auf Seiten von Landesbehörden verlinkt, scrollt und scrollt, muss deuten und bekommt am Ende doch nicht alle Antworten. Ich frage mich: Was ist so schwer daran, dort ganz einfach die Frage zu beantworten: Mein Kind ist in Quarantäne, was gilt nun für die Familie aus Augsburg?

Gegen Mittag dann gibt’s Informationen vom Gesundheitsamt – weitergeleitet von der Kita-Leitung. Ich wundere mich schon wieder, und zwar nicht nur über die umständliche Sende- und komplizierte Ausdrucksweise. Ich wundere mich vor allem über den Inhalt:

  1. Ich war davon ausgegangen, dass für die Kita ähnliches gilt wie für eine Grundschulklasse: Ist ein Kind infiziert, wird die ganze Klasse in Quarantäne geschickt. Jetzt aber lese ich, dass das Gesundheitsamt die Kita-Gruppe teilt. Kinder, die an den letzten beiden Tagen, an denen das positiv getestete Kind noch die Kita besuchte, in der Gruppe fehlten, dürfen weiterhin die Kita besuchen. Alle anderen müssen nun eine Woche daheim bleiben. Die Woche, die seit dem Letztkontakt des Kindes mit der Gruppe bereits vergangen ist, wird schon als erste Quarantänewoche angerechnet. „Aber was, wenn in dieser Woche ein Kontakt-Kind einem Nicht-Kontakt-Kind das Virus übertragen hat?“, schießt es mir durch den Kopf.
  2. Weder in dem angehängten Brief des Gesundheitsamtes noch im angehängten Flyer des Robert-Koch-Instituts steht die wichtige Info, ob wir Eltern als Kontaktperson 2. Grades das Haus noch verlassen oder Geschwisterkinder andere Gruppen besuchen dürfen.
  3. Im Schreiben des Gesundheitsamtes steht außerdem, dass ein Corona-Test nach 5 bis 7 Tagen durchgeführt werden „soll“. Ich bin erstaunt über die schwammige Formulierung, habe aber keine Zeit mehr, mir über die vier Buchstaben groß Gedanken zu machen, weil wir ohnehin gleich zum Testzentrum und zuvor unser Kind noch behutsam informieren müssen, dass ein Spielkamerad infiziert ist.

Als wir vom Testzentrum zurückfahren, lese ich die Info der Kita-Leitung: Die häusliche Isolation gilt nicht für die Eltern der Kontaktpersonen 1. Grades und auch nicht für die Geschwisterkinder. Ich mache mir keine Sorgen, weil die Tests uns ja mehr Klarheit über das Infektionsgeschehen in der Gruppe geben werden. Später am Abend erfahre ich aber, dass manche Eltern das „soll“ eher als „kann“ denn als „muss“ auslegen und ihre Kinder nicht testen lassen wollen. Jetzt wundere ich mich zum vierten Mal an diesem Tag und bin zum ersten Mal auch etwas beunruhigt. Wenn sich nicht alle testen lassen, wäre es dann nicht doch sicherer für alle, wenn die gesamte Gruppe in Quarantäne geht? Und warum überhaupt setzt das Gesundheitsamt bei Kitas andere Regeln als bei Schulen an und macht den Kita-Leitungen so noch mehr Arbeit?

Tag 2: Diskussionen und Zimtschnecken

Zimtschnecken gegen Modalverbgrübeleien - hilft!
Bild: privat


Die Mutter schreibt: „Ich bin in Quarantäne, weil es Corona in meiner Kita-Gruppe gibt“, ruft mein Kind morgens der vorbeigehenden Nachbarin durch die offene Haustür zu. Klare Ansage. So eine würde ich mir auch vom Gesundheitsamt wünschen. Etwa: „Kontaktpersonen ersten Grades müssen getestet werden.“ Oder: „Die ganze Gruppe muss in Quarantäne.“ Stattdessen diskutiert die Kita-Familie über das Wörtchen „soll“ und dessen Bedeutung. „Muss“ oder „kann“? Verpflichtend oder freiwillig? Es gibt zwei Lager: Da sind die Eltern, die wissen möchten, ob ihr Kind ein Risiko für andere ist. Und die Eltern, die lieber die Testkapazitäten für andere offen halten möchten.

Die Kita-Leitung klärt etwas später auf: Ein negatives Testergebnis werde auch aus Rücksicht auf die Gemeinschaft von Kindern, Eltern, Team benötigt, „soll“ sei als „muss“ zu verstehen. Ein befreundeter Anwalt, den ich anrufe, bestätigt mir meine Vermutung: „Sollen heißt nicht müssen.“ Da ich aber zum Lager „Testen, Testen, Testen“ gehöre, halte ich lieber die Füße still und hoffe, dass möglichst viele Eltern in der Gruppe auf die Anweisung der Kita-Leitung hören und ihre Kinder zum Wohle aller in der Kita testen lassen. Mein Kind reißt mich aus der Modalverbengrübelei: „Kannst du mir Zimtschnecken backen, Mama?“ Da muss ich nicht lange überlegen. Unser Quarantäne-Motto: A cake a day keeps the doctor away.

Übrigens: Während dieser Text entsteht, hat die Redaktion bereits Klarheit organisiert und dem Referenten für Gesundheit der Stadt Augsburg einen Fragen-Katalog geschickt. Da viele Familien auf die Antworten warten, poste ich den Beitrag gleich auch hier (obwohl ich am wirklichen Quarantänetag nicht davon wusste). Mein Kollege hat es ja schon geschrieben: Zeit ist relativ in Quarantäne- und Corona-Zeiten.

Diese Regeln gelten für Familien in Quarantäne

Tag 2: Vierjährige sprengt Videokonferenzen

Tauchen Kinder in Videokonferenzen auf, sorgt das bei manchen Kollegen für Erheiterung - und manch einer blickt verstohlen zur Tür des eigenen Arbeitszimmers, weiß unser Kollege aus Erfahrung.
Bild: Stockadobe.com

Der Vater schreibt: Die Möglichkeiten der Digitalisierung sind Fluch und Segen zugleich. Wer seine Arbeit vor einem Computer erledigt, kann das inzwischen überall auf der Welt. Im Idealfall sitzt er dabei im Schatten einer Palme, während Meerwasser die Füße sanft umspült. Selbst eine Pandemie kann dem geneigten Arbeitnehmer nun nichts mehr anhaben. Schnappt er sich eben seinen Laptop und setzt sich aufs Sofa. Ein weiterer Vorteil: Bei Videokonferenzen mit den Chefs reicht es völlig, einen neutralen Pullover anzuziehen. Die Jogginghose eine Etage tiefer ist im Bild nicht zu sehen. So ungefähr stellt man sich ja auch den Tagesschau-Sprecher vor, der oben einen edlen Anzug und unten (vom Pult verdeckt) Bermudashorts trägt.

Das sind also die Vorzüge der Digitalisierung. Sie lassen sich unter dem Sammelbegriff Homeoffice zusammenfassen. In diesem segensreichen Zustand befinden sich seit einiger Zeit große Teile der Nicht-Körperlich-Arbeitenden. Und mit jedem Lockdown werden es mehr. Der Haken an der ganzen Sache sind kleine Kinder. Denn die haben eher wenig Verständnis für Homeoffice. Die wollen beschäftigt werden.

Also lavieren sich gerade bundesweit hunderttausende Eltern durch die Quarantänen ihrer Kinder, die gerade nicht in den Kindergarten oder in die Schule dürfen. Da wird frühmorgens auf Zehenspitzen ins Arbeitszimmer geschlichen, der Rechner gestartet und der erste Schwung weggearbeitet, ehe das Kind zum ersten Mal sein Haupt aus den weichen Kissen erhebt. Es werden komplexe Schichtmodelle entwickelt, die mindestens 18 Stunden des Tages abdecken. Während Mama arbeitet, kümmert sich Papa um den Nachwuchs. Und umgekehrt. Und umgekehrt. Dazwischen hastig zu Mittag gegessen. Und so weiter und so fort.

Bei uns ist das nicht anders. Meistens funktioniert das Schichtmodell gut. Flexibilität wird groß geschrieben. Man trifft sich an der Kaffeemaschine. Kurz durchschnaufen. Dann geht’s weiter. Der eine baut Legotürme und sortiert Bügelperlen nach Farben, die andere bearbeitet komplexe mathematische Formeln. Kleinere Probleme treten immer nur dann auf, wenn das Kind spontan Kontakt zu dem gerade arbeitenden Elternteil aufnehmen will. Diverse Videokonferenzen wurden bei uns in den vergangenen Tagen von einer Vierjährigen gesprengt. Gerne auch Rotz und Wasser heulend, weil irgendwas furchtbar Tragisches passiert und sofortige körperliche Nähe nötig ist. Auf dem Bildschirm sind dann jede Menge Gesichter zu sehen, die verständnisvoll lächeln und verstohlen zur Türe des eigenen Arbeitszimmers blicken.

