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14.11.2019

"The Irishman" im Kino: Das verpfuschte Leben eines Mafioso

Der Gewerkschaftsboss und sein Leibwächter: Jimmy Hoffa (Al Pacino, Mitte links) und Frank Sheeran (Robert De Niro).
Bild: -/Netflix, dpa

Martin Scorsese hat ein Alterswerk von epischer Länge geschaffen. Selbstkritisch befragt der Regisseur die cineastischen Mythen vom Organisierten Verbrechen. Die Kino-Kritik.

Seit jeher ist das amerikanische Kino fasziniert vom Organisierten Verbrechen, und Martin Scorsese hat mit "Mean Streets" (1973) und "Goodfellas" (1990) Meilensteine im Genre des Mafiafilms gesetzt. Nun fügt der 77-jährige Altmeister mit "The Irishman" einen weiteren hinzu. Ganze dreieinhalb Stunden dauert das von Netflix produzierte Werk, in dem die abenteuerliche Karriere eines Auftragsmörders bis zum bitteren Ende im hohen Alter durchdekliniert wird.

Der Mann heißt Frank Sheeran (Robert De Niro), und er ist der einzige Ire im italienischen Mafiakartell. Sein Boss Russell Bufalino (Joe Pesci) schätzt die stoisch-kriminelle Entschlusskraft des Weltkriegsveteranen, der die Ermordung unliebsamer Kunden und Konkurrenten schnell und diskret erledigt. Schließlich wird Frank an den legendären Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Al Pacino) als Leibwächter und Problemlöser vermittelt, und damit wird "The Irishman" in die wendungsreiche Zeitgeschichte der 60er Jahre eingebettet.

Mafia-Epos "The Irishman" wird in einer Rückblende erzählt

Denn die Mafia mischt auch im politischen Geschehen kräftig mit und befördert nach eigenem Bekunden John F. Kennedy an die Macht. Der neue Präsident soll den Sozialisten Castro aus Kuba verjagen, damit die Mafia dort wieder ihre Casinos betreiben kann. Immer mit dabei ist Frank Sheeran, der einen Lastwagen voller Waffen nach Miami bringt, wo die Invasion in der Schweinebucht vorbereitet wird. Die misslingende Militäroperation ist der Mafia genauso ein Dorn im Auge wie die Politik des neuen Justizministers Bobby Kennedy, der gegen das Organisierte Verbrechen vorgeht und schließlich auch Hoffa wegen Betrugsdelikten hinter Gitter bringt.

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Als Hoffa 1971 auf Bewährung entlassen wird, will er wieder auf den Gewerkschaftsthron. Die Mafia hat sich jedoch inzwischen mit seinem Nachfolger gut arrangiert, sodass Frank als Hoffas Vertrauter nun in einen Loyalitätskonflikt mit seinen eigentlichen Auftraggebern gerät.

Erzählt wird das Ganze in einer Rückblende. Wie einst "Goodfellas" beginnt auch "The Irishman" mit einer mehrminütigen Kamerafahrt. Aber hier geht es nicht durch die Küche in einen mondänen Nachtklub, sondern durch die Flure eines wenig glamourösen Altersheims, in dem sich schließlich Frank als Erzähler im Rollstuhl herauskristallisiert. Auf diese Zeitebene kehrt Scorsese im letzten Filmviertel wieder zurück, und hier spielt sich nach all den abenteuerlichen Erzählungen das eigentliche Drama ab.

Lohnt sich "The Irishman" im Kino?

Denn das, was dem Publikum als Legende vorgeführt wurde, ist aus der Perspektive eines Mannes, der dem natürlichen Tod ins Auge blickt, eigentlich nur ein verpfuschtes Leben. Von all den Männern, denen Frank in enger Verbundenheit loyal gedient hat, ist keiner mehr übrig geblieben. Seine Tochter (Anna Paquin) spricht mit ihm seit dem "Verschwinden" Hoffas kein Wort mehr, und als der Priester ihn fragt, ob er irgendetwas ähnliches wie Reue empfinde, zuckt Frank nur ratlos mit den Schultern. Zu lange schon hat er sich und seine Taten von den eigenen Gefühlen abgekoppelt, um irgendeine moralische Empfindung zu generieren.

Mit subtiler Konsequenz dekonstruiert Regisseur Scorsese die cinegenen Mafiamythen, an deren Herausbildung er selbst in seinem filmischen Werk kräftig mitgewirkt hat. Sein "The Irishman" ist ein ebenso episches wie selbstkritisches Alterswerk, vor dessen ruhiger, nachdenklicher Kraft man den Hut ziehen muss.

The Irishman (3 Std. 29 Min.), Thriller, USA 2019 Regie Martin Scorsese, Mit Robert De Niro, Al Pacino, Joe Pesci, Harvey Keitel.

Wertung 4 von 5 Sternen.

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