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Kritik und Trailer

30.08.2018

Kindeswohl mit Emma Thompson: Eine starke Frau in einer starken Rolle

Die Ehe der Richterin Emma Thompson leidet unter ihrer Arbeit
Bild: 2018 Concorde Filmverleih Gmbh

Emma Thompson spielt in "Kindeswohl" eine Familienrichterin, die selten leichte Entscheidungen treffen muss. Kritik und Trailer zum Kinostart.

Fiona Maye (Emma Thompson) ist eine erfahrene und angesehene Familienrichterin am Londoner „High Court“ und muss jeden Tag über Fälle entscheiden, von denen fast jeder eine eigene griechische Tragödie verdient hätte. Komplizierte moralische und juristisch einwandfreie Urteile zu treffen, ist Fionas Tagesgeschäft, dem sie mit hohem Engagement und scharfem Verstand nachgeht. Dass diese Arbeit oberste Priorität genießt, belastet die langjährige Ehe mit dem Universitätsdozenten Jack (Stanley Tucci), der nach fast einjähriger sexueller Vernachlässigung ankündigt eine Affäre zu beginnen. Fiona setzt ihn vor die Tür und tauscht die Schlösser aus.

Kritik zu Kindeswohl: Ein herzzerreißendes Drama

Schließlich liegt der nächste dringende Fall schon auf dem Tisch. Der siebzehnjährige Adam (Fionn White- head) ist an Leukämie erkrankt. Eine Bluttransfusion könnte ihn retten. Aber der junge Mann gehört den Zeugen Jehovas an, deren Glaube die Vermischung von Blut verbietet. Adam und seine Eltern verweigern den Ärzten die Zustimmung zum medizinischen Eingriff. Nach Vernehmung der Zeugen fällt Fiona eine unkonventionelle Entscheidung: Sie will Adam im Krankenhaus besuchen, um sich selbst ein Bild zu machen.

Sie trifft auf einen aufgeschlossenen jungen Mann, der fest zu seinem religiös motivierten Entschluss steht und sich genau wie Fiona für Lyrik und Musik interessiert. Als er auf der Gitarre „Beim Weidengarten unten“ nach einem Gedicht von Yeats anstimmt, verliert Fiona plötzlich ihre ehrwürdige Contenance und stimmt in das Lied ein. Der kurze gemeinsame musikalische Moment, scheint beide aus der eigenen Umlaufbahn zu werfen. Fiona ordnet die lebensrettenden Maßnahmen an und einige Wochen nach seiner Genesung lauert Adam ihr auf der Straße auf, um sich zu bedanken. Er sucht die Nähe zu seiner Retterin und Fiona fällt es zunehmend schwer, die berufliche Distanz zu wahren.

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Kindeswohl mit Emma Thompson: Trailer

Mit „Kindeswohl“ verfilmt Richard Eyre den gleichnamigen Roman von Ian McEwan, der wie schon kürzlich zu „Am Strand“ selbst das Drehbuch verfasste. Mit seiner dynamischen und zwingenden Dramatik ist „Kindeswohl“ ein typischer Mc-Ewan-Stoff, der vor allem dadurch überzeugt, dass er eine äußerst vielschichtige und moderne Frauenfigur ins Zentrum rückt. Die brillante Emma Thompson musste viel zu lange auf eine solche Rolle warten und beweist sich auf der Leinwand als echte Offenbarung. Sie gehört zu den wenigen Schauspielerinnen, die die Gedankengänge ihrer Figur ohne Worte transparent machen können. Mit großer Präsenz spielt sie eine Frau, die beruflich eine enorme Verantwortungslast trägt und – in eine persönliche Krise geraten – plötzlich an die Grenzen ihrer Professionalität gelangt.

„Kindeswohl“ erzählt aus dem Augenwinkel viel über die Einsamkeit, mit der Frauen den Preis für ihre Karriere bezahlen. Gleichzeitig gelingt es Thompson, das Porträt einer Frau zu zeichnen, die mit ihrem Beruf fast schon organisch verwachsen zu sein scheint und diesen mit klarer Urteilskraft ausübt. Sie füllt ihre Rolle mit einer sehr britischen Beherrschtheit aus, die sie im Laufe der Handlung zunehmend unterminiert. Der junge Mann, der auf sie zustürmt, löst in Fiona Sehnsüchte aus, in denen sich mütterliche Gefühle und eigene Liebesdürftigkeit vermischen. Wie Thompson all diese widerstrebenden Emotionen auf die Leinwand bringt, ohne dass Intellekt und Stärke ihrer Figur mit üblichen Karrierefrauenklischees abgestraft werden, ist schlichtweg herzzerreißend.

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