Manchmal aber stößt auch das ausgefuchsteste Schichtmodell an seine Grenzen: Wenn beide Eltern unaufschiebbare Termine haben. In ihrer Not greifen dann selbst die ambitioniertesten Hobbypädagogen zu sehr unpädagogischen Methoden: Sie setzen das Kind vor den Fernseher. Natürlich sind dort nur kindgerechte, pädagogisch wertvolle Dinge zu sehen. Trotzdem ist das Gewissen gebührend schlecht. Noch dazu, wenn einer der netten Kollegen in der unaufschiebbaren Videokonferenz per unauffälliger Whatsapp darauf hinweist, dass die Kindersendung im Hintergrund deutlich zu hören ist. Sofortiger Umzug ins Kinderzimmer. Im Hintergrund türmen sich Stofftiere, an den Wänden hängen Einhornbilder. Egal, es ist Lockdown.

Es könnte alles noch viel schlimmer sein. Man stelle sich eine sechsköpfige Familie vor. Die Kinder gehen teilweise schon in die Schule und werden per Homeschooling unterrichtet. Die Komplexität der dafür nötigen Schichtmodelle ist nur zu erahnen. Ganz abgesehen von der nervlichen Belastung für alle Beteiligten. Eltern, deren Kinderanzahl größer Eins ist, sei an dieser Stelle gesagt: Sie haben meinen allergrößten Respekt! In diesen Zeiten sind Kreativität und Coolness die zwei wichtigsten Eigenschaften, um einigermaßen durchzukommen. Und das wichtigste: Jede Quarantäne endet einmal. An anderer Stelle war in diesem Blog schon einmal die Rede von Albert Einstein und seiner Relativitätstheorie. Er hat klugerweise darauf hingewiesen, dass Zeit unterschiedlich schnell vergeht. Zwei Wochen Quarantäne sind im persönlichen Empfinden gleichzusetzen mit einem sechswöchigen Karibikurlaub. Nur der Erholungseffekt ist ein anderer.

Tag 3: Das Ergebnis ist da

Über die Corona-App ruft unsere Kollegin das Testergebnis ab.
Bild:  Kappeler, dpa

Die Mutter schreibt: Langsam müsste das Testergebnis da sein. Morgens nach dem Aufstehen gleich die Corona-App gecheckt, die das Ergebnis anzeigen wird. Nichts. Nach dem Frühstück dann nochmal: Nichts. Am Mittag dann spuckt mir die App die erhofften sieben Buchstaben aus: negativ. Ich gebe die anderen Zahlenkombinationen ein, die wir im Testzentrum bekommen haben. Auch alle negativ. Bei uns dreien wurde kein Virus im Rachen festgestellt. Das heißt zwar über einer Woche nach Erstkontakt noch nicht 100-prozentige Entwarnung, fühlt sich aber gut an. Großes Lob an dieser Stelle an alle am Test Beteiligten. Trotz zweiter Welle binnen 48 Stunden ein Ergebnis zu präsentieren, wirklich tolle Arbeit. Danke!

Der Knall des Steins, der mir von der Schulter gefallen ist, müsste auch in Ulm gehört worden sein. Mindestens. Ich informiere sofort die Nachbarn und die engsten Freunde, meinen Chef und die Personalabteilung. Mein Mann traut sich nun auch wieder aus dem Haus, um schnell ein paar Lebensmittel zu kaufen. Vorsichtshalber aber doch lieber nicht zur Stoßzeit im Supermarkt.

Zugegeben, ich hatte mir während der Wartezeit schon ausgemalt, was ein positives Ergebnis bedeuten würde. Verdammt viel Action. Kontakte aufschreiben, dem Gesundheitsamt zur Rückverfolgung nennen, Menschen über ein von uns verursachtes Ansteckungsrisiko informieren. Und doch ist dieses Procedere so wichtig, weil wir im Moment nur so das Virus an der Weiterverbreitung hindern können. Es gibt aber leider auch Menschen, die diese Information lieber nicht haben möchten. „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ lautet zurzeit vielmehr „Was ich nicht weiß, macht mir und anderen keine Arbeit“. Dieses Denken ist in Pandemiezeiten wirklich fatal. Aber leider keine Seltenheit. Eltern aus dem Bekanntenkreis, deren Kind in Quarantäne war, wurden allen ernstes von einer anderen Familie gebeten, diese im Falle eines positiven Corona-Tests nicht als Kontakt zu melden - weil sie keine Lust auf die dadurch bedingten 14-tägigen Einschränkungen hat. Dieser Egoismus ist das Gegenteil von Eigenverantwortung, die unsere Gesellschaft gerade in diesen Zeiten so sehr braucht.

Aber zum Glück sind wir ja alle negativ getestet. Und wie sagen wir es nun in der Kita, ohne dass da blöde Stimmung aufkommt? Eine Familie hatte in der WhatsApp-Gruppe gepostet, dass ihr Ergebnis auch negativ ist. Mich hat das beruhigt, ich fand diese Info gut und wichtig. Danke! Aber sie wurde wieder gelöscht, möglicherweise fühlen sich andere dadurch unter Test-Druck gesetzt. Also informiere ich einfach nur schnell die Kita-Leitung und die Eltern der engsten Kita-Freunde meines Kindes. Ich meine, ich habe da aus dem Stadtgebiet und dem Landkreis noch ein paar Knalle der Erleichterung gehört.

Tag 3: "Negativ" ändert aber nichts

Der Vater schreibt: Das Warten beginnt. Die Dame im Testzentrum sagte, dass es im Schnitt drei Tage dauert, bis das Ergebnis da ist. Die Labore arbeiten seit Wochen am Anschlag. Wer sich im Sommer, also vor der zweiten Welle, testen ließ, konnte oft schon nach 24 Stunden sehen, ob er negativ war. Jetzt also drei Tage. Viel Zeit, um sich Gedanken machen zu können. Was, wenn der Test bei einem von uns wider Erwarten doch positiv ist? War das leichte Kratzen im Hals vielleicht doch ein Anzeichen für eine Corona-Erkrankung? Muss sich der Infizierte zwei Wochen in der Abstellkammer einsperren? Essen und Trinken wird nur noch vor der Türe abgestellt? Und die Krankheit selbst. Gehören wir zu den Glücklichen, die es ohne Symptome und Spätfolgen überstehen? Haben wir im schlimmsten Fall das Virus weiter gegeben?

Vieles davon ist absurd, klar. Aber wer viel Zeit zum Grübeln hat, kommt auf die wildesten Gedanken. Ablenkung ist genauso rar wie willkommen. Sitzen ja alle brav zuhause in der Wohnung herum. Am entspanntesten ist das Kind. Fast scheint es so, als genieße die Kleine die Zeit, in der sich alles um sie dreht. Wir Eltern planen den kompletten Tagesablauf um ihre Bedürfnisse herum. Natürlich quietscht und knarzt es bisweilen. Kinder brauchen Auslauf, auch wenn sie das selbst etwas anders sehen. Kinder beginnen jeden Tag mit einem absurd hohen Energielevel. Und ist das bis zum Abend nicht einigermaßen abgebaut, wird es schwierig. Denn dann ist der Geist längst schon müde, während der Körper noch rennen will. Das eine ungünstige Konstellation zu nennen ist eine freche Untertreibung.

Das Ergebnis ist ein sich immer weiter nach hinten verschiebender Feierabend für uns Eltern. Spätabendlich tigert das Kind noch übellaunig durch die Wohnung. Spätestens nach dem dritten Versuch, es zum Schlafen zu bringen, sind alle übellaunig.

Dann. Endlich: das erste Ergebnis ist da. Die Tochter ist negativ. Sehr gut, denn sie war es ja, die uns allen das Durcheinander eingebrockt hat. Kurz darauf blinkt es auch bei Muttern grün auf dem Handy, wenige Stunden später bei mir. Die Erleichterung ist nicht so groß, wie es die Befürchtungen hätten erwarten lassen. War doch klar, sagt die Vernunft jetzt auf einmal sehr laut. Die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung war minimal.

Bleibt die Frage, was dieser Test an der Situation ändert? Um es kurz machen: nichts. Das Kind muss die komplette Zeit in Quarantäne bleiben – negativer Test hin oder her. Unwillkürlich drängt sich die Frage nach dem Warum auf. Eine kurze Recherche im Internet zeigt, dass es dort sehr viel Meinung und nicht ganz so viel Ahnung gibt. Das Gesundheitsamt dagegen war sehr klar in seiner Ansage: Das Kind bleibt zuhause, auch wenn der Test negativ ist. Schade eigentlich.

