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24.01.2010

"Meta, Norddeich" und der Disco-Mythos

«Meta, Norddeich» und der Disco-Mythos
Bild: DPA

Wilhelmshaven (dpa) - Als rollende Bar benutzte die platinblonde Wirtin einen Kinderwagen. Ihr Umgangston war rau und plattdeutsch-herzlich. Im Nordwesten gab es in den 60er Jahren zwar 140 Diskotheken, die damals noch Musikschuppen hießen.

Aber der angesagteste Treffpunkt war das 1960 als Tanzcafé eröffnete "Haus Waterkant" in Norddeich, das Meta Rogall (1935-1994) ein Jahr später von ihren Eltern übernahm. Zur Erinnerung an die inzwischen fast zum Mythos verklärte "Mutter Courage der ostfriesischen Rockgeschichte" startet an diesem Samstag (23.) die Landesbühne Niedersachsen Nord im Stadttheater Wilhelmshaven unter dem Titel "Meta, Norddeich" ein - laut Untertitel - "Rockmusical des Nordens".

Meta hatte zu Lebzeiten nicht nur Fans. Eigentlich war sie eine Tierfreundin, die eine Art Privatzoo hielt. Vor allem Tierschützer waren empört, weil sie einen Papagei in der verqualmten Kneipe auf einer Stange hocken und aus einem Cognacglas angeblich Hochprozentiges trinken ließ. Der Bürgerzorn gegen die Disco und ihre Betreiberin schien bestätigt, als Polizisten bei einer Durchsuchung 50 Gramm Haschisch entdeckten. Gegen die Schließung der Szene-Kneipe, in der unter andern Otto Waalkes, Howard Carpendale und die Scorpions auftraten, gab es eine vielbeachtete Demonstration vor dem Rathaus von Norden. Nach drei Monaten Zwangspause fand hinter dem Deich eine Riesenfete zur Wiedereröffnung statt.

Metas geschäftlichen Abstieg und ihre Krebserkrankung hat der auf regionale Themen spezialisierte Autor Peter Schanz nicht ausgeklammert. Stars der Inszenierung von Ingo Putz sind die im Fernsehen vielbeschäftigte Angelika Bartsch in der Titelrolle - und die Musik. An die 20 Titel aus Rock, Beat und Soul, die fast jeder kennt, hat Udo Becker für eine vierköpfige Liveband und die sechs singenden Schauspieler arrangiert, die außerdem 24 Rollen spielen.

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Plattdeutsch wird nur als eine Art Slang angedeutet, um nicht im großen Spielgebiet der Bühne mit seinen vielen Varianten der Regionalsprache falsche Töne zu treffen. "Mal ganz abgesehen davon, dass Niederdeutsch für alle Mitglieder unseres Ensembles eine Fremdsprache ist", sagt Theatersprecher Torben Schumacher. Bis Ende März wird das Musical fast 30 Mal in elf Orten an der Küste und auf der Nordseeinsel Norderney aufgeführt. 12 Vorstellungen sind bereits ausverkauft. "Einen solchen Ansturm haben wir noch nie erlebt", freut sich Intendant Gerhard Hess. Meta lebt nicht nur in der Erinnerung. In ihrer Kneipe, die jetzt "Metas Tanzschuppen" heißt, legt ihr Sohn und Erbe Platten auf.

www.landesbuehne-nord.de

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