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Ausstellung

25.10.2020

Unten das Kreuz, oben die Wolke

Die Installation „Cloud“ von Beatrix Eitel in der Ausstellung „Zweimal konkret“ – zu sehen in der Schwäbischen Galerie von Oberschönenfeld.
Bild: Foto: Marcus Merk

Ursula Geggerle-Lingg und Beatrix Eitel in der Galerie in Oberschönenfeld: Wie man der Konkreten Kunst in die Parade fahren kann

„Konkrete Kunst“ ist im Ausstellungsbetrieb wie auf dem Markt ins Hintertreffen geraten. Das muss nicht so bleiben. Moden kommen, Moden gehen. Hilfreich ist zunächst der Blick ins Lexikon: Der Begriff „Konkrete Kunst“ tauchte erstmals 1930 in der Zeitschrift „Art Concret“ des Niederländers Theo van Doesburg auf. Ins Abseits gestellt wird die Naturnachahmung, auch die beliebt-abstrakte Momentaufnahme. Ein bildnerisches Element, so weiter im Lexikon, bedeute nur sich selbst. Weitere Charakteristika: Visuelle Kontrollierbarkeit und exakte Technik.

Betritt man mit diesem Basiswissen die Doppelausstellung „Zweimal konkret“ in der Schwäbischen Galerie in Oberschönenfeld, sieht man sich alsbald zu Korrekturen veranlasst. Seit wann hält sich Kunst an den schnöden Begriff! So strebt Ursula Geggerle-Lingg durch ihre oft zartblaue, auch ins Grünliche spielende, auf Rot, Orange und Weiß setzende Farbgebung durchaus jenen Lyrismus an, den die „reine“ Konkrete Kunst ausschließt.

Generell sperrt die Regelmäßigkeit die Eigenart nicht aus, schleicht sich das Unstetige in die Standardisierung ein, irritieren Abweichungen die geometrische Struktur. Das geschieht bei Geggerle-Lingg (allzu) offensichtlich. Sie verschiebt in „Altes Leinen“ (Acryl, Karton, Holz, 2020) das Netzgewebe aus der Geraden, variiert den Farbauftrag, vor allem konterkariert sie die Bildordnung durch das bizarre Format. In ihren jüngsten Acrylarbeiten, im oberen Stock zu sehen, hinterfängt sie das Muster durch bläuliche Wolkenbildungen, solcherart Konkrete Kunst mit der informellen Kunst verbindend.

In der Installation „Kreuzpunkte“gibt es Zentren der Energie

Ihr „Golden Gate“ (2017) ist ein auf den Boden gebreitetes, auf Klötzchen ruhendes, sich wellendes Schaumstoffnetz. Blaue Holzkreuze markieren im Nebenraum die 46-teilige, aus der Regelmäßigkeit ausscherende Bodeninstallation „Kreuzstich“ (2018). So bezieht die 1957 in Neu-Ulm geborene, in Wertingen lebende Künstlerin den Ausstellungsraum ein. Viele ihrer Malereien wandeln die Senkrecht-Waagrecht-Struktur ab, die „grundlegenden Achsen von Schwerkraft und Horizont“ (Geggerle-Lingg). Die Kreuzungspunkte von Vertikale und Horizontale versteht die Künstlerin als „Energiepunkte“. „Hier treffen sich zwei Richtungen, die Verbindung ins Unendliche haben.“ Das Zitat belegt, dass konkrete Kunst sich in diesem Fall gerade nicht in der Selbstbedeutung erschöpft.

Abwechslungsreicher und vielschichtiger stellt sich das Werk von Beatrix Eitel dar. Ihre Sehschule verhandelt weniger Grundsätzliches, als dass sie mit überraschenden Konstellationen aufwartet und möglichen Erkenntnisblitzen Raum gibt. Bewundernswert ihr Langmut. In der Bleistiftzeichnung, „Schriftstück“ genannt, schafft sie aus kleinstteiligen Elementen eine dichte, undurchdringliche Struktur. Sie erscheint wie von einem Wellenschlag erfasst, von dunkleren und helleren, von vertikalen und horizontalen Bahnen gezeichnet, an den Rändern „ausgefranst“, potenziell ins Unbegrenzte strebend. Schön, wie sich in der Bleistiftdichte weiße Auslassungen wie Risse auftun und fast ein tänzerischer Zug durchs Feingewebe läuft.

Schraubverschlüsse ergeben das Werk „Jesuitenquelle“

Beatrix Eitel, 1964 im rumänischen Kronstadt geboren, seit 1992 freischaffend in Büttelbronn (Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen) zuhause, variiert mit Sinn für Nuancen perforiertes Papier. Sie schichtet es, ausgehend von Kreuz und Kreis, zum mehrlagigen Relief („Transskription“, 2020). Nicht zuletzt präsentiert sie drei außergewöhnliche Objekte bzw. Installationen. Zunächst die (nach einem Mineralwasser benannte) „Jesuitenquelle“ (2015) aus Schraubverschlüssen, die wie Polypen aus der Unterwasserwelt anmuten. Sodann das aufwendig aus Kunststoffdeckeln und Kabelbindern gebaute Wandobjekt (2015), bei dem ein drastischer Einschnitt die Vorstellung der schön gefügten Scheibe desavouiert. Schließlich die von der Decke hängende „Cloud“ (2020), ein beunruhigender, ja bedrohlicher „Baldachin“ aus lauter eng gerollten, bedruckten, teils rötlichen Telefonbuchseiten. Was für eine fantasievolle Geduldsarbeit und was für ein Denkanstoß gleichermaßen: Die Daten sind uns längst über den Kopf gewachsen!

Zweimal konkret: Beatrix Eitel und Ursula Geggerle-Lingg; Museum Oberschönenfeld, bis 22. November; Dienstag bis Sonntag 10–17 Uhr.

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