Tag 4: Geheimwaffe Bügelperlen

Bügelperlen haben sich als Quarantäne-Geheimwaffe erwiesen, hat unser Kollege festgestellt. Vater und Tochter waren tiefenentspannt.
Bild: Stockadobe.com

Der Vater schreibt: Da sitzen wir also. Vor uns zwei große Gläser Bügelperlen. Auf Spotify läuft die Playlist „Kinderlieder zum Mitsingen – Die 100 Besten“. Diese Quarantäne kann uns gar nix. Wir sind gewappnet.

„Was schwimmt denn da, was schwimmt denn da? Ein Krokodil aus Afrika. Macht das Maul weit auf. Macht das Maul wieder zu. Will fressen einen kleinen Kakadu.“

Bügelperlen haben sich schnell als eines der besten Mittel gegen Langeweile erwiesen. Vermutlich funktioniert das nicht mit jedem Kind. Aber bei unserem entfaltet das Legen von endlos vielen Mustern eine extrem beruhigende Wirkung. Dafür muss allerdings der Rahmen stimmen. Die eingangs erwähnte Musik ist wichtig, sehr wichtig. Da wimmelt es nur so vor Krokodilen, Einhörnern, Papageien, Igeln und Fischen. Textsicher trällert die Vierjährige viele der Lieder mit, während sie mantraartig kleine bunte Plastikröhrchen auf noch kleinere Stäbchen pfriemelt, die auf Scheiben in Herz- oder Sternform angeordnet sind.

Meine Rolle in dem Zeitvertreib ist zwar wichtig, aber übersichtlich. Ich sortiere aus dem riesigen Haufen Bügelperlen die gewünschten Farben in der gewünschten Anzahl heraus.

Kind: „Jetzt brauche ich Lila.“ (Blickt dabei nicht auf)

Vater: „Kommt sofort.“ (Schüttet eine Handvoll Bügelperlen auf den Tisch und beginnt darin herumzuwühlen)

Kind: „Viele bitte.“ (Blickt nicht auf)

Vater: „Bitteschön.“ (Schiebt ein halbes Dutzend lilafarbene Bügelperlen in das Sichtfeld des Kindes)

Kind: Schweigt und verarbeitet die gelieferten Bügelperlen.

Vater: Will sich einen Tee machen.

Kind: „Ich habe auch Durst.“ (Blickt nicht auf)

Vater: „Dein Glas steht gut gefüllt neben dir auf dem Tisch.“

Kind: Trinkt. (Hebt dazu für drei Sekunden den Kopf) Dann: „Jetzt brauche ich Rosa.“ (Blickt nicht auf)

Vater: „Okay, kommt sofort.“

Kind: „Ich muss Pippi.“ (Rennt aus dem Wohnzimmer)

Ich trage eine Armbanduhr, die den Puls misst. Mein Herz schlägt während des Sortierens von Bügelperlen in etwa so oft wie nachts im Schlaf. Totale Entspannung.

Und ganz nebenbei entstehen zeitlose Kunstwerke. Ist eine der Vorlagen fertig belegt, kommt sie zu den anderen Kunstwerken auf eine Kommode. Dort wartet sie dann darauf, von mütterlichen Händen gebügelt zu werden. Die Hitze des Bügeleisens verschmilzt die kleinen Plastikteilchen zu einer festen Scheibe. Inzwischen liegen Dutzende der kleinen Kunstwerke im Kinderzimmer.

Man wollte an dieser Stelle sagen, dass sie dort einen Ehrenplatz erhalten. Dass sie liebevoll betrachtet werden. Dass sich die Menschen an ihrer Schönheit erfreuen. Doch leider ist das nicht so. Sie verschwinden in einer Kiste. Es geht um das Erschaffen, nicht um das Sein. Soll uns Recht sein. Das Erschaffen nimmt Zeit von der Uhr. Und es entspannt. Herrlich, diese Quarantäne.

„Doch der König sagt nein, nein. Krokodil das darf nicht sein. Sonst sperr ich dich in einen Käfig ein. Da weint das Krokodil und schwimmt zurück zum Nil. Macht das Maul weit auf. Macht das Maul wieder zu und lässt den kleinen Kakadu in Ruh.“

Tag 4: Regelbruch und tolle Menschen

Vater und Sohn spielen Fußball im Garten - eigentlich ist das in Quarantäne nicht erlaubt. Die Familie unserer Kollegin hat's trotzdem gemacht.
Bild: Stockadobe.com


Die Mutter schreibt: Die Quarantäne fühlt sich für uns als Familie härter als der Lockdown im Frühjahr an. Nun dürfen wir nicht mehr gemeinsam das Haus verlassen. Draußen ist schönes Wetter, wir würden am liebsten in den Wald gehen, aber verboten. Theoretisch dürfen wir nicht einmal gemeinsam mit unserer kleinen Kontaktperson 1. Grades (kurz: KP1) in den Garten gehen (das darf eine KP1 offiziell nur alleine) und mit ihr Fußball spielen. Aber nachdem für Familien mit kleinen Kindern ohnehin klar ist, dass Quarantäne ohne Kuscheln und mit Abstand nicht funktioniert, das Ansteckungsrisiko also im Haus für uns KP2 viel größer ist, setzen wir Eltern uns über diese Regel hinweg.

Beim Kicken überfällt mich dann eine riesige Dankbarkeit, dass wir überhaupt einen Garten und einen kleinen Hof haben. Das macht die Quarantäne etwas einfacher, unser Kind hat dadurch nicht das Gefühl, im Zuhause-Gefängnis zu sein. Ich blicke rüber zum Hotelturm und hoffe, dass dort kein Kind lebt, das in Quarantäne muss. Zwei Wochen nur auf dem Balkon frische Luft schnappen zu dürfen, furchtbar. Die Familien, die mit solchen Quarantänebedingungen klarkommen müssen, tun mir leid. Auch wenn ich weiß, dass es unvernünftig und de facto verboten ist: Ich kann Eltern verstehen, die dann einfach ihr Kind schnappen und mit ihm abends durch die leere Straße Laterne gehen. Oder die es ins Auto setzen und mit ihm zu einer leeren Wiese fahren. Solange sie niemandem begegnen, gefährden sie auch niemanden. Und sollte doch jemand auftauchen, kann man der Person ja auch aus dem Weg gehen. Bewegung und frische Luft sind auch wichtig, besonders für Kinder. Und ein Spaziergang durchs Unterholz tut nachgewiesenermaßen der Psyche gut – die will schließlich auch gepflegt werden in diesen Tagen, in denen der Fokus so sehr auf der physischen Gesundheit liegt.

Balsam für die Seele sind dann auch tolle Mitmenschen. Unsere Nachbarn etwa sind in diesen wilden Zeiten wirklich ein besonderer Segen. Während des Lockdowns im Frühjahr hatten wir ab und zu einen Fenster-Apero - jeder brachte sich ein eigenes Getränk mit, die einen waren drinnen und die anderen draußen, man hat auf Abstand geratscht und ein Stückchen Normalität genossen. Nun sind sie auch unsere Quarantäne-Komplizen. Wenn mein Kind Fahrradfahren möchte, gebe ich ihnen einfach kurz per Gruppen-WhatsApp bescheid, dass es draußen im gemeinsamen Hof seine Runden dreht – sie ermöglichen ihm das, indem sie einfach so lange im Haus bleiben. Mehr noch: Sie fragen täglich nach, ob wir etwas brauchen, ob sie uns etwas vom Einkaufen mitbringen können. An dieser Stelle: Unendlich großes Danke C, B, F und R!

Und sie sind nicht die einzigen. Zwei Mütter aus der Kita, deren Kinder in eine Gruppe gehen, bieten sofort ihre Hilfe an. „Braucht ihr was?“ Eine liebe Freundin hängt uns Laternenbastelmaterial an die Tür, weil die eigentliche Laterne ja in der Kita ist und wir sie nicht holen dürfen. „Ich habe euch noch einen elektrischen Stab dazugelegt, dann könnt ihr im Haus treppauf, treppab Laternelaufen.“ Zugegeben: Da war ich so gerührt, dass ich einen Kloß im Hals hatte und leicht feuchte Augen.

