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Landsberg

24.02.2018

Der bergige Lebensweg eines leidenschaftlichen Alpinisten

Der Blutegel auf dem Unterarm von Klaus Pongracz fällt erst auf den zweiten Blick auf. Das Porträt von Peter Wilson entstand für die Reihe „Landsberger Leute“.
Bild: Peter Wilson

Auf den Spuren von Peter Wilsons „Landsberger Leuten“. Heute: Dr. Klaus Pongracz. Er ist eigentlich Ingenieur, doch ein Absturz im Himalayagebirge veränderte sein Leben.

Den schon ziemlich vollgesogenen Blutegel übersieht man leicht. Unten links im Bild sitzt er auf dem Unterarm von Dr. Klaus Pongracz. Ein Schröpfglas daneben, im dunklen Hintergrund ein tibetischer Teppich und ein hölzernes Fenster aus Kathmandu. Hell erleuchtet ist nicht das Gesicht des Heilpraktikers und Coach, des promovierten Bauingenieurs und Bauunternehmers, des Alpinisten und passionierten Kletterers. Nein, hell erleuchtet hat der Fotograf Peter Wilson auf diesem frühen Porträt aus der Reihe „Landsberger Leute“ ungewöhnlicherweise die Herzgegend seines Freundes Klaus Pongracz. Das hat natürlich - wie alle Details auf Wilsons Bildern - einen Grund.

Jeden Tag läuft er zehn Kilometer

„Ich wollte schon immer meine Fähigkeiten an den wildesten Dingen erproben“, sagt Pongracz, „ich will wissen, wie ich reagiere, wenn ich in höchste Not komme.“ Die wildesten Dinge, das sind für ihn die Berge im Himalaya. Mehrere Expeditionen hat er unternommen, einen schweren Absturz mit gebrochener (und jetzt künstlicher) Hüfte hinter sich, dennoch läuft er heute mit bald 65 Jahren immer noch täglich seine zehn Kilometer. Obwohl er ruhig dasitzt und erzählt, spürt man sofort die immense Kraft, die diesen Mann immer noch antreibt. Ein Mann, der von sich sagt, er liebe die Berge so, weil sie seiner inneren, seelischen Landschaft entsprächen. Und ähnlich bergig ist sein Lebensweg.

Im Jahr 1953 „kurz vor Sibirien“, genauer in der Oberlausitz, als ältester Sohn von nach dem Zweiten Weltkrieg Vertriebenen geboren. Eine „wilde Kindheit immer draußen in der Natur“, schon früh mussten die Kinder mit auf dem Feld helfen, das war damals so. Seine katholische Erziehung bewahrte den Buben vor den in der DDR üblichen Pionieren, der FDJ (Freie Deutsche Jugend), der Jugendweihe und später auch vor der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands). Weil er sehr gut in der Schule war, durfte er Bauingenieurwesen in Dresden studieren, inklusive Promotion über komplexe städtische Straßensysteme. „Ich bin ein begeisterter Ingenieur und ein sehr wissenschaftlicher Mensch.“ Eine zweite Promotion zerriss er aus Ablehnung des starren, politischen Systems und wechselte von der Hochschule auf einen Posten als Technischer Direktor einer großen Baufirma.

Er weigerte sich, in die SED einzutreten

Nach einer neuerlichen Weigerung, der SED beizutreten, und den darauffolgenden organisatorischen Schwierigkeiten, wechselte er wieder als Oberassistent an die Uni. Glasnost, Perestroika, Neues Forum, Bürgerrechtler - all das erlebte er als aktives Mitglied, wie er erzählt. Nach der Wende gründete der ehrgeizige Ingenieur ein eigenes Bauunternehmen und erlebte alle Höhen und Tiefen des westlichen Kapitalismus.

