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Pflugdorf

15.10.2020

Eine Pflugdorferin schafft sich eine Wunderwelt im Miniaturformat

Brigitta Dörrstein aus Pflugdorf sammelt Puppenstuben – vornehmlich aus der Zeit vor 1945, die mit viel Liebe zum Detail das Leben aus längst vergangenen Zeiten zeigen.
Bild: Thorsten Jordan

Plus Brigitta Dörrstein aus Pflugdorf ist Puppenstuben-Sammlerin aus Leidenschaft. Ihr Herz schlägt vor allem für Objekte, die vor 1945 hergestellt wurden.

Alles begann 2002 mit vier kunstvollen Miniaturen, einer antiken Nähmaschine, einem Biedermeier-Sofa mit Tisch und Schränkchen. Das Geschenk einer Freundin weckte in der kreativen Freizeitmalerin Brigitta Dörrstein eine Leidenschaft für kostbare, handgefertigte kleine Dinge, die sie nicht mehr losließ. Mit Zeitungsinseraten und in einem Internet-Aktionshaus suchte sie nach vor 1945 hergestellten Puppenstuben. In Garmisch konnte sie schließlich einen „historischen Fund“ an Land ziehen.

Es ist nachweislich eine ihrer ältesten Errungenschaften, denn beim Anbringen einer neuen Puppenstubentapete entdeckte sie unter der alten einen Zeitungsschnipsel von 1898. In einem winzigen Zeitungsständer aus Messing befand sich ein weiterer kleiner Ausschnitt aus dem „Fränkischen Kurier“, datiert vom 5. April 1898. Die wertvolle Puppenstube, bestehend aus zwei herrschaftlichen Räumen mit hoher Verbindungstür zwischen Wohn- und Schlafzimmer, ist prächtig ausgestattet mit eleganten Jugendstilmöbeln, edlen Stoffen, Spitzenvorhängen, Schabracken an Fenstern, die sich mit kleinen Riegeln öffnen lassen.

Winzige Details verleihen den Puppenstuben Charme

Es sind die winzigen Details, wie das Buch auf dem Nachtkästchen oder der Eimer neben dem Bett, die dem Interieur einen unvergleichlichen Charme verleihen. Das größte Geschenk für Brigitta Dörrstein machte ihr der Vater, Otto Veith, indem er sich von ihrer Begeisterung anstecken ließ.

Als Schreiner hat er bis kurz vor seinem Tod 2017 wunderbare filigrane Reproduktionen erschaffen, Ideen seiner Tochter verwirklicht und in perfekter Handwerkskunst eigene konzipiert, wie die vier Stühle für die erste Puppenstube zu einem Tisch mit lackierter Marmorfolie und passender Kommode. Das extravagante Musikzimmer bekam detailverliebte handgefertigte Holzinstrumente wie Gitarre, Bass, Flügel, eine Harfe mit Notenständer und sogar ein Grammophon.

In Brigitta Dörrsteins Puppenstuben-Sammlung findet sich auch ein extravagantes Musikzimmer.
Bild: Thorsten Jordan

Für die Puppenstuben gibt es ein eigenes Zimmer

Die Tastatur für den Flügel hat Otto Veith so lange verkleinert, bis sie originalgetreu passte. Ein echter Hingucker ist auch der Sänger im eleganten Frack, den Brigitta Dörrsteins Onkel geschnitzt hat. Das Gehäuse des Musikzimmers stammt aus der Werkstatt des Gründers der Manufaktur Marienberg/Sachsen Moritz Gottschalk (1892-1931).

Inzwischen bekamen fünfzehn zauberhafte Puppenstuben ein eigenes Zimmer im Haus von Brigitta und Dieter Dörrstein, weil die drei Söhne flügge geworden sind.

Dem Gast eröffnet sich, teilweise hinter Glas, eine faszinierende Wunderwelt mit mehr als eintausend, fast ausschließlich handgefertigten Objekten. Im angrenzenden Esszimmer fanden noch fünf märchenhafte Puppenzimmer in einem Eckschrank ihren Platz. Brigitta Dörrstein hat eine künstlerische Ader, ein Händchen für kultiviertes Einrichten und einen Blick für kleine Dinge, die sie zu einem harmonischen großen Gesamtbild zusammenfügt. Um ersehntes Zubehör zu ersteigern, hatte ihr Vater oft am zweiten Computer mitgeboten und mitgefiebert. So konnte auch eine geheimnisvolle Weihnachtsstube ausgestattet werden, die alljährlich zum Fest in die Diele kommt. Einer Küche mit aufwändig gestalteten Miniaturen wurde noch ein selbstgebauter Hühnerstall hinzugefügt. Küchenschrank, Regal und Besenschrank sind von Christian Hacker (1802-1882), der 1835 die Nürnberger Spielzeugmanufaktur aufbaute. Es gibt entzückende Kaufläden, die an längst vergangenes Konsumverhalten erinnern, eine alte Nähmaschine, eine Puppenschule mit schrägen Pulten, Griffelschachteln, Tafeln, Lederschulranzen und das obligatorische Tatzenstecken auf dem Lehrerpult.

Winzige Details verleihen den Puppenstuben einen besonderen Charme.
Bild: Thorsten Jordan

Die Goldschicht glänzt nach 100 Jahren noch wie neu

Aus Vaters Werkstatt stammen dazu ein aus Holz geschnitztes Mikroskop und Schaukästen mit winzigen Gewürzen und Steinen. Nostalgische Küchen mit Badewannen, historische Kochgelegenheiten mit Kupferförmchen und Wasserkesseln, eine winzige Wanduhr, ein Kruzifix mit Korpus, ein Fernglas aus Elfenbein, da gäbe es noch so viel mehr zu beschreiben. Die für eine Bauernstube vom Vater erschaffenen Möbel sind von Brigitta Dörrstein liebevoll mit dekorativen Blumenmotiven bemalt.

Überall funkelt es golden, ob vom sechsarmigen Historismus-Glaskronleuchter, dem eleganten Vogelkäfig, von Vasen, Bilderrahmen, Konsolen und Ofenbestecken, wobei dem staunenden Betrachter nicht bewusst ist, welch hochgiftiger und deshalb heute nicht mehr angewendeter Prozess zur Herstellung des glänzenden Goldblechzubehörs nötig war.

Feingold wurde in giftigem Quecksilber aufgelöst. Durch einen langwierigen Arbeitsprozess mit Erhitzen, Spülen und anschließender Politur entstand eine dauerhafte, ungiftige Goldschicht, die auch nach 100 Jahren wie neu glänzt. Reproduktionen von Goldblechspielwaren in dieser Qualität können nicht mehr nachgemacht werden, so wie vieles aus dieser einzigartigen Sammlung.

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