Tag 5: Leben in einer Blase

Teilnehmer stehen am 18. November bei einer Demonstration gegen die Corona-Einschränkungen der Bundesregierung vor dem Brandenburger Tor. Viele von ihnen ohne Maske. Solche Bilder haben unsere Kollegin in Quarantäne fassungslos gemacht.
Bild: Christoph Soeder/dpa

Die Mutter schreibt: Quarantäne fühlt ich ein wenig wie eine Blase an, in der wir uns befinden. Wir treffen niemanden, wir kommunizieren per Telefon, offenem Fenster und digital mit unseren Mitmenschen. Wenn die Störgeräusche und die Abwechslung des Alltags fehlen, verändert sich plötzlich auch der Fokus auf die Nachrichten, die uns von draußen erreichen. Vor der Quarantäne habe ich die Massenaufmärsche der Coronaleugner schon als epidemiologischen Wahnsinn wahrgenommen, nun, aus der Quarantäne heraus betrachtet, bin ich fassungslos angesichts der Bilder im Fernsehen. Meine Familie versucht, indem wir unseren normalen Alltag komplett auf Eis legen, einen kleinen, wichtigen Beitrag zu leisten, dass sich das Virus nicht noch weiter ausbreiten kann – und dann sehen wir via TV tausenden Menschen dabei zu, dass sie dicht an dicht stehen, einige nicht einmal Mundschutz tragen und auch noch laut krakeelen. Ein Fest für das Virus.

Haben diese Menschen keine alten Eltern? Kennen sie keine Risikopatienten oder Schwangeren? Oder ist ihnen schlichtweg egal, dass durch ihr Handeln andere in Gefahr gebracht werden? Solche Fragen schießen mir beim Anblick dieser Bilder durch den Kopf. Und auch der Gedanke, dass ich auf der anderen Seite froh bin, dass in Pandemiezeiten die freie Meinungsäußerung weiter erlaubt ist und Demonstrationen gestattet sind. Wo ist aber das Problem, sich dabei einfach an die AHA-Regeln zu halten?

Ich schalte den Fernseher ab und schließe somit ein Nachrichten-Fenster zu unserer Blase. Ist besser für die Stimmung im Haus. Eine Freundin, die nicht in Quarantäne ist, hat ihrer Familie von Freitag bis Sonntag sogar coronanachrichtenfrei verordnet, weil sie dann besser schläft. Ich kann sie so gut verstehen.

Wir basteln, backen, malen, telefonieren. Und freuen uns wieder über die schönen Geschichten, die uns zwischendurch erreichen, von Menschen, die nicht Dienst nach Vorschrift machen. Zum Beispiel die von einer Grundschullehrerin aus Augsburg, die wie ihre Grundschulklasse in Quarantäne war und das Haus nicht mehr verlassen durfte. Damit kein Kind ihrer Klasse abgehängt wird und alle die Hausaufgaben bekommen, fuhren ihr Mann und Sohn die Unterrichtsmaterialien aus.

Im E-Mail-Postfach ist plötzlich die Mail der Erzieherinnen unseres Kindes, die ebenfalls eine Zwangspause einlegen müssen: Sie haben für die Quarantäne-Kinder den Morgenkreis digitalisiert und uns Eltern geschickt. Die eine hat die Morgenkreislieder gesungen und mit der Gitarre eingespielt, die andere ein St. Martin-Flöten-Rätsel-Video aufgenommen und die dritte eine St. Martins-Geschichte eingelesen und mit Bildern der Kinder gespickt. Leider war das Handy gerade mit Abspielen beschäftigt, sodass ich damit kein Bild von meinem strahlenden Kind machen und zurückmailen konnte. Ein dickes Danke habe ich ihnen aber digital geschickt - aus der einen Blase in die anderen Blasen.

Tag 5: Digitale Kontakte

Der Vater schreibt: Soziale Kontakte sind wichtig, auch und gerade für Kinder. Aber sie werden in Corona-Zeiten massiv beschnitten. Das ist natürlich gut und richtig, wenn es darum geht, das Virus auszubremsen. Aber es hat Folgen für die Entwicklung eines Kindes. Das lässt sich nicht messen und in Zahlen fassen. Sicher ist nur, dass es nicht spurlos an Kindern vorüber geht, wenn sie länger keinen Kontakt zu ihren gleichaltrigen Freunden haben. Das haben wir vor allem während des ersten Lockdowns gemerkt. Es lässt sich schwer in Worte fassen woran. Es fehlte eine Art von Ausgeglichenheit. Unser Kind hat sich stark auf uns konzentriert und wurde immer anhänglicher. Es fehlte das Zusammenspiel der Gruppe. Mein, dein, sein regelt sich dort automatisch.

Zum Glück ist die Quarantäne diesmal sehr viel kürzer. Und doch versuchen wir mit Hilfe moderner Technik den Kontakt zu den Freunden nicht abreißen zu lassen. Also scharen wir uns regelmäßig um das Tablet und starten Videoanrufe. Jedes Mal wieder stellen wir dabei fest, dass Kindergartenkinder nicht besonders gut dafür geeignet sind, ruhig vor einem Bildschirm zu sitzen und Konversation zu betreiben. Videoanrufe enden meistens damit, dass die Kinder, um die es doch eigentlich gehen sollte, irgendwo in der Wohnung herum flitzen, während die Eltern sich unterhalten.

Das ist auch schön. Man kann sich so wunderbar über die Erschwernisse des Lebens in Zeiten von Corona austauschen. Aber eigentlich geht es am Sinn der Sache meilenweit vorbei. Doch Kinder wollen sich bewegen (außer sie beschäftigen sich gerade mit Bügelperlen), sind hibbelig und neugierig. Ruhig vor dem Bildschirm sitzen können Erwachsene deutlich besser.

Das Einzige was einigermaßen funktioniert ist Bewegungstherapie unter Anleitung aus dem Internet. Empfehlenswert ist zum Beispiel das, was die Basketballabteilung von Alba Berlin anbietet. Das hat schon im ersten Lockdown funktioniert. Einfach mal googeln.

Allerdings gilt auch dort, dass die Aufmerksamkeitsspanne deutlich kürzer ist als erhofft. Spätestens nach zehn Minuten zeigen sich erste Abnutzungserscheinungen an der Konzentration. Und nicht selten enden diese Online-Sportstunden damit, dass ich verschwitzt vor dem Fernseher sitze - und das Kind entspannt auf dem Sofa.

Tag 6: Zwischen Bügelperlen und Neinhorn

Der Vater schreibt: Und täglich grüßt das Murmeltier. In unserem Fall ist es nur etwas weniger behaart und kann sich ziemlich gut artikulieren. Wenn ein vierjähriges Kind in den Tag startet, dann gibt es nur zwei Stufen. Erst Schlaf, dann Vollgas. Der Übergang zwischen den beiden Stadien ist für das menschliche Auge nicht zu erkennen. Dazu kommt die bewundernswerte Eigenschaft von Kindern, im Hier und Heute zu leben. Weder Gestern noch Morgen interessieren. Das ist gut, wenn Kinder in Quarantäne sind. Denn dann haben sie vergessen, dass der gestrige Tag schon ziemliche Längen hatte gegen Ende. Und sie denken noch nicht darüber nach, dass der heutige Tag vermutlich ganz ähnlich ablaufen wird.

Dazu kommt, dass Kinder zwar neugierig sind, im Grunde ihres Herzens aber doch Gewohnheitstiere. Voller Begeisterung wird Neues ausprobiert – und genauso schnell als zu langweilig, zu anstrengend zu irgendwas abgestempelt. Der Versuch, einen Putztag als spannendes Projekt zu verkaufen wird nicht erfolgreich sein. Versprochen. Am Ende landen wir regelmäßig bei den heiß geliebten Bügelperlen. Im Hintergrund laufen die 100 Kinderlieder zum Mitsingen, Sie erinnern sich.

Immerhin erfreut sich ein Klassiker ungebrochener Beliebtheit: Das Vorlesen von Kinderbüchern. Wir haben in der Stadtbücherei mal wieder einen Schwung ausgeliehen und das Kind liebt jedes Einzelne. Am meisten natürlich jene, die mit Einhörnern zu tun haben. Mein absoluter Favorit: Das Neinhorn. Dieses liebenswerte kleine Exemplar (Nein!) geht zusammen mit dem Wasbär (Was?) und dem Nahund (Na und?) auf Wanderschaft und rettet die Königsdochter (Doch!) aus dem Gefängnis.

Ein absolut herrliches Kinderbuch, dass sich großartig vorlesen lässt. Da stört es auch nicht, dass unser Kind sich selten mit dem einmaligen Vortragen eines Buches zufrieden gibt. Und wehe, man lasse beim fünften Mal ein paar Sätze weg um die Sache ein bisschen zu beschleunigen. Das Versäumnis wird sofort mit strenger Stimme gerügt. Widerspruch ist zwecklos. Im Fall des Neinhorns ist das aber okay. Es bietet auch für Erwachsene jede Menge Wortwitz, der einem selbst bei x-sten Vorlesen noch ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert.

