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"Werk ohne Autor"

05.09.2018

Neuer Donnersmarck-Film: Nichts dem Zufall überlassen

Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck.
Bild: Filippo Monteforte, afp

Nach langer Pause gibt es Neues von Oscarpreisträger Florian Henckel von Donnersmarck. Im Interview verrät der Regisseur Interessantes zu "Werk ohne Autor".

Hat sich für Sie der Druck durch den Erfolg Ihres Films „Das Leben der Anderen“ verändert?

Florian Henckel von Donnersmarck: Er ist gleich geblieben. Vor Beginn des Schreibens sehe ich den Film vor mir und setze alles daran, dass er so wird, wie ich ihn mir vorstelle. Das führte bei „Werk ohne Autor“ zu einem kontinuierlichen Kampf über vier Jahre. Erst wenn der Film fertig ist, weicht der Druck. Er gefällt dann zumindest einem Menschen. Mein einstiger Kommilitone Max Wiedemann, der mit „Das Leben der Anderen“ sein Debüt als Produzent gab, stellte mir damals eine entscheidende Frage: Wenn du noch zehn Jahre schneiden könntest, würdest du auch nur einen Schnitt ändern? Ich habe es damals ebenso wie heute verneint. Der Film erfüllt meine Qualitätsansprüche. Wenn er der Kritik und dem Publikum gefällt, ist das ein Bonus. Es freut mich sehr. Und wenn er gewogen und für zu leicht gefunden wird, kann ich damit auch leben.

Wie haben Sie den Maler Gerhard Richter überzeugt, Ihnen die Biografie seiner frühen Jahre anzuvertrauen?

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Henckel von Donnersmarck: Ich glaube, es hatte damit zu tun, dass ich eine eigenständige Geschichte erzählen wollte, und eben nicht seine Biografie. Er wusste, ich wollte Hintergrundinformationen für eine fiktive Geschichte, die einige Elemente aus seinem Leben als Ausgangspunkte nimmt. Ich glaube, deshalb hat er mir vier Wochen seiner wertvollen Zeit in Köln geschenkt, mir die Orte seiner Kindheit und Jugend in Dresden gezeigt und mich das alles sogar aufzeichnen lassen. Für ein bloßes Abbild seiner Lebensstationen hätte er den Kontakt wahrscheinlich abgelehnt.

Sie haben sein Leben übermalt?

Henckel von Donnersmarck: Vielleicht trifft es Übermalung ganz gut.

Schauspieler Sebastian Koch hat betont, dass der Film viel mit Ihnen gemein hat.

Henckel von Donnersmarck: Beim Schreiben kann ich nur vom eigenen Erfahrungshorizont ausgehen. Ich hole die Figuren aus meinen Träumen und meinen Ängsten, ich gebe ihnen, was in mir ist. Der Maler Kurt Barnert ist der stille Beobachter, der nur aufnimmt und nicht gleich wertet – eine Art Idealvorstellung, wie ich mich als Kulturschaffender verhalten möchte. Als ich seinen Schwiegervater konzipierte, rief ich dagegen meine größten Angstvorstellungen auf. Daher ist der Film schon sehr persönlich.

Ist er nicht auch in der Hinsicht biografisch, dass Sie sich erneut mit der Stellung des Künstlers in der Welt auseinandersetzen?

Henckel von Donnersmarck: Ich nehme die Kunst sehr wichtig und ernst. Und Kunst ist im tiefsten Sinne immer autobiografisch. Der Künstler stellt sich den Verletzungen seines eigenen Lebens, die dadurch rückwirkend einen Sinn erhalten. Entscheidend ist auch der nächste Schritt. Kurt Barnert weiß am Ende des Films, dass seine Bilder auch wirken, wenn er dem Betrachter die Geschichte, die ihnen zugrunde liegt, nicht erzählt. Er vertraut, dass die Bilder so sehr mit ehrlichem Gefühl aufgeladen sind, dass sich das auf einen feinsinnigen und offenen Betrachter überträgt, auch ohne Erklärung.

Waren Sie sich der Gefahr bewusst, Kunst zu sehr zu erklären?