Schon seit frühester Jugend kletterte Pongracz „leidenschaftlich, mit wenig Ahnung und viel Enthusiasmus“ im Elbsandsteingebirge, in der Hohen Tatra und anderen Gebirgen im Osten herum. Erst mit Anfang 20, sagt er, wurde das Klettern „zivilisiert“ und professioneller. Auf eine private, wirtschaftliche Krisensituation folgte Mitte der 90er-Jahre eine schwere Krankheit und damit verbunden eine komplette Änderung des beruflichen Lebens. Ausbildungen in Psychotherapie und der Heilpraktik folgten. „In meinem Leben gab es schon immer Schlüsselmomente, die mich dazu bewegt haben, eine bestimmte Richtung einzuschlagen.“ Einen Traum wollte er sich endlich erfüllen: Einmal einen 8000er besteigen. Mehrere bekannte Nordwände in den Alpen hatte er bereits mit seinem Bruder bestiegen, jetzt lockte Nepal. „Wie ein Blitz, wie ein Erweckungserlebnis“ sei diese Entscheidung für ihn gewesen, erinnert er sich.

Kurze Zeit später brach Pongracz mit einer Schweizer Expedition zum siebthöchsten Berg der Welt auf, zum Dhaulagiri. Nepal und der Himalaya wurden für ihn fortan zur „echten Offenbarung“, physisch, spirituell und mental. Er entdeckte ein immenses kreatives Potenzial in sich, schrieb Gedichte, Geschichten. Ersetzte, so sagt er, die deutsche Lebenseinstellung des „entweder – oder“ durch ein tibetisches „sowohl als auch“. „Dort oben hat sich was verwandelt in mir.“ Zurück in Deutschland hielt er Vorträge über seine Reise und wähnte sich bereits auf dem Weg, ein erfolgreicher Bergsteiger zu werden. Doch wieder holte ihn seine Krankheit ein und er kämpfte zunächst mit seinem Körper.

Eine innere Stimme riet ihm zur Umkehr

Doch „der große, starke Klaus“ lasse sich nicht so einfach unterkriegen und trotz gegenteiliger Prognose der Ärzte sollte er schon bald wieder einen weiteren 8000er anpeilen. Mittlerweile arbeitete er als Projektvermittler am Münchner Arbeitsamt, später am Landratsamt als Berater für Existenzgründer und Selbstständige. Da München teuer ist, zog er zunächst nach Marktoberdorf, und als er 2002 Landsberg und den Lech entdeckte, war ihm klar: „Hier will ich wohnen.“

2003 dann die nächste – selbst organisierte – Expedition mit dem Fahrrad von Kathmandu nach Beni und erneut zum Dhaulagiri. 2006 auf den Shisma Pangma, den einzigen 8000er, der komplett auf tibetischem Gebiet liegt. Im Jahr 2008 war der Everest geplant, doch drei Tage vor Abreise wurde die Expedition aufgrund der Unruhen in Tibet abgesagt. Aus Enttäuschung wollte Pongracz stattdessen den Nanga Parbat, den „Schicksalsberg der Deutschen“, auch „Killermountain“ genannt, besteigen. „Jeder Berg hat eine eigene Persönlichkeit“, sagt er, und der Nanga Parbat sei kein gutmütiger Berg, den besteige man nicht aus Enttäuschung. So hörte er auf 7100 Metern auf eine innere Stimme und kehrte um. Während des Abstiegs verhakte sich sein Steigeisen. Er kugelte den Berg hinunter, keine Angst, kein Schmerz in seinem Körper, so sagt er, aber mit so hoher Geschwindigkeit, dass er über eine Gletscherspalte hinweg flog und anstelle des sicheren Todes „nur“ gebrochene Rippen und eine angebrochene Hüfte hatte. Mit eigener Kraft schaffte er es ins Basislager.

Heute berät er Unternehmer

Und wieder änderte er nach der Erkenntnis „du bist ein Idiot, riskierst dein Leben, obwohl es so schön ist“, sein Leben, das nun „eher den sanften Hügeln hier in der Gegend gleicht“. Er hat aufgehört zu planen und es aufgegeben, Dinge aus Ehrgeiz erreichen zu wollen. Heute arbeitet Pongracz als Heilpraktiker, spezialisiert auf Schilddrüsenerkrankungen und Blutegel, sowie als Coach für Unternehmer und Selbstständige. Immer waren es Herzensentscheidungen, die sein Leben geprägt haben.

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