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Ausstellung

24.12.2012

Mehr als ein Nonnen-Spielzeug

Das Freisinger Diözesanmuseum zeigt barocke Jesuskinder aus oberbayerischen Frauenklöstern

Freising Christkind-Figuren verbildlichen in den Kirchen die weihnachtliche Festzeit, aber sie galten in früheren Zeiten auch als „Seelenkinder“. Eine Ausstellung im Diözesanmuseum Freising widmet sich in der diesjährigen Advents- und Weihnachtszeit diesem Aspekt katholischer Frömmigkeitspraxis, wie sie vor allem in Frauenklöstern geübt wurde. Dabei ging es um mehr als nur festliches Brauch- und Dekorationsbedürfnis.

Wenn eine junge Frau in ein Kloster eintrat, erinnerten die damit verbundenen Zeremonien an eine Heirat. In weißen Kleidern legte sie die Profess ab, dabei vermählte sie sich quasi mit dem himmlischen Bräutigam Jesus Christus. Es war auch üblich, dass die Familie der künftigen Nonne Mitgift und Aussteuer leisteten. Dazu gehörte auch eine Figur des Jesuskindes. Es vertrat den himmlischen Bräutigam, wie es etwa aus dem Franziskanerinnenkloster Reutberg aus dem 18. Jahrhundert überliefert ist.

Für die Ausstellung im Freisinger Diözesanmuseum wurde eine Vielzahl solcher „Seelenkinder“ aus oberbayerischen Klöstern zusammengetragen. Es sind anmutigende Kleinkindfiguren. Aber es finden sich auch Darstellungen, die bereits das kommende Leiden des Erlösers beinhalten. Manchmal liegt das Jesuskind auf einem Kreuz oder trägt ein solches, hat eine Dornenkrone auf dem Kopf oder spielt mit den Marterwerkzeugen der Passion.

Während das Eintrittszeremoniell der Nonnenklöster schriftlich überliefert ist, schweigen die Quellen über die weitere Funktion des Jesuskinds. Der Brauch des kirchenjahrgemäßen Umkleidens der Jesus-Puppe dürfte sich von selbst ergeben haben. Und man dürfte nicht fehl gehen, „dass das Kind als Ansprechpartner in allen sich in der Gemeinschaft ergebenden Nöten als schweigsamer Zuhörer und Tröster diente, war doch die Zelle der einzige persönliche Rückzugsraum“, heißt es im Freisinger Ausstellungskatalog.

Zeit des „Kindelwiegens“

Oder das Jesus-Kind wurde zum Mittelpunkt einer kleinen fast ganzjährigen Andachtsstelle. Nur im Advent blieb sie verwaist. In den Monaten vor dem Christfest sollten die Nonnen geistliche Schwangerschaft, Heimsuchung, Reise nach Betlehem und Herbergssuche nacherleben. Ab Weihnachten wurde dann das Kindbett Mariens nachgeahmt, und in manchen Frauenklöstern begann die Zeit des „Kindelwiegens“.

Für die Aufklärer des späten 18. Jahrhunderts, wie etwa den Freiburger Juristen und Theologen Johann Adam Kaspar Ruef, waren die Figuren hingegen kindisches Spielzeug, wie er schreibt: „In einem (...) nun aufgehobenen Kloster führten die Nonnen an Recreationstägen das Jesuskindlein in einem Wägelein an einem rothen Bändelein durch alle Gänge des Klosters; und am Osterdienstage mußte jede Nonne ihr Jesulein auf den Arm nehmen, und ihn gen Emmaus spazieren führen. Das weibliche Geschlecht hat einen natürlichen, unwiderstehlichen Trieb, mit Kindern umzugehen. Wenn es keine lebendigen hat, so schafft es sich aus Holz und Lumpen. Die Nonne bleibt noch mit fünfzig Jahren selbst ein Kind, das mit einer heiligen Puppe wie ein dreyjähriges Mädchen mit der profanen Docke spielt.“ Die Säkularisation 1802/03 beendete solchen klösterlichen „Aberglauben“ weitgehend.

Diese polemische Perspektive verstelle jedoch den Blick auf die ins Mittelalter zurückreichende Inkarnationsmystik, aus der die Jesuskind-Frömmigkeit wurzele, so der Leiter des Museums, Christoph Kürzeder.

Die Grundbotschaft des Christentums, dass Gottes Wort in Jesus Christus Mensch geworden sei, wurde seit der Gotik immer konkreter in Kunst und Predigt verbildlicht – schließlich als liebreizender Bub, der alle Sympathie der Betrachter auf sich ziehen sollte. Der Gründer des Zisterzienserordens, Bernhard von Clairvaux (1090 bis 1153), sagte, „der Stall predigt“, „die Krippe ruft“ und „die Tränen und das Wimmern verkünden die Frohe Botschaft“. Franz von Assisi inszenierte 1223 das Weihnachtsgeschehen in dramatischer Form, von da an verbreiteten sich überall Krippen. Die meisten klösterlichen Jesuskind-Figuren begegnen uns heute als Schöpfungen des Barock, jener Epoche, in der sich Wallfahrten und kirchliche Bräuche in besonderer Weise entfalteten. Es handelt sich meist um gefasste und mit verschiedenen Gewändern ausgestattete Holzskulpturen mit Glasaugen, Perücke und beweglichen Gelenken, vereinzelt wurden solche Figuren auch aus Elfenbein geschnitzt. Die Gewänder wurden stets aus kostbaren Materialien wie Seide gefertigt, die mit gestickten Gold- und Silberfäden dekoriert wurden, dazu nähten die Nonnen Perlen, Pailletten und Glassteine auf. Nicht immer blieben die Jesuskinder in Klosterzellen verborgen, zu manchen entwickelten sich auch Wallfahrten.

Bislang kinderlose Paare suchten die Jesuskinder auf, himmlische Hilfe wurde auch für kranke und verunglückte Kinder erbeten. Reutberg und Altenhohenau bei Wasserburg entwickelten sich zu solchen Gnadenorten. In München wurde das Augustinerkindl verehrt. Beispiele aus der weiteren Umgebung sind das Prager Jesulein, das Salzburger Lorettokindl oder das Christkindl von Steyr, das bis heute wegen des Weihnachtspostamts populär geblieben ist. (ger)

Ausstellung Die Ausstellung „Seelenkind“ im Freisinger Diözesanmuseum am Domberg wird bis 10. Februar gezeigt. Dazu ist ein knapp 400-seitiger Katalog zum Preis von 35 Euro erschienen.

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