Henckel von Donnersmarck: Im Film nicht, aber jetzt beschleicht mich gerade das Gefühl, dass ich in diesem Gespräch vielleicht zu viel erkläre. Im Buch zu meinem Film entwirft Alexander Kluge im Dialog mit dem Künstler Thomas Demand zwei Idealbilder des Künstlers. Das eine ist die Fledermaus, die einen Impuls in die Welt sendet und sich am Echo, das zurückkommt, orientiert. Wenn sie nicht auf das Echo hört, fliegt sie gegen die Wand. Das andere Bild ist die Meduse: Sie nimmt ohne störendes Zentralhirn alle Eindrücke auf, lässt sie auf sich wirken und beurteilt nichts, verarbeitet nur. So kann sie überleben. Auch mein Film erklärt nichts. Ich habe nur versucht zu schildern, was ich – hoffentlich vorurteilsfrei – beobachtet und recherchiert habe. Dann verlasse ich mich auf meine Wahrnehmung und Erfahrung, um die Geschichte in die richtige Form zu bringen. So bleibt der Film im Bereich der Ahnung, nicht in dem des Wissens oder gar der Erklärung.

Der Regisseur und seine Hauptdarsteller: (vorne von links) Tom Schilling, Paula Beer, Sebastian Koch.
Bild: Filippo Monteforte, afp

Sie setzen eindrucksvolle Sprachbilder in den Dialogen. Wie lange feilen Sie an den Sätzen?

Henckel von Donnersmarck: Das ist keine Frage von Dauer, sondern leidenschaftlichen Interesses an Etymologie und Sprache. Als Kind habe ich mal meine Familie in Aufregung versetzt, weil ich im Bus zurück von der Schule dem Gespräch zweier älterer Damen über ihre Kindheit zwischen den beiden Weltkriegen lauschte und darüber das Aussteigen und die Zeit vergaß. Wenn ich heute ein mir unbekanntes Wort finde, ist das für mich wie ein Geburtstagsgeschenk. Ich will herausfinden, woher es kommt. Diese Freude an der Sprache übertrage ich auf die Figuren. Wenn die Schauspieler diese Texte dann mit ihrer großen Kunst präsentieren, macht mich das einfach nur glücklich.

Wie groß ist Ihre Kompromissbereitschaft bei historischen Details?

Henckel von Donnersmarck: Historische Genauigkeit ist mir wichtig. Mir wäre nicht bewusst, dass wir irgendein Detail dem Zufall überlassen hätten. Es soll schon alles stimmen. Gleichzeitig bin ich da nicht so obsessiv, dass andere Dinge leiden würden. Sehr wichtig war es mir auch, den richtigen Geist der Bilder zu treffen, die in den jeweiligen Epochen entstehen. Ich weiß nicht, ob an einem deutschen Film je so viele bildende Künstler gearbeitet haben wie bei uns. Das Bild „Kriegskrüpppel“ von Otto Dix z.B., das bei uns zu sehen ist, wurde von den Nazis vermutlich vernichtet. Es gibt davon nur eine kleine, schwarz-weiße Fotografie. Unsere Künstler haben mit dem Archiv des Malers gearbeitet, alle vergleichbaren Bilder analysiert und es dann so gut nachgemalt wie nur irgend möglich. Dieser Aufwand hat sich, glaube ich, gelohnt. Es schwingt etwas Kosmisches mit, wenn eines der bedeutendsten Bilder der Epoche plötzlich wieder da hängt. Es repräsentiert den Verlust und damit auch den Wert von Kunst, und das bewirkt etwas in dem Betrachter.

Zur Person: Florian Henckel von Donnersmarck, 1973 in Köln geboren, gewann für sein fulminantes Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“ (2006) den Deutschen Filmpreis und den Oscar. Der Regisseur siedelte daraufhin nach Los Angeles über und inszenierte in Italien mit Johnny Depp „The Tourist“ (2010), der jedoch weder beim Publikum noch bei der Kritik ankam.

Nach achtjähriger Kinopause taucht Henckel von Donnersmarck mit seinem neuen Film nun wieder in die Verstrickungen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts ein. Frei nach der Biografie von Gerhard Richter porträtiert er in „Werk ohne Autor“ einen Maler, der in der NS-Zeit nahe Dresden aufwächst. Nach dem Kunststudium in der sächsischen Metropole flieht er 1961 in den Westen, wo ihm mit sehr persönlichen Werken den Durchbruch gelingt. Der Film läuft in den Wettbewerben der Filmfestspiele von Venedig und Toronto und geht für Deutschland ins Rennen um den Oscar als bester nicht englischsprachiger Film. „Werk ohne Autor“ läuft am 4.Oktober in den deutschen Kinos an.

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