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Das christliche Wort

17.07.2020

Damit wir Menschen nicht nur Bahnhof verstehen

Es ist nicht immer leicht seinem Gegenüber richtig zuzuhören um ihn zu verstehen.
Bild: dpa (Symbol)

Plus Heute von Diakon Georg Steinmetz

Liebe Leserinnen und Leser,

am 13. Juli jährte sich der Geburtstag des Philosophen Hans Blumenberg zum einhundertsten Mal. Keine Sorge, ich werde jetzt nicht groß ins Philosophieren kommen. Ein Zitat von Hans Blumenberg ist mir von einer Sendung gut in Erinnerung geblieben: „Das Verstehen geschieht durch Zuhören!“

Verstehen geht durch Zuhören

Blumenberg wurde während seiner Vorlesungen häufiger von seinen Studenten unterbrochen und ließ sich in seinen Vorlesungen nicht unterbrechen. Er antwortete seinen Studenten mit dem schon zitierten Satz: „Das Verstehen geschieht durch Zuhören!“ Das hieß für ihn, dass die Studierenden verstehen lernen, wenn sie im Hören bleiben.

Mir fällt immer wieder auf, dass wir oft mitten im Satz des Gegenübers schon einwenden, unterbrechen und dadurch den vollen Sachverhalt des gerade Sprechenden ganz oft überhören. Natürlich ist es anstrengend, zuzuhören, vor allem, wenn große Wortwolken erzeugt werden.

Unterwegs nach dem Corona-Lockdown

Zuhören und daraus verstehen! Ich spreche wenige Sprachen, vor allem spreche ich Westfälisch und verstehe Schwäbisch. Osteuropäische Sprachen verstehe ich nicht. Und dennoch war ich mit Kolleginnen und Kollegen wieder einmal draußen unterwegs, auf meinem geliebten Rasthof im Hegau. Da fand wieder einmal eine Lenkpause für die Fahrer am Samstag statt. Das erste Mal nach dem Lockdown. Einer von uns, Pater Pedro, kann die Sprache der gestrandeten Fahrer und die Sprache des Herzens sehr gut verstehen und sprechen. Mit Pizzabroten besuchten wir die Fahrer an ihren dicht geparkten Lkw, hatten auch unsere kleinen Fernfahrerkreuze dabei.

Georg Steinmetz
Bild: Steinmetz (Archiv)

Ich verstand nichts von den Gesprächen, fühlte und verstand jedoch die große Freude und Zuneigung. Pedro erzählte uns nach jeder Begegnung: „Die Fahrer sprechen jedes Mal von Gott!“ An einer der letzten Stationen waren drei oder vier Fahrer beieinander. Sie sagten, sie seien orthodoxe Christen aus der Ukraine. Pedro, ukrainischer katholischer Priester, versteht ihre Sprache, versteht ihre Riten.

Spirituelle Atmosphäre

„Wir beten jetzt das Vaterunser auf Ukrainisch!“, sagt er dann unvermittelt und bekreuzigt sich drei Mal, wie es orthodoxe Christen so tun. Eine unglaubliche, tief spirituelle, andächtige Atmosphäre ist am Paletten-Kasten des Lkw-Aufliegers zu spüren.

Tief beeindruckt muss ich wieder feststellen: Hier fahren Menschen, ihre Würde ist heilig, ich verstehe ihre Sprache nicht, jedoch ihre Freude! Und zudem verbirgt sich Gott auf den Straßen dieser Welt. Ich wünsche Ihnen einen guten, verständnisvollen Blick, wenn Ihnen auf den Straßen Ihres Lebens diese Menschen begegnen.

Ihr Diakon Georg Steinmetz,

KAB-Diözesanpräses, Betriebsseelsorger und leidenschaftlicher Fernfahrerseelsorger, Lauingen

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