Tag 6: A cake a day keeps the doctor away

Es geht doch nichts über ein Frosting in Quarantäne, meint unsere Kollegin. Sie gibt aber zu: So hübsch, wie auf dem Bild, bekommt sie es noch nicht hin.
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Die Mutter schreibt: Schon komisch: In Quarantänezeiten bekommt man eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Dass Backen und Corona etwas verbindet, wäre mir zuvor nicht im Traum eingefallen. Mit der Zubereitung von Teigen habe ich meine kleinen grauen Zellen bisher nicht übermäßig beschäftigt.

Ich hasse Backen. Das liegt daran, weil ich es nicht besonders gut kann. Und das wiederum daran, dass Backen zu viel mit Regeln zu tun hat und man im Vergleich zum Kochen wesentlich weniger Freiheiten hat. Wer sich nicht an die Regeln hält, wer keine Lust auf Rezepte hat, der erleidet Backformbruch. Die Verhältnisse der Zutaten müssen stimmen, der Backofen macht ohnehin, was er will, und wehe, man vergisst das Backpulver (oder das Lockdown-Gold namens Hefe). Dann wird aus dem als fluffig geplanten Backwerk nur ein zäher Batz. Und im Gegensatz zum Kochen kann man ein Missgeschick im Backofen nicht mehr korrigieren. Improvisieren ist am Herd jedenfalls leichter als bei der Teig-Chemie.

Vielleicht habe ich sogar ein Trauma: Jedes Mal, wenn ich eine Backpulvertüte aufreiße, muss ich an einen Schulausflug in der 9. Klasse in die Schlittschuhhalle denken. Mitschüler Jens und ich sollten jeweils einen Guglhupf mitbringen. Jens hat Mama backen lassen, ich habe selber gemischt, aber leider, leider, das Natriumhydrogencarbonat vergessen. Des Kuchens Kern war schön feucht, aber völlig zäh. Keiner wollte ihn essen. Tja, kein Wunder, dass ich Backen hasse, oder?

Weil man ganz ohne das Backen in einer Familie nicht auskommt, habe ich meinen Lieben immer nur die gleichen fünf Rezepte zusammengemixt. Die nämlich, die ich todsicher kann. Allerdings reichte mein kleines Repertoire nicht für eine Quarantäne, nicht einmal für eine verkürzte. Weil Backen aber auch so etwas wie Geborgenheit zum Essen und ein Fest für die Nase ist, kann ich mein Kind verstehen, dass es sich nun täglich etwas Frischgebackenes wünscht. Wenn ich ihm schon keine Freunde und keinen Wald, kein Fahrradfahren und kein Bäumeklettern bieten kann, dann beiße ich eben in den Boskop (super Backapfel übrigens, säuerlich, fest) und quäle mich durch Rezepte. Zimtschnecken, Apfelkuchen, Muffins – und wenn schon, denn schon: dann auch mit Frosting. Meine Freundin, die ein paar Jahre in den USA gelebt hat und als Expat-Frau die Kollegen ihres Mannes mit unglaublichen Back-Kreationen verwöhnt hat, wäre bestimmt stolz auf mich. Grinsend schmiere ich die Frischkäse-Butter-Puderzucker-Mantsche auf den Orangenmuffin, mein Kind staunt, mein Mann jubelt. Ich höre die Zucker-Hasser schon schimpfen, gibt die ihrem Kind Zucker, wo es sich doch kaum bewegen kann. Ich kann beruhigen: Die Dosis macht das Gift, sagte schon Paracelsus. Wir drei haben es alle überlebt. Ohne Gewichtszunahme sogar. Das kann auch daran liegen, dass wir im Moment exzessiv unsere Nudelmaschine benutzen, handkurbelnd Kalorien verbrauchen. Vielleicht haben wir drei nun alle dickere Oberarme bekommen – noch nicht gemessen.

Das Backen ist also zum Familienevent geworden. Mein Mann macht die finale Stäbchenmethode, mein Kind wirft die Zutaten in die Küchenmaschine, und ich bin quasi CBO, der Chief Baking Officer, ich überwache alles und sage, was gebacken wird. Unser nicht ganz erst gemeinter Slogan: „A cake a day keeps the doctor away.“ Die ganzen Chemie-Regeln, an die wir uns nun halten müssen? Seltsamerweise gar nicht mehr so schlimm. Vermutlich haben wir uns schon an das Mehr an Regeln gewöhnt. Und irgendwie ist es in Sachen Corona ja auch wie beim Backen, fällt mir auf. Wer sich nicht an die Regeln hält, wer Freestyle betreibt, der riskiert das Scheitern in der Pandemiebekämpfung.

In einer Backpause ruft uns ein Freund aus Singapur an, der dort gerade als Expat lebt. Er erzählt uns von den Regeln in dem winzigen Land, das dafür bekannt ist, horrende Strafen auf minimale Vergehen zu erheben. Ich sage nur Kaugummi ausspucken. In Sachen Masken versteht die Regierung erst recht kein Laissez-Faire: Wer das erste Mal erwischt wird, muss umgerechnet 200 Euro Strafe zahlen, beim zweiten Mal 650 Euro und es drohen bei mehrmaligem Verstoß sogar Haftstrafen – beziehungsweise Ausländer müssen ausreisen. Mehrfachen Regelbruch können sich da die wenigsten leisten.

Bevor das Telefonat beendet ist, muss ich schnell in die Küche. Der nächste Kuchen ist fertig. Dieses Mal ein Rotkohl-Apfelkuchen nach einem Rezept von Annik Wecker, Frau von Konstantin Wecker, einer begnadeten Bäckerin mit Mut zum Freestyle. Das Rezept klang irgendwie spannend nach einem kleinen Regelbruch, mit Frosting – man gönnt sich in Quarantänezeiten ja sonst nichts.

PS: Für alle, die Lust auf lecker-legalen Regelbruch haben, hier das Rezept von Annik Wecker.

Tag 7: Homeoffice mit Homekita

Die Mutter schreibt: Schluss mit dem Private-Quarantäne-Idaho und Kuscheln bis 10 Uhr. Ich muss heute wieder arbeiten. Laut Gesundheitsamt dürfte ich sogar wieder Präsenz im Büro zeigen, schließlich bin ich ja „nur“ Kontaktperson 2. Grades. Da ich diese Regel aber, wie bereits geschrieben, unlogisch finde und Homeoffice in meinem Beruf zum Glück eine einfache Sache ist, entscheiden mein Chef und ich, dass ich erst nach Ende der Quarantäne wieder im Büro aufschlagen werde. Außerdem finde ich es unfair, die komplette Quarantäne-Betreuung auf meinen Mann abzuwälzen.

Für uns daheim bedeutet das nun aber ähnliches Zeitmanagement wie beim Quarantäne-Tagebuch-Kollegen. Wer passt wann auf das Kind auf, wer ist wann Ansprech- und Actionpartner für die kleine Kontaktperson 1. Grades? Ich wüsste nicht, was ich tun würde, wenn ich alleinerziehend wäre. Vor den Müttern und Vätern, die eine Quarantäne samt Homeoffice und Homekita oder Homeschool alleine stemmen müssen, habe ich wirklich Hochachtung. Und ohne Einkaufshilfe von außen, könnten sie diese Isolation gar nicht schaffen – selbst wenn sie nur KP2 sind. Schließlich darf/kann/soll man kleine Kinder nicht einfach mal ein paar Minuten alleine lassen, um in den Supermarkt zu gehen.

Ich sitze nun also daheim am Computer. Glücklicherweise haben wir ein Kind, das gerne malt, puzzelt, Bücher anguckt und Musik oder Hörbuch hört. Unser B(ilder)-Wert ist in den letzten Tagen exponentiell angestiegen, mein Quarantänegeräusch klingt so: Chrrrrsch, Chrrrrsch, Chrrrrsch … Dann schneidet mein Kind wieder mit der kleinen Kinderschere seine Wachsmal-Papier-Kunstwerke aus. Dieses Geräusch teile ich nun auch in Telefonkonferenzen mit Kollegen. Ab und an taucht dann ein kleiner Kopf unter dem Schreibtisch auf, grinst in die Kamera – und sorgt für lächelnde Gesichter. Kennen Sie das ikonische Bild von US-Präsident John F. Kennedy, dessen kleiner Sohn unter seinem Schreibtisch im Oval Office spielt? Ungefähr so sieht Homeoffice auch bei uns aus – zugegeben, Kennedys Schreibtisch war schöner als meiner.

