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Pestenacker

18.06.2018

Mit der Drohne den Rehkitzen auf der Spur

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3 Bilder
Dr. Martin Israel zeigt Bauer Thomas Ott (Mitte) und Johannes Tschöp von der Tierscutz- und Tierregistierungsorganisation Tasso die Technik.
Bild: Stephanie Millonig

Dr. Martin Israel aus Hausen hat am Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum die Technik entwickelt, um Jungtiere im hohen Gras zu finden, bevor gemäht wird. Ein Praxistest.

Plötzlich springt ein Kitz auf und hüpft mit schrillen Lauten durchs hohe Gras. Auch sein Geschwisterchen bleibt nur kurz liegen und läuft dann weg. Eine nervenaufreibende Suche beginnt – mit Mensch, Hund und Multikopter.

Zwei Stunden vorher: Mit einem leisen Surren der acht Propeller steigt eine Drohne auf und beginnt den Kreutacker bei Pestenacker abzufliegen. Das Steuergerät bemüht Dr. Martin Israel nur zu Start und Landung, der Weg des Fluggeräts ist programmiert. Landwirt Thomas Ott hat den Diplom-Ingenieur, der nicht weit entfernt in Hausen wohnt, zur Unterstützung gerufen. Er will das hochstehende Gras mähen, um Heu für seine Pferdepension zu gewinnen. Bei den Flurstücken, die an einen Wald angrenzen, besteht die Gefahr, dass eine Rehmutter dorthin ihr Kitz – zumeist sind es sogar zwei Jungtiere – gebracht hat. Und deren Reaktion bei Gefahr ist in den ersten Lebenstagen, sich tief ins Gras zu ducken und liegen zu bleiben. Vor Kurzem hat ein Landwirt mit seiner Mähmaschine ein Kitz tödlich verletzt (LT berichtete).

Die Rehkitz-Suche beschäftigte ihn auch für seine Doktorarbeit

Martin Israel arbeitet beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen und beschäftigt sich mit der Methodik der Fernerkundung. Die automatisierte Rehkitzsuche ist seit zehn Jahren sein Thema, auch in seiner Doktorarbeit. „Die Aufgabe hat mich zum einen wissenschaftlich gereizt, aber auch, weil man draußen ist und es eine sehr sinnvolle Aufgabe ist.“

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Kurz vor der Mahd fliegt er mit seiner Gerätschaft die Wiesen ab, auf der Suche nach Rehkitzen, die geortet, gefunden und vor den scharfen Messern der Mähgeräte gerettet werden. „Mittlerweile mache ich es auch beruflich und arbeite in Oberpfaffenhofen nur noch in Teilzeit.“ Die Kitzrettung sei eine „Nische, in der es kaum Experten gibt“, erzählt Israel. Er berate unter anderem Kitzretter-Teams und habe auch die Technik weiterentwickelt sowie eine Wildretter-App entwickelt. Im Landkreis Bad Tölz-Wolf-ratshausen betreut er zwei Gruppen. Sie haben mit seinem Verfahren heuer schon 90 Kitze gerettet. Für die Bauern in der näheren Umgebung ist er ehrenamtlich unterwegs und nimmt nur eine Spende für den Aufwand. „Am besten ist, wenn der Bauer gleich mäht, nachdem ich geflogen bin.“ Denn es könnte sein, dass ein Reh seine Jungen in die Wiese führt, sobald einige Zeit vergangen ist. Rund eine halbe Stunde dauert die Absuche, inklusive Kitz raustragen, für ein mehrere Hektar großes Feld, schätzt Israel den Arbeitsaufwand. Auf den Wiesen von Bauer Ott ist Israel heuer den zwölften Tag unterwegs. Er hat auch eine Homepage mit Informationen: www.fliegender-wildretter.de.

30.000 Euro kostet das Gerät

Grün leuchtet das Gehäuse der Wärmebildkamera auf dem Oktokopter. 30.000 Euro kostete das Equipment. Der Multikopter gehört dem DLR. Israel hat die Technik selbst zusammengestellt. Es geht unter anderem darum, die Tier-Erkennung zu automatisieren. In der Nacht sei dies mit einer Wärmebildkamera schon möglich, erzählt der Wissenschaftler, am Tag ist es schwieriger, da die Wärmedifferenz nicht so groß ist. Da ist der Mensch dem Automatisierungsalgorithmus in der Erkennung noch voraus.

Aber nur ein Mensch mit entsprechender Schulung: Nachdem die Drohne zehn Minuten geflogen ist, füttert Israel seinen Laptop mit der SD-Karte der Kamera, und graue Muster erscheinen. Die Software hat Israel selbst entwickelt. „Hier, der Punkt vielleicht, aber eher unwahrscheinlich“, deutete er auf ein stecknadelgroßes Etwas. Es wird nachgeschaut: Bauer Ott, sein Sohn Samuel, Israels Sohn Valentin und Johannes Tschöp von der Tierschutzorganisation Tasso gehen durchs hüfthohe Gras zum vermeintlichen Kitz – es ist aber ein Ameisenhügel.

Auch eine Wiese weiter findet sich kein Reh. Doch dann, am Heißacker, zwei helle Stecknadelköpfe im Grau: Vorsichtig nähert sich die Mannschaft dem Punkt. Und es wird deutlich, wie schwierig es ist, im hohen Gras perfekt getarnte Tiere zu finden. Plötzlich, kaum erkennbar: Zwei junge Rehe, hingeduckt ins Gras. Sie sind jedoch schon größer: Anstatt sich im Drückreflex an den Boden zu schmiegen und sich so aufnehmen und raustragen zu lassen, entfliehen sie.

Die Kitze fliehen, aber in die falsche Richtung

Aber leider nicht aus der Wiese heraus, sondern mitten hinein. Also geht die Suche los. Israel sucht mit der Drohne, Tschöp nimmt seinen Hund, und Kinder und Reporterin staksen laut rufend durch die Wiese. Israel gibt einen Teil der Wiese frei, Thomas Ott beginnt zu mähen, begleitet von der Drohne, die runtergehen wird, wenn ein Kitz geortet ist, so die Übereinkunft. Auch per Mobilfunk sind Ott und Israel im Kontakt.

Irgendwann ist der Akku leer, die Drohne bleibt am Boden, nur noch Tschöp und der Hund sind unterwegs. Aber es funktioniert: Keiner sieht zwar, wann und wo die Kitze in den nahen Wald oder das benachbarte Rapsfeld hüpfen, aber „vermäht“ wird keines der beiden Tiere.

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