Plötzlich fehlen meine Kugelschreiber und meine Blöcke und die Tastatur, die ich an mein Laptop angeschlossen habe, liegt unter dem Schreibtisch. „Mama, ich arbeite!“, sagt mein Kind, tippt etwas in den alten Taschenrechner ein, der bisher wie ein Museumsstück aus den 1990er Jahren im Regal stand, hält ihn sich wie ein Fantasiehandy ans Ohr und redet los. Interessant, als arbeitende Mutter mal vom eigenen Kind gespiegelt zu werden. Und es ist irgendwie auch beruhigend, ihm dabei zuzusehen, wie spielerisch leicht es mit der gesamten Situation umgeht. Ein Flugbegleiter hat mir mal einen Tipp fürs Fliegen mit Kindern gegeben: „Entspannte Eltern, entspannte Kinder“ - das lässt sich anscheinend in unserer Familie auch aufs Homeoffice übertragen.

Am Abend dann bin ich trotzdem erschöpfter als während der Quarantäne in Urlaubszeiten. Und auch mein Kind hat nun langsam genug. Als ich ihm vor dem Schlafen vorlese, ein Kinderbuch über den Aufbau und die Abläufe im Krankenhaus hatte es sich gewünscht, blättern wir auf die Seite, auf der der Empfang abgebildet ist. „Mama, warum ist da kein Corona?“, fragt mich mein Kind, das das Foto anscheinend sofort durch den AHA-Filter gejagt hatte und feststellte: Kein Abstand, keine Masken, also: kein Corona. Ich antworte ihm und mache ihm Hoffnung, dass bald wieder alles so sein wird wie auf dem Bild. Dass die Forscher nämlich an einen Schutz basteln, der besonders für die alten Menschen wichtig ist. Mein Kind ist zufrieden, hakt aber nach: „Mama, wann darf ich wieder in die Kita?“ „Noch zwei Mal schlafen, mein Schatz. Gute Nacht! Träum schön!“, antworte ich und setze mich wenig später wieder an den Rechner. Nun beginnt für mich die zweite Homeoffice-Schicht des Tages. Noch zweimal schlafen, dann bekommen wir die Normalität zurück, oder zumindest das, was man in Coronazeiten einen normalen Alltag nennt.

Tag 7: Tanzinator vs. Couch-Potato

Tanzende Kinder vor einem Computer - so sehen Tanzstunden in Quarantänezeiten aus.
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Der Vater schreibt: Wir verfügen über eine Wohnfläche von etwa 100 Quadratmetern. Das ist mehr als ausreichend - wenn man diese 100 Quadratmeter auch mal verlassen darf. Nicht ausreichend sind 100 Quadratmeter, wenn man sie über einen längeren Zeitraum (= alles über einen Tag) mit einem Kind teilen muss, dass nicht raus darf. Das führt unweigerlich zu einer körperlichen Unterbeschäftigung. Man könnte auch sagen, das Kind wird zur Couch-Potato. Eine ziemlich hibbelige Couch-Potato. Denn eigentlich wollen Kinder rennen, toben, klettern, Knie aufschürfen, im Dreck wühlen, Regenwürmer essen und so weiter. Tun sie das nicht, entstehen Dysbalancen.

Um diese Abzubauen ist Einfallsreichtum gefragt. Bewegung muss her. Probieren wir doch einmal den Online-Tanzkurs für Kinder aus, sagt die Gattin. Super Idee, sagt auch die Gattin. Schon die Präsenzveranstaltung jenseits des Lockdowns habe sich großer Beliebtheit erfreut. Dann sollte es doch virtuell auch funktionieren. Sie ahnen, wer das sagt.

15.30 Uhr. Es beginnt. Auf dem Bildschirm ploppen die Gesichter von einem halben Dutzend Kinder auf. Es rauscht und knackt. Jeder quatscht. Ein Kind weint schon nach wenigen Sekunden, keiner weiß warum. Hektisch suchen Eltern nach der Stummtaste. Die Tanzlehrerin bleibt cool. Bald legt sich die erste Aufregung. Nach ein paar einleitenden Worten startet die Musik. Die Tanzlehrerin beginnt durch ihr Wohnzimmer zu hüpfen. Ein halbes Dutzend Kinder beginnt ebenfalls mit Bewegungen, die man unmöglich als Tanzen bezeichnen kann. Das eine Kind weint immer noch oder schon wieder, keiner weiß warum. Immerhin ist es nicht mehr zu hören, denn die Tanzlehrerin hat jetzt alle Teilnehmer stumm geschaltet. Vielleicht war das ein Fehler, denn sie friert ein. Das Lied (es geht um einen Kerl, der sich selbst den Tanzinator nennt) läuft weiter. Das Bild bewegt sich. Kurz. Dann nicht mehr. Die Tanzlehrerin startet das Programm neu.

Unser Kind legt nach sieben Minuten die erste Pause ein. Auch auf den anderen Bildschirmen sind erste Ausfallerscheinungen zu erkennen. Agile Mütter und Väter versuchen ihren Sprösslingen ein gutes Beispiel zu sein und hüpfen am Rande der Kameras durch die Gegend. Das gelingt mal mehr, mal weniger.

Nach 45 Minuten ist die Tanzstunde vorbei und meine Gattin schweißgebadet. Das Kind sitzt entspannt auf dem Sofa. Hat Spaß gemacht, sagt sie. Und was machen wir jetzt? Sollen wir die Weihnachtsdeko aus dem Keller holen?, fragt die Gattin und schnauft schwer. Es ist Mitte November. Im CD-Player liegt schon die Weihnachts-CD. Der Optimist in mir sagt, dass es nur noch zwei Tage sind, bis die Quarantäne vorbei ist. Und der Optimist in mir sagt auch: Wer den Tanzinator überstanden hat, dem kann Last Christmas nichts mehr anhaben...

Tag 8: Endlich Infos vom Gesundheitsamt

Die Mutter schreibt: Mein Kind vermisst seine Freunde in der Kita, die letzten Meter unserer Halb-Quarantäne sind zäh wie bei einem Halbmarathon. So sehr wir die Tage als Familie genossen, wir Eltern sind einfach kein adäquater Spielkameradenersatz, wir können den Kontakt mit Gleichaltrigen nicht kompensieren. Wir zählen also die Stunden, bis die Quarantäne endlich vorbei ist. Um 23.59 heute Abend wird das der Fall sein, wie uns das Gesundheitsamt dann doch netterweise erinnert. Um 16.13 Uhr meldet es sich digital bei uns, knapp acht Stunden vor Ablauf der Quarantäne also, und informiert uns über ein Bayerisches Ministerialblatt darüber, an welche Regeln wir uns detailliert während der Quarantäne gehalten hätten haben sollen können müssen dürfen.

Schnell übermittelte Informationen über korrektes Verhalten sind das A und O der Pandemie-Bekämpfung, ich frage mich, warum dieses Ministerialblatt nicht gleich automatisiert an die Kindergärten rausgeht, sobald ein Corona-Fall auftaucht, damit diese es an die Quarantäne-Familien weitermailen können. Ich übernehme diese Aufgabe, die eigentlich Sache des Gesundheitsamtes ist, und sende die pdf-Datei an die Kita-Leitung. Die freut sich, wieder neue Infos für den Covid-19-Ernstfall-Ordner. Eltern, die gleich klipp und klar wissen, was sie tun müssen, sind schließlich entspannter und müssen weniger bei der Kita-Leitung nachfragen. Das hat Vorteile für die gesamte Kita-Familie. Entspannte Eltern, entspannte Kinder …

Dass ich die Info vom Gesundheitsamt überhaupt erhalten habe, grenzt an ein kleines digitales Wunder. Normalerweise fischt mein scharf eingestellter Spam-Filter alle Mails heraus, die ihm irgendwie seltsam vorkommen, weil die Adressen etwa sonderbar aufgebaut sind oder komische Wörter drin vorkommen. Was er nicht findet, lasse ich nochmal über meinen persönlichen Zwei-Augen-Prinzip-Spamfilter laufen. Die Mail, die mit kp-team3.corona@... anfing, sah schwer verdächtig aus. Zum Glück habe ich sie dennoch gelesen. Eine befreundete Mutter fand die Quarantäne-Info eher zufällig im Spam-Ordner und fragte sich zurecht, warum da nicht einfach eine offensichtlichere spam-unverdächtigere Mailadresse ausgewählt wurde, die klipp und klar anzeigt, wer da warum schreibt, etwa: gesundheitsamt.corona@... Kleine Maßnahme, große Wirkung. Mal wieder.

Ich habe übrigens auch die Stadt gefragt, warum bei Kitas andere Regeln als in Grundschulen gelten und plötzlich ein quarantänetechnisches Zwei-Gruppen-System gefahren wird. Nach drei Tagen habe ich auch eine „zitierfähige Antwort“ aus dem Bildungsreferat weitergeleitet bekommen, die zwar nicht meine Frage beantwortet, aber den zurzeit unter Politikern beliebten und weit verbreiteten Satz beinhaltet: „Unser Ziel ist es, dass unsere Kinder so lange wie möglich in die Kita gehen können …“ Das kann ich als Mutter nur befürworten. Aber wenn es nun wirklich das Ziel der Politik ist, die Kitas so lange wie möglich offen zu halten, dann müsste es doch auch oberste Priorität sein, dass die Kitas so lange wie möglich clean bleiben und eine Weiterausbreitung in einer Einrichtung unterbunden wird. Restrisiko gen Null fahren also. Wieso aber dürfen dann beispielsweise Geschwisterkinder von Kontaktpersonen 1. Grades während der Quarantäne weiterhin in die Kita oder Grundschule gehen? Und warum wird nicht auf Nummer sicher gegangen und die ganze Kita-Gruppe in 14-tägige Quarantäne geschickt oder behördlich angeordnet, dass sich jede KP1 testen lassen muss? Die Logik der bestehenden Anweisung hat mir bis heute niemand bei der Stadt Augsburg erklären können, wollen, müssen, dürfen. „Das Gesundheitsamt weiß bestimmt, was es tut“, sagt eine Mutter aus der Kita und ich beneide sie insgeheim etwas um ihr Urvertrauen. Leider wurde meins durch das unnötige behördliche Kommunikationschaos der letzten Tage torpediert. Und was ich so aus meinem Umfeld höre, erging es nicht nur meinem Urvertrauen so.

Nicht ganz nachvollziehbare Quarantänesonderregeln gibt‘s übrigens nicht nur in Augsburg. Aus einer Großstadt aus Baden-Württemberg kenne ich etwa einen Fall, in dem eine Schulklasse gar nicht erst in Quarantäne geschickt wurde, weil das infizierte Kind bei Bekanntwerden des Falls bereits eine Woche nicht mehr in der Schule gewesen war. „Wenn der letzte Kontakt mehr als zwei Tage zurückliegt sind Sie als Klasse draußen“, habe das Gesundheitsamt dem Klassenlehrer gesagt. Interessant: Im Grunde genommen dieselben Infektions-Voraussetzungen wie in unserer Kita-Gruppe, aber zwei komplett verschiedene Maßnahmen, die da angeordnet wurden. Da blicke mal einer durch. Vielleicht ist es kein Wunder, dass immer mehr Menschen an der Sinnhaftigkeit der Corona-Maßnahmen zweifeln und diese dann schlimmstenfalls nicht befolgen, weil sie diese einfach nicht nachvollziehen können. Dabei wissen gute Führungskräfte längst: Ein Team, das Entscheidungen nachvollziehen kann, tut sich auch leichter, diese zu befolgen.

Ich bin jedenfalls froh, dass mein Kind noch nicht zur Schule geht und ich bei Sicherheitsbedenken einfach entscheiden kann, jetzt bleibt es besser ein paar Tage daheim. Eltern von Schulkindern können das wegen der Schulpflicht nicht. Und auch unsere Weihnachtsstategie fällt für sie flach: Vielleicht werden wir nun, damit Oma und Opa Weihnachten mitfeiern können, auch die Weihnachtsferien um zwei Wochen vorziehen und uns in freiwillige Isolation begeben. Bis dahin ist der Spiel-Freunde-Kita-Akku hoffentlich wieder ganz voll.

Tag 8: Endspurt mit Verschleißerscheinungen

Am Ende der Quarantäne sieht das Kinderzimmer in der Wohnung unseres Kollegen aus wie auf diesem Bild. Nur mit etwas mehr Rosa und Einhörnern.
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Der Vater schreibt: Das Ende ist nahe. Wir biegen auf die Zielgerade der Quarantäne ein. Nur noch ein Tag. Die Verschließerscheinungen sind nicht mehr zu übersehen. Das Kind rennt inzwischen den ganzen Vormittag im Schlafanzug herum. Die Haare stehen in alle Richtungen vom Kopf ab. Mit einer Bürste hatten sie schon lange keinen Kontakt mehr. Das Kinderzimmer sieht aus, als hätte sich der Pumuckl mit Bibi Blocksberg verbündet und eine Einhornherde durchgetrieben. Zu unserer Ehrenrettung sei an dieser Stelle gesagt, dass es mehrmals den Versuch gab, das Zimmer aufzuräumen. Aber selbst kleinste Veränderungen an dem Durcheinander stießen auf massiven Widerstand. Kern der Gegenargumentation war immer: „Das gehört dahin.“ Inzwischen haben wir unsere pädagogische Munition komplett verschossen. Soll sie eben im Chaos hausen, uns doch egal. Hauptsache der Trampelpfad zwischen Bett und Türe bleibt frei.

Wir Eltern malen uns aus, wie das wohl sein wird, wenn das Kind vormittags wieder im Kindergarten ist. Wenn wir nachmittags wieder einen Abstecher in den Wald machen dürfen. Frische Luft, herrlich. Vorher ungestört in Videokonferenzen herumlungern ohne ständig Angst haben zu müssen, für niedere Reinigungstätigkeiten auf die Toilette gerufen zu werden.

Okay, das klingt jetzt so, als hätten wir die schlimmste aller Zeiten durchgemacht. Das ist natürlich Quatsch und völlig übertrieben. Ganz im Gegentum: Meistens war es schön, das Familienleben auch mal völlig ungefiltert zu erleben. Alle haben sich während der Quarantäne an die Bedingungen angepasst, am schnellsten und besten das Kind. Opportunisten eben. Die Kleinen machen das Beste aus ihrer Situation und vor allem machen sie sich keinen Kopf über das Morgen. Todo pasa, sagt der Spanier. Alles geht vorbei. Der Weg dorthin war und ist eine wilde Mischung aus Flexibilität und Organisation. Aus Entschleunigung (Sortieren von Bügelperlen) und Hektik (der Chef ruft an und die Gattin weilt noch in einer Videokonferenz).

Trotzdem sind wir alle froh, wenn in Kürze ein bisschen was von unserem gewohnten Alltag zurückkehrt. Denn es macht tatsächlich einen gewaltigen Unterschied, ob man die Haustürschwelle übertreten darf oder nicht. Immerhin haben wir in den eigenen vier Wänden eine Menge über uns und unser Kind gelernt. Zum Beispiel, dass es für eine Vierjährige kein Problem ist, zähneputzend auf dem Klo zu sitzen und zu pieseln. #quarantäneskills

Tag 9: Quarantäne-Ende und sechs Fazits

Die Mutter schreibt: Vorbei! Geschafft! Unser Kind durfte heute wieder freudestrahlend in die Kita gehen. Und wir Eltern sind ein klitzekleines Bisschen stolz: Wir haben unsere erste Familien-Quarantäne hinter uns, wir fanden die besondere Familienzeit sogar schön. Dennoch hoffen wir, dass es die letzte Quarantäne war, sind uns aber dessen bewusst, dass dem höchstwahrscheinlich nicht so sein wird. Jedenfalls haben wir keine Angst vor der nächsten, die hoffentlich nicht kommen wird, toitoitoi, denn wir haben durch die erste auch ein paar Erkenntnisse gewonnen:

  1. Halb so wild wie zunächst angenommen: Für unsere Familie war die Quarantäne nicht so wild, ja, sogar ganz schön, zum einen, weil wir Eltern die meiste Zeit nicht arbeiten mussten und die Familienzeit genießen konnten. Vor allem war aber ein psychologisches Moment wichtig: Im Gegensatz zum Lockdown im Frühjahr war ein nahes Ende absehbar. Jeder Marathonläufer weiß: Eine Durststrecke ist leichter zu überwinden, wenn man ein Ziel vor Augen hat. Er weiß aber auch: Man darf im Kopf nicht dauernd an der Ziellinie sein, man muss sich von Kilometer zu Kilometer tragen, sonst kommt einem die Strecke unendlich lang vor. Ich freue mich schon darauf, wenn ich meinem Kind in ein paar Jahren Michael Endes „Momo“ vorlesen werde. Darin gibt es einen schönen Vergleich in Sachen Zeitgefühl. Beppo, der Straßenkehrer, erzählt da: Wenn man beim Fegen immer ans Ende einer sehr langen Straße blickt, kommt einem die Strecke, die zu fegen ist, unendlich lang vor. Wenn man nur vor seine Füße schaut, Schritt, Besenstrich, Schritt, Besenstrich, dann erscheint einem die Arbeit viel leichter, und ehe man sich versieht, ist man am Ende angekommen. Recht hat Beppo!
  2. Das Kind passt sich an und weiß manches wieder mehr zu schätzen: Für Kinder fühlt sich eine Quarantäne nicht tragisch an, so lange die Erwachsenen in der Familie entspannt sind. Mehr Zeit mit den Eltern, mehr Zeit für Dinge, für die sonst im Alltag weniger Zeit ist: ausgiebige Mal- und Bastelsessions, tägliches Kochen und Backen mit den Eltern, stundenlanges Musik- und Hörbuchhören, Legobauen und Brettspiele. Ja, die Freunde fehlen. Freunde sind durch nichts in der Welt zu ersetzen. Eine wichtige Erfahrung fürs Leben. Und auch: Dinge, die einem selbstverständlich erschienen, weiß man wieder mehr zu schätzen, wenn man eine Zeit lang ohne auskommen musste. Unser Kind weiß nun wieder, wie toll es ist, dass es in die Kita gehen darf.
  3. Dankbarkeit: Und wir Eltern sind den Betreuerinnen und Betreuern unseres Kindes nun noch dankbarer, dass sie trotz der enorm schweren und belastenden Rahmenbedingungen in Corona-Zeiten mit Hingabe ihrem Beruf nachgehen. Ihre Arbeit macht uns Eltern das Leben so viel leichter. Wenn unser Kind vormittags schon ausgiebig mit seinen engsten Freunden spielen durfte, dann fallen die Kontaktbeschränkungen am Nachmittag nicht weiter ins Gewicht. Dann genießen wir einfach die Familienzeit. Danke!
  4. Nochmal Dankbarkeit: In der Quarantäne bekommt man einen anderen Fokus auf die Dinge, weil weniger Störgeräusche des Alltags zu einem vordringen und man wegen der mangelnden Abwechslung bewusster wahrnehmen kann. An einem Abend haben mein Mann und ich, als unser Kind schon im Bett war, bei einem Glas Wein darüber gesprochen, wie dankbar wir sind, dass es uns trotz allem so gut geht, dass wir in einem Land leben, in dem es ein funktionierendes Gesundheitssystem gibt und eine Regierung, der nicht egal ist, was mit den schwächsten der Gesellschaft passiert. Wir sahen uns die Demonstrationen der Corona-Leugner im Fernsehen an, die Maskendiskussionen - und uns wurde klar: Würden Menschen aus armen Ländern diese Bilder sehen, sie würden sich über diese Luxusprobleme wundern. Und vermutlich auch über das Theater der Ministerpräsidenten in Sachen Verschärfung der Corona-Regeln. „Die wollen doch nur fie Bestimmet sein“, würde mein Kindergartenkind dazu sagen. Und mit Kindergarten(macht)spielen kennt es sich bestens aus.
  5. It‘s the communication, stupid: Kommunikation ist in verrückten Zeiten besonders wichtig. Bill Clinton würde vielleicht in Anlehnung an seinen berühmten Ausspruch „It’s the economy, stupid“ sagen: „It’s the communication, stupid“. Findet Kommunikation auf Behördenseite nicht oder nur chaotisch statt, geht das auf Kosten des subjektiven Sicherheitsempfindens und/oder auf die Nerven. Bekommt man in Quarantäne schöne Nachrichten und Worte geschickt, ist das Balsam für die Seele. Danke nochmal an alle Quarantäne-Engel im Freundeskreis, die uns geholfen haben
  6. Positiv denken: Schimpfen, Selbstmitleid, Resignation – bringt alles nichts, erst Recht nicht in Quarantänezeiten. Man muss das Beste draus machen. Eine positive Lebenseinstellung ist in Notzeiten überaus wichtig – lernt übrigens der aufmerksame James-Bond-Fan auch in „Der Spion, der mich liebte“ von der zauberhaften KGB-Agentin Major Amasova. Recht hat sie. Statt KGB gab’s bei uns KP1 (Kontaktperson ersten Grades), und statt Überlebenstraining in Sibirien habe ich exzessives „learning by baking“ betrieben, fünf Kilogramm Mehl in einer Woche verarbeitet, und ich muss sagen: Ich habe jetzt die Lizenz zum Backen. Beim nächsten Kita-Fest, wenn die Corona-Zeit endlich, endlich vorbei ist, bin ich dank der Quarantäne eine Geheimwaffe fürs Kuchenbuffet.

Tag 9: Quarantäne-Ende und acht Fazits

Der Vater schreibt: Es ist geschafft. Die Quarantäne: aus und vorbei. War halb so wild. Nur manchmal nervig, oft lehrreich. Eine Übersicht der zentralen Erkenntnisse, die wir in den vergangenen Tagen herausgefunden haben. Treuen Lesern wird das ein oder andere bekannt vorkommen, trotzdem darf an dieser Stelle nichts weggelassen werden. Chronistenpflicht:

  1. So schlimm ist unser Kind gar nicht: Wir hatten es uns viel anstrengender vorgestellt, als es war. Natürlich hat die Kleine auch mal genervt. Der ein oder andere Heulanfall hatte durchaus manipulativen Charakter. Aber wenn die Argumente ausgehen soll es auch Erwachsene geben, die auf derartig perfide Tricks zurückgreifen. Umso schöner war die viele Zeit, in der die Laune gut war. Das gemeinsame Bügelperlen sortieren und damit Muster legen. Die tiefschürfenden Gespräche, über die Farbe von Einhörnern und warum die eine Oma gerade lieber als die andere ist (was direkt mit der verabreichten Menge an Süßigkeiten zusammenhängt).
  2. Zeit ist relativ: Es klang an der ein oder anderen Stelle des Blogs bereits an: Vor allem in den Abendstunden hatten manche Tage die Konsistenz eines Kaugummis. Sie zogen sich endlos hin. Bei aller Liebe und familiärer Verbundenheit, irgendwann will jeder seine Ruhe. Nix mehr hören, nix mehr sehen, nur noch Stille, wunderschöne Stille.
  3. Manchmal hilft Alkohol doch: Vor allem in den gerade angesprochenen Situationen kann es am späteren Abend eine gute Idee sein, zum Rotweinglas zu greifen. Wenn das Kind endlich schläft und das Homeoffice beendet ist.
  4. Kinder sind Opportunisten: Vierjährige stellen sich mit beeindruckender Konsequenz und Geschwindigkeit auf neue Situationen ein. Diese Anpassungsfähigkeit ist uns Erwachsenen irgendwann abhandengekommen. Wir hängen gerne in der Vergangenheit fest, in der doch alles so viel besser war. Mag ja stimmen, ändert aber nichts an der Gegenwart. Wir können von Kindern lernen, offen mit veränderten Rahmenbedingungen umzugehen, sie anzunehmen und das Beste daraus zu machen.
  5. Jeder verfügt über ein geheimes Reservoir an Geduld, das der menschliche Körper in Notsituationen anzapft: Es ist erstaunlich, wie gelassen wir am Ende der Quarantäne waren. Der dritte Heulanfall des Tages perlte an uns ab wie ein Regentropfen an der Fensterscheibe. Ruhig nahmen wir das Kind in den Arm und erklärten ihm in aller Ruhe, dass wir auch an diesem Abend die Zähne putzen werden. Genauso wie an allen anderen Abenden zuvor auch schon. Irgendwann allerdings ist auch dieses geheime Reservoir ausgeschöpft (wundersamerweise aber immer wenige Sekunden nachdem das Kind eingeschlafen ist). Ist dieser Zustand erreicht: siehe oben, Stichwort Weinglas.
  6. Deals helfen: Kinder handeln für ihr Leben gern. „Du machst meine Schuhe zu, dann ziehe ich meine Jacke ganz alleine an.“ Oder: „Du liest mir jetzt noch ein Buch vor, dann schlaf ich danach sofort ein.“ Oft werden die Deals noch mehrfach angepasst und verändert. Unter dem Strich aber sind sie hilfreich.
  7. Bügelperlen helfen: Bis vor Kurzem waren mir Bügelperlen völlig unbekannt. Dann stand plötzlich ein riesiges Glas mit diesen kleinen bunten Plastikteilchen auf dem Wohnzimmertisch. Inzwischen ist es zur Hälfte geleert, die pinken Bügelperlen wurden schon fast komplett heraus sortiert. Kaum zu glauben, aber inzwischen liebe ich Bügelperlen. Es sind Momente innigsten Zusammenseins, wenn wir am Tisch sitzen und Figuren nachlegen, die wir uns vorher im Internet gesucht haben. Unser ganzer Stolz ist ein pinker Flamingo mit schwarzen Beinen. Ein Meisterwerk der Bügelperlenkunst.
  8. Kinder brauchen Kinder: Eltern sind wichtig, natürlich. Aber ohne Gleichaltrige verkümmern Kindern. Wir sind froh, dass unser Kind jetzt wieder zu seinen Freunden darf. Wir genießen jeden Tag, an dem das so ist, denn die nächste Quarantäne kommt bestimmt.

Hinweis: Um den Datenschutz der anderen Kindergarten-Familien zu wahren, berichten unsere Kollegen in diesem Quarantäne-Tagebuch anonym und nicht tagesaktuell.

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